Interview: Die Begierden des Jürgen Becker

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Hat sich untenrum schon mal freigemacht. Foto: Simin Kianmehr
 
Schade dass man die Ohren nicht sieht, dahinter hat er's nämlich faustdick. Foto: Simin Kianmehr
Am Mittwoch, 14. September, kommt der Kabarettist Jürgen Becker in den Werkhof Hohenlimburg. In seinem Programm "Volksbegehren" geht's um den Akt als solchen.


Herr Becker, Sie geben ja ganz schön an mit Ihrem Wissen!
Wieso?

Zuerst erklären Sie uns den rheinischen Kapitalismus, dann sämtliche Religionen und die Kunstgeschichte. Und jetzt die Fortpflanzung.
Ja, ich finde das sehr naheliegend.

Warum?
Nach neuesten Forschungen denken Männer 60 Prozent des Tages an Sex.

Belastet Sie das auch?
Ja, da bleiben ja nur 40 Prozent für Fußball übrig.

Einem Fan des 1. FC Köln reicht das doch dicke.
Wenn Sie das so so sehen...

„Volksbegehren - Kulturgeschichte der Fortpflanzung“ heißt Ihr Programm. Wo bleibt denn da die Liebe?
Liebe ist ein ganz anderes Thema. Fortpflanzung fand ich spannend, weil ich gemerkt habe, dass die Kirche lügt, wenn sie behauptet, Sex sei für die Fortpflanzung da.

Sie kennen die Wahrheit?
Ja, Sex entstand unter dem Druck der Feindabwehr. Auch Bakterien und Viren versuchen ja, uns zu killen. Die finden auch irgendwann einen Schlüssel, wie sie uns erledigen können.

Es sei denn …
… wir haben Sex. Wenn wir uns irgendwann nicht mehr nur kopieren, sondern mischen, wenn aus zwei verschiedenen Lebewesen ein ganz neues entsteht, dann blicken die Bakterien nicht mehr durch. Es ist so, wie wenn ein Wirt von Rockern gepiesackt wird. Der muss dann statt Rock-Musik Florian Silbereisen auflegen und dann hat sich das erledigt.

Mischen ist also besser als kopieren?
Genauso ist ist.

Das ist doch eine Kampfansage an Thilo Sarrazin.
Auf jeden Fall, kopiert werden eben auch die Deppen. Und das will die Natur eigentlich nicht.

Nacktschnecken müssten eigentlich nicht kopulieren, tun es aber trotzdem, vermutlich, weil es ihnen Spaß macht.
So eine Schnecke, die wird zwölf Jahre alt. Bei deren Tempo reicht das gerade für das Vorspiel. Es gibt auch andere Mischformen. Zum Beispiel bei den Bienen, da wird ja nur die Königin begattet. Wir müssten dann alle mit Angela Merkel schlafen. Ich bin mir nicht sicher, ob die das will. Außerdem wird dann ihr Mann Joachim sauer.

Wird ein guter Liebhaber zum IS-Schergen und ist Pegida chronisch untervögelt?
Es ist wie in der Liebe: Man sagt "Gegensätze ziehen sich an", aber auch "Gleich und gleich gesellt sich gern". Wenn das Ressentiment überwiegt, wird es anstrengend, wie zuletzt bei der Erdogan-Demo in Köln: Ich gönne den Türken die Meinungsfreiheit und das Demonstrationsrecht. Auch wenn Sie dafür demonstrieren, dass in der Türkei die Meinungsfreiheit und das Demonstrationsrecht eingeschränkt wird. Diese Absurdität muss man aushalten.

Schon was die Sitten betrifft.
Ja, wenn die Germanen mal mussten, haben sie ein Loch gegraben und reingemacht. Die Römer haben eine Leitung gebaut und ihre Exkremente in den Rhein gespült. Da dachten die Düsseldorfer: Guck mal, der Rhein verändert seine Farbe, da brauen wir jetzt Bier draus.

Warum muss der Kölner das Nachbardorf denn immer runterputzen?
Weil man daran sehen kann, dass die Angst vor dem Fremden immer über Abgrenzung funktioniert. Hagen hat bestimmt auch eine verfeindete Nachbarstadt.

Äh?
Egal: Bei den Maori gibt es eine Volksgruppe, da sind die Mädchen schon mit zwölf Jahren tätowiert. Uns ist das fremd.

Stimmt.
Bei uns sind sie's erst mit 14. In Süd-Ost-Asien treffen sich Männer, die keinen Sex mehr haben, in speziellen Männerhäusern.

Das gibt’s bei uns aber auch.
Ja, bei uns heißt das OBI.

Der Rheinländer vermehrt sich doch ausschließlich im Karneval?
Richtig! Der Rheinländer begegnet so dem Problem, dass es zwei Geschlechter gibt.

Bei welcher Gelegenheit, denken Sie, tut das der Westfale?
Ich vermute stark auf der Jakobus-Kirmes in Breckerfeld.

Die Natur ist bei der Geschlechterfrage recht einfallsreich.
Der Wasserfloh kann sich in ein Weibchen verwandeln. Das wäre für den Menschen sehr praktisch zum Beispiel in Gegenden, wo es kaum Frauen gibt, also in Aachen. Das steht ja ein Jesuitenkloster für Männer, das nennt sich RWTH.

Gibt es heute mehr Sex in der Öffentlichkeit als vor 30 Jahren?
Ja, ein Drittel des gesamten Datenverkehrs im Internet ist pornografischen Inhalts, pro Sekunde werden 30.000 pornografische Filme runtergeladen, zehn Prozent der Frauen und 60 Prozent der Männer konsumieren mindestens einmal in der Woche Pornos im Netz und das passiert zu 70 Prozent an Werktagen zwischen 9 und 17 Uhr. Man wundert sich, dass in deutschen Büros überhaupt noch gearbeitet wird. Das Wort Gleitzeit kriegt eine ganz neue Bedeutung.

Wo Sie grad gleiten sagen, fahren Sie nach Ihrem schweren Unfall eigentlich wieder Motorrad?
Ja, da habe ich sofort nach der Reha wieder mit angefangen.

Hohenlimburg ist ja ein sehr kurvenreiches Revier. Nutzen sie die Gelegenheit für eine Runde?
Nein, dafür tun mir die Anwohner zu sehr leid.

Der Künstler:

Jürgen Becker ist auf dem Gymnasium zweimal sitzen geblieben und von der Schule geflogen. Dann Realschulabschluss in Köln-Ehrenfeld und Ausbildung als grafischer Zeichner bei 4711.
Auf dem zweiten Bildungsweg absolvierte er ein Fachhochschulstudium der Sozialarbeit (mit Abschluss!), aber dann Firmengründung: Druckerei, 10 Mitarbeiter.
1984 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des alternativen Karnevals "Stunksitzung". Nach elf (!) Jahren überließ er Biggi Wanninger den Präsidentensessel und setzt seitdem sein Wirken in Radio, Fernsehen, am Schreibtisch und vor allem auf der Bühne fort.
Regelmäßig ist Jürgen Becker mit seinem Partner Didi Jünnemann in der "Frühstückspause" auf WDR 2 zu hören. Neben Wilfried Schmickler moderiert er die "Mitternachtsspitzen".
In Beckers Programmen kann man immer etwas lernen: Über Kunst, Ethik und Glaube, Wirtschaft und Politik.

Karten gibt es unter Tel. 02334-929190 oder über info@werkhof-kulturzentrum.de.
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