vom himmel DURCH DIE WELT zur hölle

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Essen: Grillo Theater | Was: Faust I + II
Wo: Grillo Theater, Essen
Wann: Donnerstag, 03.10.2013

• Faust.
• Der Tragödie erster Teil
• Der Tragödie zweiter Teil
• 3 Stunden
Welcher dieser vier Punkte passt nicht zu den Anderen?
Mit radikalen Streichungen jagt Christoph Roos im Essener Grillo-Theater durch das goeth‘sche Drama. Für Himmlisches bleibt nicht viel Raum. Weder gibt es ein Vorspiel im Himmel mit göttlicher Wette, noch eine Errettung. Mephisto hat das letzte Wort in diesem äußerst irdisch inszenierten Faust. Im Fokus des ersten Teils steht die Gretchen-Handlung. Auf Auerbachs Keller, Pudel oder Hexenreime wird verzichtet.
Während in Bochum Mahir Güniray den Mephisto vervielfachte, lässt Roos hingegen Faust in fünffacher Ausführung auftreten. Man kommt nicht umhin sich zu fragen: sind die Rollen zu komplex für einen einzigen Schauspieler? Was ist aus den guten alten zwei Seelen geworden? Ist die allgemeine Reduktion der Bühnenbilder zulasten einer opulenten Verschwendung an Körperlichkeit für Figuren gegangen? Das Bühnenbild selbst passt zum sehr weltlich dargebotenen Stoff: es wird dominiert von aufgeschütteten Erdhügeln. Diese bedecken einen schwenkbaren Plexiglasboden, welcher zum Beispiel Gretchens Tragödie im Kerker abbildet- der Boden neigt sich immer mehr, bis Gretchen schließlich fällt.
Im zweiten Teil zeigt sich auch optisch ein klarer Bruch. Faust hat seine rustikaler anmutende Kleidung abgelegt und ist nun im Anzug gewandet. Die Erzählung nimmt Fahrt auf: Faust steht als DJ an den Plattentellern, Faust führt Krieg, Faust bekommt eine junge Schönheit, mit ihr einen rotzlöffligen, rebellischen Sohn, Faust revolutioniert das Finanzsystem, Faust greift ins Land ein ….“immer vorwärts“. Hier von konkreter Rückbezüglichkeit zu moderner Lebenswirklichkeit zu sprechen ist nur teilweise korrekt. Früher war der Lauf der Zeit nicht schneller oder langsamer –er war nur nicht im Livestream via Smartphone abrufbar. Das Gefühl des erhöhten Tempos wird durch das Sichtbarwerden der Gleichzeitigkeit und Optionalität verstärkt. Einzig irritierend ist es, dass trotz des enormen Erzähltempos manche Abschnitte eher langatmig geraten.
Dem wirkt entgegen, dass von Roos verschiedene Spielarten der Darstellung auf den Plan gerufen werden. Die Euphorion-Episode wird in ein geschmeidig-gefälliges Pop-Duett von Faust und Helena verpackt, welches immer wieder von Euphorions schiefen Punkrock-Passagen durchbrochen wird. Und im Hintergrund wiegt sich Mephisto aalglatt zur Musik.
Roos eröffnet einen sehr klaren eigenen Diskurs zum Faust-Stoff und seinen bereits unbegrenzten bestehenden Diskursen. In seiner Inszenierung lässt er sich nicht von den zahllosen Möglichkeiten ablenken die das mächtige Werk mit sich bringt sondern konzentriert sich klar auf eine Lesart. Hier steht „Faust der Macher“ im Vordergrund. Ganz nach dem Vorbild der Faustischen Bibelübersetzung in welcher aus „Am Anfang war das Wort“ ein „Am Anfang war die Tat“ wird.
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