Schalke-Kampfschwein Marc Wilmots: „Das Team von 1997 ist unsterblich!“

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Im Schloss Horst begann der offizielle Teil der Uefa-Pokal-Party 1997. Marc Wilmots steht ganz rechts.
 
Marc Wilmots verwandelte 1997 den entscheidenden Elfmeter im Uefa-Cup-Finale für den FC Schalke 04. Seit zwei Wochen ist er nun Trainer der Elfenbeinküste. (Foto: Gerd Kaemper)
 
Im Hinspiel des Uefa-Cup-Finalspiels war es Marc Wilmots, der den 1:0-Siegtreffer erzielt hatte.
 
Mittendrin, statt nur dabei: Marc Wilmots zwischen Jens Lehmann und Olaf Thon.

Im Interview mit dem Stadtspiegel Gelsenkirchen reicht der Rückblick vom Ex-Schalker Marc Wilmots über einen belgischen Bauernhof 1986, seinen ersten Besuch im Parkstadion 1996, den Elfmeter im Giuseppe-Meazza-Stadion ein Jahr später, bis hin zu Erinnerungen an Rudi Assauer, Huub Stevens, Horst Heldt und - belgische Süßigkeiten!

Stadtspiegel: Warum haben Sie sich vor zwei Wochen entschieden, die Fußball-Nationalmannschaft der Elfenbeinküste zu übernehmen, Herr Wilmots?
Marc Wilmots: „Bei diesem Angebot hatte ich das gewisse Kribbeln im Bauch, das ich auch hatte, als ich damals als Spieler zum S04 gewechselt bin, weil Rudi Assauer mich dafür begeistern konnte. Damals konnte das auch keiner verstehen und viele haben mich gefragt, ob ich bescheuert sei. Aber die Aufgabe mit der Elfenbeinküste reizt mich. Sie hatte sportlich zuletzt Probleme und ich möchte mit ihr nun die Qualifikation zur Weltmeisterschaft 2018 schaffen.“

"Am Ende hieß es nur noch Benfica Lissabon oder Schalke. Aber das Angebot von Benfica habe ich auch abgelehnt."

Stadtspiegel: Als Sie zum ersten Mal ein Schalke-Spiel besuchten, war das am 21. April 1996 gegen …
Wilmots (unterbricht): „… gegen Mönchengladbach!“

Stadtspiegel: Richtig. Das wissen Sie also noch genau?
Wilmots: „Ich war krank und konnte für Lüttich damals nicht spielen, als Rudi Assauer mich deswegen eingeladen hat. Als ich dann im Parkstadion war und die 60.000 Zuschauer erleben durfte, habe ich Rudi sofort gesagt, dass ich nicht mehr nach England wechseln möchte. Am Ende hieß es nur noch Benfica Lissabon oder Schalke und das Angebot von Benfica habe ich dann auch abgelehnt.“

Stadtspiegel: Haben Sie Rudi Assauer in den vergangenen Jahren besuchen können?
Wilmots: „Ab und zu, zuletzt nicht mehr. Mit seiner Tochter Bettina habe ich aber Kontakt. Rudi selbst erkennt mich oder andere Leute leider nicht mehr. Bettina weiß aber, dass, wenn es ein Problem gibt, sie mich oder alle anderen „Eurofighter“ von 1997 jederzeit anrufen kann. Rudis Krankheit ist leider nicht heilbar, das müssen wir akzeptieren. Wie seine Tochter sich aber um ihn kümmert, ist beeindruckend und toll.“

Stadtspiegel: Zurück zum aktuellen Geschehen: Gab es Angebote aus der Bundesliga, ehe Sie der Elfenbeinküste zugesagt haben?
Wilmots: „Über andere Angebote möchte ich nicht sprechen. Ich bin jetzt bei der Nationalmannschaft und das ist meine Aufgabe.“

Stadtspiegel: Sind Sie noch auf Horst Heldt sauer, der laut Ihrer Aussage ausgerechnet am Tag des wichtigen Europameisterschaftsqualifikationsspiels zwischen Ihrer ehemaligen Mannschaft Belgien und Wales Ihnen für den Job auf Schalke absagte?
Wilmots: „Wir hatten seitdem keinen Kontakt. Das Thema ist aber auch vorbei. Damals war es nicht schön, aber jetzt gilt es nach vorne zu schauen. Ich hatte auch kein Problem mit Horst Heldt oder Schalke. Wir haben nur unterschiedlich gedacht.“

Stadtspiegel: Mittlerweile sind Sie bekanntlich nicht mehr Trainer Belgiens, kennen sich aber selbstverständlich dort bestens aus. Welche Chancen rechnen Sie den belgischen Mannschaften Anderlecht und Genk im Viertelfinale der Europa League aus?
Wilmots: „Anderlecht hat gegen Manchester United überhaupt nichts zu verlieren. Scheiden Sie aus, ist es völlig normal. Gewinnen sie, wäre das tolle Werbung für Belgien. Genk hat es mit Celta Vigo auch schwer und der Respekt vor spanischen Mannschaften ist groß. Dennoch würde ich behaupten, dass die Chancen für beide Klubs bei 50:50 stehen.“

Stadtspiegel: Trauen Sie dem S04 den Gewinn der Europa League zu?
Wilmots: „Erst einmal muss Schalke nur auf sich schauen. Die Schalker sind etwas stärker als Ajax Amsterdam und wenn sie weiterkommen und beim Auslosen etwas Glück haben und nicht schon im Halbfinale auf Manchester United treffen, ist alles möglich. Der kürzeste Weg, nächste Saison wieder international spielen zu können, indem die Europa League gewonnen wird, sollte alle Spieler zusätzlich motivieren. Aber zunächst muss Ajax besiegt werden. Da treffen zwei Philosophien aufeinander.“

"Normalerweise müsste Schalke sich gegen Ajax durchsetzen!"

Stadtspiegel: Inwiefern?
Wilmots: „Ajax hat gerne viel Ballbesitz, viele junge Spieler, die schnell sind und viel laufen können und zudem hohes Pressing spielen. Die Frage ist nur, wie diese jungen Spieler mit Druck umgehen können. Normalerweise müsste Schalke sich aber durchsetzen.“

Stadtspiegel: Dürfen die aktuellen Spieler auch „Eurofighter“ genannt werden?
Wilmots: „Die Mannschaft von 1997 und die von heute kannst du nicht vergleichen. Damals war Schalke gefühlt ein 40 Millionen Euro-Paket, heute ist es ein 250 Millionen Euro-Paket, allein schon wegen der Arena, des Medicos’ - der gesamte Kader von heute ist auch viel größer als unserer damals. Ich kann mich noch erinnern, dass wir zum Ende hin keinen Stürmer hatten und ich gegen Inter Mailand als einzige Spitze gespielt habe, obwohl meine Schulter eigentlich auch kaputt war. Wir sind über Grenzen gegangen. Das Team von 1997 ist unsterblich!“

Stadtspiegel: Das Team trifft sich am 21. Mai wieder, wenn das Jubiläumsspiel der Eurofighter stattfindet, das gleichzeitig auch das Abschiedsspiel für Huub Stevens ist. Der S04 hat schon angekündigt, dass Sie auch dabei sind. Sind es es?
Wilmots: „Ich will dabei sein, ja. Ich muss nur schauen, ob ich das wegen meines neuen Jobs nun auch terminlich schaffe. Vielleicht werde ich zu dem Zeitpunkt im Ausland sein. Aber ich werde alles geben, um dabei sein zu können.“

Stadtspiegel: Ingo Anderbrügge hat gesagt, dass Sie was von ihm zu hören kriegen, wenn Sie nicht kommen. Er will unbedingt noch einmal in der Umkleidekabine neben Ihnen sitzen.
Wilmots (lacht): „Das will ich auch! Es wäre ein tolles Wiedersehen der ehemaligen Mitspieler und auch mit den Schalke-Fans. Das war und ist ein Teil meines Lebens. Leider geht die Arbeit aber immer weiter. Mal schauen, ob es klappt.“

Stadtspiegel: Haben Sie noch Kontakt mit Huub Stevens?
Wilmots: „Das letzte Mal habe ich ihn vor fünf Wochen gesprochen. Ich kann nur sagen, dass er ein top, top, top, top Mensch ist. Nicht nur ein Fußball-Fachmann. Keiner kennt ihn so richtig menschlich. Er hat mir damals auch viel Freiheiten als Spieler gegeben.“

"Die Null muss stehen!"

Stadtspiegel: Haben Sie sich, als Sie Trainer wurden, Tipps und Ratschläge von Huub Stevens eingeholt?
Wilmots: „Nein. Ich hole mir nie Tipps von irgendjemandem ein. Ich gehe meinen eigenen Weg.“

Stadtspiegel: Was ist das Erste, was Ihnen einfällt, wenn Sie an Huub Stevens denken?
Wilmots: „Die Null muss stehen (lacht)!“

Stadtspiegel: War dieser Satz, den jeder Schalker kennt, tatsächlich so wichtig für Stevens und in der Mannschaft?
Wilmots: „Wir hatten, je länger die Saison dauerte, wenig Stürmer, wie ich eben schon einmal sagte. Huub hat deswegen immer gesagt, dass zunächst die Null hinten stehen muss. Wenn wir dann mal einen Freistoß bekommen, muss ein Treffer erzielt werden. Wir haben toll gekämpft und mit der Taktik keine Torchancen des Gegners zugelassen. Das war unsere Stärke. Wir haben im Uefa-Cup zu Hause nie ein Gegentor kassiert. Nur einmal, das war 1998 im Viertelfinale gegen Inter Mailand in der Verlängerung - und prompt sind wir ausgeschieden.“

Stadtspiegel: Was bleibt Ihnen von 1997 besonders in Erinnerung?
Wilmots: „Das wir tolle Spieler wie unter anderem Youri Mulder, Ingo Anderbrügge, Jiri Nemec oder Olaf Thon hatten.“

"Mit 17 Jahren wog ich 91 Kilogramm. Ich kam vom Bauernhof."

Stadtspiegel: Ingo Anderbrügge hat gesagt, dass Sie auch „Kampfschwein“ getauft wurden, weil Sie zu gerne belgische Süßigkeiten genascht haben.
Wilmots (lacht): „Ich weiß noch, als ich 17 Jahre alt, wog ich 91 Kilogramm. Ich kam vom Bauernhof und als ich in Lüttich gespielt habe, sollte ich eine Diät machen. Habe ich auch, aber ich habe mit den Profi-Jahren auch an Muskelmasse dazu gewonnen und ich glaube, dass ich auch aufgrund meiner Figur später so zweikampfstark war (lächelt).“

Stadtspiegel: Sie sprechen Ihre Karriere an, in der sie belgischer Meister, belgischer Pokalsieger, DFB-Pokal-Sieger und Uefa-Cup-Gewinner wurden, viele Länderspiele als Spieler absolvierten und auch als Trainer von Belgien erfolgreich waren. Was ist das größte Highlight Ihrer Karriere?
Wilmots: „Das Finale 1997 mit Schalke in Mailand war das größte Highlight, der größte Erfolg. Die größte Leistung glaube ich, war aber mit Belgien bei der WM 2002, als wir erst gegen Brasilien im Achtelfinale 0:2 verloren, obwohl ich zunächst ein reguläres Tor zum 1:0 für uns schoss, was aber aberkannt wurde. Und dabei hatte ich eigentlich gar nicht damit gerechnet, noch mit zur WM mitzufahren.“

Stadtspiegel: Was ging in Ihnen vor, als Sie den entscheidenden Elfmeter im Uefa-Cup-Finale verwandelten?
Wilmots: „Das kann man nicht beschreiben. Der Weg von der Mittellinie bis zum Elfmeterpunkt war lang, 80.000 Zuschauer pfiffen mich aus und alle wussten, dass wir Großes für Schalke erreichen könnten und der Klub von einem Sieg auch langfristig profitieren könnte. Aber der Moment selbst geht viel zu schnell vorbei. Leider.“

"Schalke ist noch in meinem Blut!"

Stadtspiegel: Findet die aktuelle Saison auf Schalke noch ein versöhnliches Ende?
Wilmots: „Es sind noch sieben Spiele in der Bundesliga zu absolvieren, da ist noch alles möglich. In der Europa League sowieso. Die Situation ist ähnlich wie 1997. Schalke kann jetzt noch Sechster werden und das wäre kein schlechtes Ergebnis. Ich würde mich freuen, weil Schalke noch in meinem Blut ist. Wenn alle in dieselbe Richtung denken und gehen, dann kann der S04 Großes erreichen. Und dann hätte ich noch einen Wunsch…“

Stadtspiegel: Und der wäre?
Wilmots: „Dass Schalke jedes Jahr im Europapokal spielt!“
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