Erinnerungsbericht von Chefarzt Dr . Heinrich Börger an die Zerstörung des St. Anna Krankenhauses 1944

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Am 18., 19. und 20. Mai 1944 weilte ich zu kurzer Erholung in meiner Heimat Emsdetten.

In der Früh des 22. Mai wurde ich um 4 Uhr im Hotel Zur Post jäh aus dem Schlaf geweckt von meiner Nichte mit dem Bemerken, ich müsse sofort nach Hause zurückfahren. Tanzte J. habe angerufen, dass mein Krankenhaus in Huckingen schwer bombardiert worden wäre.

In schneller Fahrt bei freier Straße machte ich mich auf den Weg. Die Gedanken wirbelten nur so durcheinander und schwankten dauernd zwischen größter Furcht und leiser Hoffnung. Im Stillen hatte ich natürlich das Gefühl, es würde vielleicht doch nicht so schlimm sein und meine Hilfe nur hauptsächlich deshalb erwünscht, um den Verletzten beistehen zu können.

Mein Entsetzen war deshalb umso größer, als ich in Huckingen die Landstraße voll Feuerwehr etc. stehen sah und schon daraus schließen konnte, dass hier ein enormer Schaden entstanden war. Als ich dann mit meinem Auto um die Ecke bog, blieb mir fast das Herz stehen beim Anblick des großen, sich mir darbietenden Trümmerhaufens.

Meine erste Frage im Krankenhaus: „Haben wir Tote?“

Die Zahl wurde zunächst mit 5 Kranken angegeben, von denen Einer bereits auf dem Weg der Genesung war, während alle anderen 4 sozusagen hoffnungslos Fälle waren, die über kurz oder lang ihrem Leiden sowieso erlegen wären.

Dann aber hörte ich, dass der Luftschutzkeller, in dem sich unser gesamtes Personal befand, von den Trümmerhaufen zugeschüttet sei. Man hatte angeblich Klopfzeichen gehört. Ein nach kurzer Zeit herbeigerufenes Horchgerät wollte sogar den Ruf nach Wasser gehört haben.

Ein inzwischen eingetroffener Bagger legte nun die Stelle frei und bereits nach ganz kurzer Zeit mussten wir feststellen, dass die Decke des Luftschutzkellers nicht gehalten hatte und die ganzen Schuttmassen des vierstöckigen Gebäudes auf und in den Keller hinein gestürzt waren.

Damit schwand jede Hoffnung, überhaupt noch jemand lebend zu bergen.

Der unermüdlichen Arbeit der Baggerleute ist es zu verdanken, dass 42 Personen, die hier begraben lagen, bis auf einen restlos wieder ans Tageslicht befördert werden konnten. Alle Leichen wurden identifiziert und ein Teil davon wurde bereits wieder auf dem Gottesacker der Erde zurückgegeben.

3 Schwesternschülerinnen, die zu den besten Hoffnungen berechtigten, 7 junge Mädchen aus der Küche, eine Rot Kreuz Helferin, verschiedene Angestellte des Hauses, unser Schweizer mit seiner Frau, zwei Töchtern, einem Bräutigam und einem Kind, also im Ganzen 6 Personen aus einer Familie, unser Heizer, unser Schlosser, die Frau unseres Gärtners, hatten in den Trümmern ihren Tod gefunden, neben 9 Ukrainerinnen, die uns ebenfalls in den vergangenen Jahren wertvolle Dienste geleistet hatten. Von unseren eigenen Schwestern wurde niemand verletzt. Wie wir überhaupt merkwürdigerweise im ganzen Hause keine Verletzten hatten.

Es war eine der modernsten Sechstonnenbomben, die das Unglück hervorgerufen hatte. Einige Leichen wurden vom Pathologischen Institut in Düsseldorf geöffnet und dabei festgestellt, dass sie noch nicht einmal Staub in den oberen Luftwegen hatten, dass sie also gewissermaßen „schlagartig“ gestorben sind.“

Erinnerungsbericht von Chefarzt Dr . Heinrich Börger

Dieser wurde mir z.V. gestellt im Jahr 1979 von Dr. Hildegund Börger, Großenbaum, Angermunder Straße - Tochter von Heinrich Börger

Auch die Chronik „ 75 Jahre St. Anna Krankenhaus“ erhält weitere Angaben über den Angriff:

In der frühen Nachtstunde am 22. Mai 1944 zertrümmerte um 1.25 Uhr eine Bombe und eine Luftmine den Mittelbau des Krankenhauses, der mit lautem Getöse in sich zusammenfiel. Dabei ist nicht nur die Funktionstüchtigkeit des Krankenhauses empfindlich gestört worden, es waren auch 48 Tote zu beklagen.

Im Luftschutzraum für die Angestellten, direkt unter der Röntgenabteilung, werden 42 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter getötet. Dasselbe Schicksal erleiden sechs Personen, die in den unteren Etagen geblieben sind, drei Kranke auf Zimmer 11 und zwei im Flur der Station 1. Dazu noch eine Frau, die ihren sterbenden Mann nicht alleine lassen will. Mit dem Bett ihres Mannes geht sie in die Tiefe. Das zweite Bett bleibt stehen, doch der Patient ist ebenfalls tot.

Unwahrscheinliches Glück hat Schwester Eugenia, die bei den beiden Schwerkranken Wache hält. Vom Luftzug wird sie hinter das stehengebliebene Bett geschleudert – und bleibt am Leben. Bis der letzte Tote geborgen war, vergingen 16 Tage.

Gottlob, den Kranken und dem Personal im Luftschutzkeller des Neubaus ist nichts passiert.

Aber im Hause bleiben können sie nicht. Frühmorgens gegen 6 Uhr werden sie abtransportiert, nach Kaiserswerth und nach Krefeld – Hüls.

Der ganze Umfang des schrecklichen Geschehens wird erst in den nächsten Tagen erkennbar.

Es sind nämlich noch weitere Bomben auf das Krankenhausgelände gefallen .

Ein Brandkanister trifft die Scheune. Im Nu steht sie in Flammen, und die Gebäude ringsherum sind durch die Brandfackel in helles Licht getaucht.

Auch das Haus der Cellitinnen in der Remberger Straße ist in der Bombennacht total zerstört worden. Die Mieter müssen andere Quartiere suchen. Nichts funktioniert mehr, weder Telefon noch Strom noch Gas noch Wasser. Und damit gibt es auch keine Heizung mehr.

Für die im Haus verbliebenen Schwestern und Krankenschwestern beginnt eine böse Zeit. Mit Mädchen, Arbeitern und russischen Arbeitern hausen sie in den Kellerräumen. Für Dienstbesprechungen suchen sich die Teilnehmer windgeschützte Ecken im Haus. Es ist trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit so kalt, dass die Wintersachen, soweit sie noch erhalten sind, hervorgeholt werden.

Viel schlimmer geht es bei den Bergungsarbeiten zu. Die Luftschutzpolizei (LSP) taucht die Trümmerstätte in gleißendes Scheinwerferlicht. Gibt es Überlebende? Die Arbeiten kommen nicht voran. Es fehlt an schwerem Gerät. Ob der Rohrkanal einen Weg zu den Verschütteten freigibt? Der Versuch schlägt fehl. Die OT (Organisation Todt) aus Köln wird angefordert. Sie kommt mit einem Bagger. Nun wird der zerstörte Luftschutzraum von außen freigelegt. Die ersten Leichen werden geborgen. Aber es dauert noch drei Tage, bis die Mehrzahl der Toten gefunden ist.

Die meisten Hausangestellten gehören dazu, drei Schülerinnen der Krankenpflegeschule, die Gartenarbeiter, die fünfköpfige Familie des Schweizers, des Leiters der Ökonomie. Der Schlosser Fritz Poll wird erst 16 Tage später im Rohrkanal gefunden. Er war durch die Druckwelle mit der Wand des Kellerganges in die Rohrleitung gedrückt worden.

Die Schwestern, die freien Schwestern, die Schülerinnen und die Hausangestellten entwickeln, unterstützt von zusätzlichen Helfern nie erahnte Fähigkeiten. Täglich kommen Kommissionen, die besichtigen und gutgemeinte Vorschläge für den umfassenden Wiederaufbau machen. Aber praktische Hilfe? Davon ist nichts zu sehen. Die Bauerlaubnis kommt nach 8 Wochen.

Die OT kann kein Personal abstellen. Die Stadt stellt keinen einzigen Bauarbeiter. Zu Hilfe kommen aber Ausländer, die bei den Flaksoldaten eingesetzt sind. Und das nur aufgrund von guten Beziehungen. Auch deutsche Soldaten helfen sporadisch mit. Und vor allem fünf französische Gefangene, ganz ausgezeichnet arbeitende Facharbeiter.

Besondere Sorge macht die Kapelle. Nur das Gerippe ist stehengeblieben. Ein paar Eisenträger halten die Ruine zusammen. Die Baukommission will die Reste sprengen. Aber der Sicherheitsdienst (SHD) stützt die Mauern ab, um den Wiederaufbau zu erleichtern.

Als vorläufige Kapelle wird der Raum in der Verlängerung des Schwestern Refektoriums hergerichtet. Vier Wochen nach dem Bombenangriff wird darin das erste Messopfer gefeiert.

Vom Röntgenzimmer ist nichts übriggeblieben. Aus dem Nähzimmer kommen beim Baggern Stoffe zum Vorschein, schmutzig und zerrissen.

Da die Heizung ausgefallen ist, funktioniert auch die Dampfwäscherei nicht. Mit der ersten Wäsche hilft das St. Johannes Hospital in Hamborn aus. Dann engagieren sich die Schwestern in Großenbaum mit ihrer kleinen Haushaltswaschmaschine.

Schließlich stellt das Mutterhaus in Köln eine gebrauchte „Gas Waschmaschine“ zur Verfügung. So kann 7 Wochen nach dem Angriff endlich wieder im Hause gewaschen werden. Das war auch dringend nötig. Im Labor stapelte sich die schmutzige Wäsche zuhauf.

Ganz langsam und mit viel Improvisation und Organisationstalent geht der Wiederaufbau vonstatten. Der Vorraum des Labors wird in eine Dunkelkammer verwandelt. So kann das fahrbare Röntgengerät eingesetzt werden. Nach 8 Wochen angestrengter Arbeit ist der Neubau, einschließlich der Klausuretage, soweit fertiggestellt, dass Plätze für 60 Kranke vorhanden sind.

Als wahrer Schützer des Hauses erweist sich Chefarzt Dr. Börger. Die Stadt will das Haus in ein Altenheim umwandeln. Börger setzt sich energisch dafür ein, dass das Haus Krankenhaus bleibt. Er selbst hält Sprechstunden im Haus für ambulante Patienten.
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