Novembertag ...

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  Ein neuer Tag lag vor ihm. Still wie ein See, dessen glatte Oberfläche noch von keinem Windhauch gekräuselt wurde. Nur die aus dem Dunst steigende Sonne färbte diesen glatten Spiegel in ein milchiges, rosig warmes, goldenes Licht, das aus der Tiefe des Sees aufzuleuchten schien.

In den anbrechenden Tag würde er eintauchen wie in alle Tage, die er erlebt hatte. Und auch dieser Tag würde sich hinter ihm schließen wie die Haut des Wassers nach dem Eintauchen.

… Als Junge war er mit einem kleinen Holzboot auf einen italienischen Bergsee hinaus gerudert. Und nicht weit vom Ufer entfernt, hatte er in der Tiefe des kristallklaren Wassers einen knorrigen Baumstamm entdeckt. Er stieß eines der Ruder senkrecht ins Wasser. Aber den Stamm konnte er so nicht erreichen, obwohl er zum Greifen nahe schien. Er legte das Ruder zurück ins Boot, richtete sich auf und sprang kopfüber ins klare Wasser. Mit geöffneten Augen tauchte er seinem Ziel entgegen. Nach einigen Schwimmzügen ließ er die erste Luft ab, die wie in kleinen Silberkugeln nach oben perlte. Jetzt wurde ihm klar, den Baumstamm würde er nicht erreichen können. Die Distanz war größer als er angenommen hatte. Nur der Schatten seines eigenen Körpers legte sich zitternd über die Umrisse des Stammes. Er ließ sich an die Wasseroberfläche hochschießen, prustete die restliche Luft aus, um sofort neue in seine Lungen zu ziehen. Noch schnaufend hangelte er sich ins Boot zurück …

Es war ein ungewöhnlich sonniger Tag für Anfang November. Früh schon war er zum alten Friedhof gefahren, um eine Kerze am Grab seiner Eltern anzuzünden. Es war nicht so, dass er dieses Grab als Erinnerungsstätte benötigte. Seine Gedanken waren auch ohne diesen Grabstein mit der Vergangenheit verbunden. Es waren gute und schlechte Zeiten. Auch wenn sie längst hinter ihm lagen, konnte er viele Situationen immer noch abrufen. Auch die Stimmen und Geräusche, die Gerüche und Gefühle.

Er mochte das Geräusch, das seine Füße auf den Kieswegen des alten Friedhofs erzeugten. Es löste eine wohltuende Ruhe in ihm aus. Er fühlte sich hier auf eine besondere Weise mit der Vergangenheit verbunden. Die Namen vieler seiner Bekannten und Verwandten begegneten ihm hier. Frisch in Stein gehauen – oder fast unleserlich verwittert. Schon seine Großeltern mütterlicherseits wurden hier begraben.
Auf dem Rückweg erfreute er sich an dem leichten Dunst, der noch zwischen den Sträuchern und Grabsteinen hing, und an den Sonnenstrahlen, die sich schon hinter den hohen, alten Bäumen hervorwagten, und die Herbstblätter in ein verzaubertes Licht rückten. Ein gutes Gefühl machte sich in ihm breit. Und er genoss es, noch zu leben.

Bisher konnte er mit seinem Leben zufrieden sein. Es war doch ganz gut gelaufen, wie man so sagt. Klippen wurden umsegelt, Stürme ausgestanden. Es gab Träume, die zu hoch geflogen und der Sonne zu nah gekommen waren – und Gefühle, die sich unerreichbar auf den Grund eines Sees abgelegt hatten. An Tagen wie heute tauchen sie schon mal auf. Wie Seejungfrauen mit meerblauen oder bernsteinbraunen Augen. Zu weit entfernt, um sie zu berühren.

So schließen sich die Tage hinter ihm – einer nach dem anderen. Und die Nächte senken sich ...



1. November 2014 / Bilder und Text: G. Lambert
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Nicole Altmeyer aus Witten | 01.11.2014 | 21:32  
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