Offene Diskussion: Standort für Flüchtlingsunterkunft an der Schwanenstraße geplant

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von Lisa Mathofer


„Wir sind von der kurzfristigen Standortauswahl der Flüchtlingsunterkunft sehr überrascht worden und wurden vor der heutigen Sitzung nicht einbezogen“, sagt Christian Weghaus. Der Voerder wohnt mit seiner Familie in der Schwanenstraße, ist Geschäftsführer der Steuerberatung Laakmann und Weghaus. Die Einwohnerfragestunde in der öffentlichen Sitzung des städtischen Ausschusses für Wirtschaftsförderung und Liegenschaften ist in vollem Gang.

Rund 120 Voerder sind gekommen, um mit Bürgermeister Dirk Haarmann, Planungsdezernent Wilfried Limke und dem städtischen Ausschuss über den Standort der geplanten Flüchtlingsunterkunft an der Schwanstraße zu diskutieren. Sie alle sind direkte Anwohner des geplanten Baus und stellen ihre Fragen, erzählen aber auch kritisch von ihren Sorgen und Ängsten.
Bürgermeister Haarmann zeigt Verständnis: „Ich kann gut verstehen, dass Sie sich überrannt fühlen. Aber wie zielführend wäre es, mit allen Anwohnern der Standorte, die wir in Erwägung gezogen haben, ohne konkrete Vorgaben in die offene Diskussion zu gehen? Damit machen wir nur Sie ja nur unnötig nervös oder verrückt." Doch auch Martin Scholz, Sohn des Gärtnereibesitzers Willuns an der Schwanenstraße, kritisiert die kurzfristige Information der Bürger. Auch er habe sich übergangen gefühlt; eine Woche bis zur Sitzung, um sich persönliche Fragen zu überlegen, sei einfach zu kurz. „Ich glaube, ob wir die Diskussion um die Unterkunft drei Wochen oder drei Monate führen, es sind die gleichen Fragen und Sorgen, es bringt nichts, das über Monate in der Öffentlichkeit zu diskutieren“, entgegnet Haarmann.

Dirk Haarmann: "Es bringt nichts, das über Monate in der Öffentlichkeit zu diskutieren."

Die Auswahl des Standortes begründet die Stadt mit mehreren Faktoren. Die eigene Fläche der Stadt zwischen Schwanenstraße, Kronprinzenstraße und der Bahnlinie sei dezentral, aber gut an Schulen und Einkaufsläden angebunden. „Wir wollen vermeiden, die Flüchtlinge in Turnhallen unterzubringen, so wie das andere Städte tun. Uns war wichtig, ein Signal zu setzen, dass wir Integration in unserer Stadt ermöglichen“, sagt Haarmann. Christian Weghaus sieht das anders. Zusammen mit anderen Anwohnern hat er vor der Sitzung die Wege ins Zentrum berechnet. Rund zwei Kilometer zu Einkaufsmöglichkeiten und Schulen – Das sei für die Flüchtlinge zu Fuß nicht zumutbar. Kritik, der Bürgermeister Haarmann mit leichtem Sarkasmus entgegnet: „Ich denke, solche Distanzen sind zu Fuß oder mit dem Fahrrad gut hinzunehmen. Wenn das in Ihren Augen unzumutbar ist, warum wohnen Sie dann da?“ Dem Johlen der Anwohner setzt auch Wilfried Limke entgegen: „Die Menschen, die zu uns flüchten und unterkommen, brauchen erstmal Beschäftigung, da ist ein Fußweg von 20 Minuten ein großes Tagesziel. Glauben Sie mir, das sind Dimensionen, die wir uns nicht vorstellen können, da ist so ein Weg gar kein Thema.“
Doch die Sorgen der Voerder gehen noch weiter. Der Lärm durch die nahe liegende Bahnlinie sei nicht zumutbar für die teils traumatisierten Flüchtlinge. „Wir müssen ihnen ein ruhiges Zuhause geben, ich zweifel stark an, dass das an diesem Standort gegeben ist“, sagt Martin Scholz. Und eine weitere Gefahr berge der angrenzende Zugverkehr.

Sorgen um traumatisierte Menschen

„Ich mache mir wirklich Sorgen um diese teils traumatisierten Menschen, und das tue ich aus tiefstem Herzen“, sagt Scholz. „So dicht an der Bahn, das ist doch wie ein Freifahrtschein für einen Suizid. Wie wollen Sie die Flüchtlinge ausreichend psychologisch betreuen, um so etwas zu verhindern?“ Laut Bürgermeister Haarmann sei die psychologische Betreuung durch Fachkräfte sichergestellt. Er ergänzt: Wer die sichere Absicht habe, sich umzubringen, werde auch weitere Wege auf sich nehmen, um das zu tun.
Die meisten Anwohner der Schwanstraße beschäftigt an diesem Abend auch eine andere Sorge. Viele von ihnen besitzen rund um die geplante Flüchtlingsunterkunft Einfamilienhäuser. Entstehen in dem Wohnhaus Konflikte und Gewalt, kommt es zu Lärm, auch angehäuften Müll um das Haus befürchten einige Voerder. Ein Zustand, der zu einem Wertverlust ihrer Immobilien führe. Eine Sorge, die Haarmann den Anwohnern nehmen kann. In dem Haus sollen lediglich knapp 70 Flüchtlinge untergebracht werden, die eng sozialpädagogisch betreut werden. „Müllregeln kann man lernen und Lärm im Sommer gehört zu den normalen Begleiterscheinungen, wenn man in einer Stadt wohnt“, erklärt er. „Außerdem achten wir darauf, die Bewohner nach kulturellen oder religiösen Differenzen möglichst getrennt unterzubringen.“ Konfliktfreies Wohnen ermöglicht die sogenannte Modulbauweise der Unterkunft. Das maximal zweigeschossige Haus kann individuell mit Zimmern und eigenen Badezimmern und Küchen gebaut und eingerichtet werden – je nachdem ob Familien oder Einzelpersonen dort einziehen. Eine Bauweise, die auch bei der Erich-Kästner-Schule angewendet wurde und neben Flexibilität auch Lärmschutz und eine gute Wärmeisolierung garantiere.

Nutzung nicht längerals drei Jahre geplant

Die geplante Unterkunft kann laut besonderer Baugenehmigung für maximal drei Jahre genutzt werden, nach Fertigstellung wäre das bis 2022. „Wir reden hier von einer vorübergehenden Unterbringung, nicht dauerhaft“, betont Haarmann. Wie alle deutschen Städte sei auch Voerde verpflichtet, Flüchtlinge aufzunehmen. Nach dem offiziellen Verteilungsschlüssel müsse die Kleinstadt 0,22 Prozent aller nach Deutschland Geflüchteten aufnehmen. Für Bürgermeister Haarmann ist die Aufnahme jedoch bei Weitem mehr als nur städtische Pflichterfüllung: „Ich sehe es als humanitäre Aufgabe, die wir als Stadt wahrnehmen müssen. Jegliche Prognose über Flüchtlingszahlen ist da überhaupt nicht gegeben, wenn man täglich in den Medien die überfüllten Flüchtlingsboote auf dem Meer sieht.“ Am Donnerstag, 6. Juli, lädt die Stadt Voerde um 18.30 Uhr zu einem großen Bürgerdialog ein, um über die weiteren Schritte der Flüchtlingsunterkünfte an den Standorten Schwanenstraße, Scheltheide und Weseler Straße zu informieren. Spätestens am 7. November soll im Rathaus die endgültige Entscheidung über den Bau an diesen Standorten fallen. Bürgerdialog
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