Besuch des jüdischen Friedhofes am 9.November

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Heute vor einem Jahr nutzen mein Vater und unsere Familie die Gelegenheit, in aller Ruhe den jüdischen Friedhof in Neheim zu besuchen. Es war der 9. November 2014.

Mit Tränen in den Augen und belegter Stimme kommen Erinnerungen hoch an seine Freunde aus Kindertagen, die durch das NS-Regime ermordet und verschleppt worden sind. Sie alle haben nicht überlebt.

Der alte Friedhof der ehemals jüdischen Gemeinde mit einst 172 Mitgliedern in Neheim wurde 1850 gegründet. Zehn Jahre später fand hier in Neheim die erste Beerdigung statt. Die bei den Arbeiten der Renaturierung wiedergefundenen Grabsteine galten 70 Jahre lang als verschollen im Ruhrtal. Die Freude war groß, als man im Zuge der Arbeiten zur Renaturierung der Ruhr in Neheim längst verschollen geglaubte Grabsteine wiederfand. Ganz besonders der Grabstein von Noah und Betty Wolff überraschten. Auch uns!

Der Besuch des jüdischen Friedhofes öffnet das Tor zu den Erinnerungen, zu den Ängsten und Erlebnissen der Kindheit meines hochbetagten Vaters, der mit 15 Jahren in den Kriegswirren in Gefangenschaft geraten ist. Traumatisiert kam er mit 17 Jahren zurück nach Hause. Niemand fragte danach, wie es in der Seele der jungen Menschen aussah, die dies überlebt haben. Irgendwie. Es gab keine Zeit für Traumabewältgung. Niemand interessierte sich dafür. Es galt, den Blick nach vorn zu richten, nicht zurück.

Die Jung´s - zwei Freunde aus dem gleichen Dorf im Sauerland- starteten ihre Ausbildung. Der eine als Schneider. der andere als Schreiner. Den Schneider verschlug es später nach Amerika und weiter nach Kanada. Die Freundschaft blieb bestehen, auch über diese Entfernung hinweg. Schrieb man sich früher Briefe, so telefonieren sie heute per Internet-scipe wöchentlich miteinander. Sie "kuiern platt" miteinander, so wie sie es im Dorf gewohnt waren. Oft stundenlang. Das tut Beiden gut. Sie sprechen über ihre Traumata miteinander, lenken den Blick sowohl nach vorn als auch nach hinten. Heute sind beide 86 Jahre alt. Freunde, die als Kinder und Jugendliche Dinge zu verarbeiten hatten, die unvorstellbar sind.

In memoriam. Mein Vater ist inzwischen verstorben. Danke, dass wir diesen Besuch auf dem jüdischen Friedhof in Neheim im letzten Jahr noch einmal gemeinsam erleben durften.
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