Dinslaken Ruhrtriennale: "Glück Auf!" für Mijnherr Simons

Anzeige
Johan Simons gibt sein letztes Interview vor Probenbeginn. Foto: JSP
 
Johan Simons berichtet über "Accattone" in Lohberg. Foto: JSP
 
Johan Simons: Schlagfertig, tiefgründig, gewürzt mit einer ordentliche Prise schwarzen Humors, liest den NA. Foto: JSP
Dinslaken: Kohlenmischhalle Zeche Lohberg | Exklusiv im Gesprächsporträt: Ruhrtriennale-Intendant Johan Simons über seine Eröffnugspremiere "Accattone".


Dieser Mann geht aufs Ganze, nimmt für sich volles Risiko. Exklusiv zu Probenbeginn im Gespräch: Johan Simons, der neue Intendant der Ruhr-Triennale eröffnet sein dreijähriges Wirken für diesen anspruchsvollsten Kultur-Job im Ruhrgebiet mit einer szenischen Umsetzung von Pier Paolo Pasolinis erstem provokanten Schwarzweiß-Film „Accattone“ (1961/62). In Welturaufführung als Musiktheaterstück. Am 14. August in Dinslaken. Auf Zeche Lohberg, Kohlenmischhalle.

Und Hollands hochgeehrter internationaler Theater-Regiestar inszeniert „Accatone“ selbst. Das Stück entsteht in Zusammenarbeit mit dem ihm verbunden belgischen Theater NT Gent.

In Pasolinis Film provozierten damals nicht nur thematisch das Porträt des Zuhälters in der Titelrolle des „Tunichtguts“, sondern auch die mit der Trivial-Tragödie kombinierten sakralen Chöre von J.S. Bach. „Accattone“ wurde vor 53 Jahren erst zum - nicht nur katholisch - boykottierten Skandal, dann preisgekrönt und ist heute der berühmte Erstling einer „schwulen Regie-Ikone“, die damit in ihrer emotionalen Tiefe Kinogeschichte schrieb. Johan Simons´ logischerweise fürs Theater ganz anderer künstlerische Ansatz ist nicht minder riskant: Die Bach-Kantaten will auch er.

Gesungen live von 33 Mitgliedern eines der besten Bach-Chöre Europas, dem Collegium Vocale Gent, in einer der größten „Kathedralen des Ruhrgebiets“.
Und er entwickelt diese Welturaufführung in der riesigen, weiten ehemaligen Kohlenmisch-Halle auf Zeche Lohberg : Wo der Schotterboden für ihn „die Wüste“ abgibt, die „einen Menschen umgeben kann“. Weil „die Natur immer größer ist als der Mensch.“. Denn auch im Revier holt sich die Natur ja zurück, was der Mensch ihr einst auf Dauer zu nehmen versuchte.

Am Nachmittag der Premiere sorgt der Ruhrtriennale-Chef dort für eine Debatte über „Sieg und Niederlage einer Gesellschaft ohne Arbeit“ und lässt „Die Zukunft den Arbeitslosen!“ fordern, bei freiem Eintritt versteht sich.

„Accatone“-Eintritts-Karten gibt´s ermäßigt schon ab 10 Euro.
Passender geht´s nicht für Lohberg: Bei Pasolini gerät der nichtsnutzige Herumhänger aus der verkommenen Vorstadt in gewalttätige Konflikte, als seine auf den Strich geschickte Stella einen Unfall erleidet. Am Ende segnet ihn der Obergangster mit gefesselten Händen, als er (Accattone) mit den Worten „Jetzt geht´s mir besser...“ seinen Geist in den Film-Nachspann aufgibt.

Mit Hannelore Kraft unter Tage

Simons, der schon mit Hannelore Kraft in ein Bergwerk einfuhr, witzelt nicht oberflächlich, sondern mit Tiefgang: „Irgendwann sind wir alle unter Tage.“ Etwas von der Emotionalität des Reviers hat er empfunden, als er mit der Mülheimer Landesmutter danach das Steigerlied gesungen hat.

Der Empfehlung zum Spielort der aufgelassenen Zeche Lohberg ist er nicht zufällig gefolgt: Wie die Italiener schon früh Roms Vorstädte verkommen ließen, die Pariser ihre „Banlieus“, aus der die Charlie-Hebdo-Killer kamen, hat wohl das Ruhrgebiet, hat letztlich auch hier eine Stadt ohne objektiv ausreichendes Engagement und ohne objektiv genügend phantasievolle Maßnahmen die Menschen, vornehmlich die chancenlosen jungen Männer, einer katastrophalen Entwicklung überantwortet. Ins optisch nach wie vor schmucke Lohberg flossen zwar Gelder, wie in den Erhalt des Ledigenheims, während um die Ecke Islamisten jahrelang eine Reihe Jugendliche in die Mörderecke predigten. Die Stadt blieb nicht ganz untätig, wie die damalige Islam-Religions-Lehrkraft heutiger Halsab­schnei­der nun öffentlich zu berichten weiß, doch, was geschah, war eben, wie heißt es so treffend: „Zu spät, zu wenig...“.

Johan Simons ist einer, der die jahrtausendealten Mittel des sinnlichen Theaters beein­druckend einzusetzen weiß. Er betont, aus einfachen Verhältnissen in Südholland zu stammen, versuchte sich als Tänzer, dann als Schauspieler und Regisseur, übernahm irgendwann seine Truppe als Leiter, bespielte mit “ZT / Hollandia“ ungewöhnlichste Spielorte. Und fusionierte mit anderen freien Gruppen, erweiterte ins flämische Belgien, wurde international erfolgreich.

Seine Inszenierungen waren schon oft in früheren Ruhr-Triennalen hier zu sehen: Als die ihm liebsten eigenen solcher Arbeiten nennt er freimütig „Sentimenti“ und „Fall der Götter“, mit „Accattone“ möchte er nun ebenso Intensives hinzufügen. Jetzt, nur wenige Tage vor Beginn der Vorproben morgen früh auf einer Probenbühne der Kammerspiele München saugt er noch im zentralen Gelsenkirchner Intendanz-Büro der Triennale begierig jede Information aus allen Lebens-Bereichen des Ruhrgebiets auf, von biographischen Einzelheiten handelnder oder zaudernder Personen über Dinslakens schwarzen Pogrom-Tag 10. November (mit der Schändung und Vertreibung der jüdischen Waisenhauskinder) bis zu Aliierten-Details der Revier-Teilung in drei Bezirks-Regierungen.

Nieder-Niederländer?! Wenn das Revier absackt

Simons notiert sich sowas oder bittet seine Pressechefin mit dem Recklinghäuser-bosnischen Familien-Hinter­grund darum. Legt die heimische Zeitung „De Volkskrant“ auf die schwarze Werbetüte von der RAG Immobilien, weist einen unbekannten „VIP-Anrufer“ am sonst abgeschalteten Handy ab mit dem alten Kantinen-Schauspieler-Witz „War nur Spielberg!“. Das mit den Ewigkeitskosten im Nachgang des verstorbenen Bergbaus interessiert ihn. Und wie weit das Ruhrgebiet absacken würde, wenn man die Pumpen unter Tage nicht mehr laufen lassen würde - „dann wärt Ihr unsere „Niederlande“, grinst er jungenhaft mit Schalk in den wachen Augen, „dann wärt ihr die Nieder-Niederländer“.

Anarchische Kreativität à la Zadek und Bausch

Und gleichzeitig ist in diesen Augen da immer noch der längst auf der Bühne von ihm „verarbeitete“ Schrecken des Kindes Johan bei der Holland-Überschwemmung 1953. Die er als Kind in der Dorpstraat von Heerjansdam südöstlich von Rotterdam an der Hafenkant überlebte. Wer ihm zu nahe zu kommen versucht, der wird bei diesem Mann das Maß seiner Sensibilität erst in seinen Aufführungen erleben - in dieser Hinsicht ähnelt er Pina Bausch und Peter Zadek, die ehrlich gesagt auch erst in dieser „vielfältigen Region“ ihre bisweilen anarchische Fantasie voll entwickelten.

Nach München, als Intandant der renommierten Kammerspiele, an das städtische Theater hatte Simons der neue Kulturdezernent Küppers geholt. Der war früher Kulturamtschef in Mülheim, sah auch beim Dramatikerwettbewerb „stücke“ und bei der Triennale viele sehr gute Theateraufführungen, wurde Kulturdezernent im Nach-Zadek-Bochum und dann der Münchner. Als Simons dort erfolgreich war, wie es besser kaum ging (Theater des Jahres, „Faust“-Preis-Ehrung), kündigte er seinen Abschied zur Ruhr-Triennale an. Begründung: Er wolle, auch wenn seine Frau als Schauspielerin schon mal in München spielte (übrigens auch bei Accattone), wieder mehr bei seiner Familie in Gelderland sein! Da wohnt er am Oude Waal, dem südlichsten Arm des Rhein-Deltas. Und ist gleich nah entfernt von Gelsenkirchen-Leithe und seinem geliebten Theater Gent. Und wenn man ihn darauf aufmerksam macht, er könne ja praktisch mit dem Boot direkt von zuhause bis nach Hünxe-Drevenack zu den Dinslakener Proben schippern und dort gut ankern, überlegt er gleich, wie lange er flussaufwärts dazu brauchen würde.

„Mit dem Boot zur Probe nach Lohberg?“

So ist er, dieser sensible Mann, der in die Vielfalt des Ruhrgebiets passt, wie kein Ruhrtriennale-Intendant vor ihm: Erst mal denkt er an die künstlerische Bergfahrt, an die anstrengende Herausforderung bei der Theater-Flussfahrt „Richtung Quelle“!
Also: „Glück Auf, Mijnheer!“. (Und falls diesmal ein amtierender Bochumer Kulturdezernent am Handy sein sollte: Immer drangehen, ist nicht viel weiter als Gelsenkirchen von Holland aus, die vertraute Jahrhunderthalle liegt ja schließlich auch dort.)

Die Dinslakener Welturaufführung „Accattone“ spielt in der Kohlenmischhalle der früheren Zeche Lohberg ab 14. August 2015 (Eröffnungs-Premiere), dann am 15.,19.,20., 22. und 23.8. (Simons geht dann gleich in die Musiktheater-Proben zur Wagner-Oper „Rhein­gold“, wobei es sich laut ihm bei diesem Gold natürlich um die Steinkohle handelt.).

Wer den lau­fenden Vorverkauf zu „Accattone“ nicht nutzt, wird es bedauern, das Stück geht anschlie­ßend gleich nach Gent zum Festival. Aber: Platz ist in der größten Halle! Noch.

Karten u.a. im Pressehaus Dinslaken, Friedrich-Ebert-Str. 40, Telefon: 02064- 41900.
0
Information zu Weiterempfehlungen Einstellungen für Weiterempfehlungen
 auf anderen WebseitenSenden
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.