Junge Forscher: Schüler erkunden das Polenlager

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Der polnische Konsul Dariusz Klaczko empfing die jungen Schüler Hendrik von Hagen (l.), Michelle Dewender und Jan Matuszak in der Stadtbücherei. Foto: privat

Bald ist es 70 Jahre her, dass der Zweite Weltkrieg endete - eine lange Zeit. Die heutige Schülergeneration hat nicht einmal mehr den Fall der Mauer erlebt, können sie da mit der Zeit um 1945 überhaupt etwas anfangen? Drei Schüler der Gesamtschule Olfen tauchen in Haltern tief in die Geschichte ein - und wurden dafür sogar vom polnischen Konsul empfangen.

Am Anfang war das große Fragezeichen. "Wir wollten uns mit unserer Schule am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten beteiligen", erklärt Michelle Dewender, "aber wir hatten keine Ahnung, welches Thema wir bearbeiten sollen." Die junge Halternerin steht in der Gesamtschule Olfen im letzten Jahr vor dem Abi, und nun wartete eine neue Aufgabe auf die 19jährige. Eine große dazu, denn der Wettbewerb der Körber-Stiftung unter dem Motto "Anders sein. Außenseiter in der Geschichte" hat keinen geringeren Schirmherren als Bundespräsident Joachim Gauck und spricht junge Menschen in der ganzen Republik an. Eine gute Platzierung spräche nicht nur für eine hervorragende Leistung, sondern würde sich auch gut im Lebenslauf der Abiturientin machen. Jetzt musste ein Thema her, aber was?

"Wir konnten ein privates oder lokales Geschichtsthema nehmen", erinnert sich Michelle, aber auch zusammen mit ihren beiden gleichaltrigen Mitschülern, Jan Matuszak und Hendrik von Hagen, jonglierte sie zunächst mit verschiedenen Ideen, die sie aber alle nach und nach wieder verwarf. "Dann stieß ich auf das Polenlager", berichtet die Schülerin.

Ein düsteres Kapitel (1945 - 1948)


Das "Polenlager" ist ohne Zweifel eine der düstersten Episoden in der Halterner Nachkriegsgeschichte. Nachdem die Nazityrannei ab dem 1. September 1939 Europa mit Krieg überzogen hatte, wurden in sechs Jahren tausende polnische Menschen als Zwangsarbeiter ins Deutsche Reich verschleppt, wo sie unter unmenschlichen Bedingungen für Hitlers Militärmaschinerie schuften mussten. Als die Alliierten 1945 Deutschland besetzt hatten, sahen sie sich mit einer riesigen Anzahl von sogenannten "displaced persons" konfrontiert. Für diese Menschen musste kurzfristig eine temporäre Bleibe geschaffen werden, bevor man überhaupt an eine Rückführung in ihre zerstörte, und inzwischen auch von der Sowjetarmee besetzte Heimat denken konnte. Einer der Orte für ein solches Zwischenlager war Haltern.

Diesmal waren es die Halterner, die aus ihren Wohnungen geholt wurden. 3500 Deutsche wurden zwangsgeräumt, damit die polnischen Vertriebenen unterkommen konnten - so ist es kaum verwunderlich, dass sich in der einheimischen Bevölkerung weitere Ressentiments gegen die Polen verbreiteten. Im Lager selbst mussten sich bald 5500 Flüchtlinge um 15 Duschen streiten, und neben den katastrophalen hygienischen Bedingungen brachen sich Kriminalität und Schwarzmarkthandel Bahn. Eine dreijährige konfliktreiche Zeit für alle Seiten begann - ein schwieriges Thema für drei 19jährige Schüler.

Hilfe aus der Stadtbücherei


Doch sie bekamen Schützenhilfe von einem erfahrenen Historiker und Quellenexperten: Stadtbücherei-Chef Bernhard Köster öffnete den Schülern Archiv, Bibliothek und beide Ohren, und so konnte die Arbeit der Drei beginnen. "Es kostet Zeit und Kraft, und die Quellenlage ist schwierig", betont Michelle Dewender. Glücklicherweise unterstützt die Schule die Arbeit und schenkt den jungen Forschern zwei Stunden in der Woche für ihre Recherche. Dabei stießen sie auf unerwartete Erkenntnisse.

"Einige der ehemaligen Zwangsarbeiter wollten nicht mehr in ihre Heimat zurück", sagt Hendrik von Hagen. "Polen war von den Russen besetzt, und sie versprachen sich bessere Chancen im Westen." Das war auch für Jan Matuszak eine Überraschung: "Das hätte ich so nicht erwartet, und das widerspricht auch etwas meiner bisherigen Vorstellung von dieser Zeit." Da waren Menschen, die von einem fremden Land angegriffen, verschleppt, erniedrigt, ausgebeutet und fast umgebracht worden waren - und dennoch wollten sie bleiben, und helfen, ihr Leben und dieses Land wieder aufzubauen. "Da gab es Polen, die haben sich gegen ihre Landsleute zusammengetan, wenn sie Unrecht verüben wollten", berichtet auch Michelle fasziniert. Statt einem schwarz-weißen Geschichtsbild entdeckten die Schüler auf einmal sehr viele Graustufen, je weiter sie in die Materie vordrangen.

Bewegende Gespräche


Besonders bewegend waren für die jungen Menschen die Gespräche mit Zeitzeugen, von denen es nicht mehr viele gibt in diesen Tagen. Sie sprachen mit ehemaligen Insassen, deren Bewachern und Halterner Bürgern, die sich noch an die drei Jahre des Lagers erinnern können. "Die Interviews durften wir auch filmen", erklärten die Drei. Um bei so vielen Quellen und Gesprächen den roten Faden nicht zu verlieren, wurden und werden sie von Berhard Köster und ihrem Geschichtslehrer unterstützt.

Eine besondere Ehre wurde den drei jungen Forschern nun bereits zuteil: Der polnische Konsul Dariusz Klaczko, der Haltern einen Besuch anlässlich einer Gedenkveranstaltung abstattete, empfing Michelle, Jan und Hendrik in der Stadtbücherei Haltern.

"Das war sehr informativ und spannend", freuten sich die Schüler, "wir durften auch einige private Fragen stellen und uns über die persönliche Auffassung des Botschafters über das deutsch-polnische Verhältnis erkundigen". Begeistert berichten die Drei, wie nett und freundlich sie von dem polnischen Würdenträger empfangen wurden.

Hilfe ist willkommen


Nun steht noch etwas Pflicht auf dem Programm, bis auch die Kür vollendet ist: In den kommenden Wochen wollen die Abiturienten ihr ehrgeiziges Projekt weiter verfolgen und die Ergebnisse für den Wettbewerb bis kommenden Januar zusammenstellen.

Dabei bitten sie die Halterner um Mithilfe: "Fotos und Dokumente aus der Zeit wären für uns sehr nützlich", unterstreicht Michelle, "und ganz besonders würden wir uns über Zeitzeugen freuen, die uns etwas über das Lager berichten können." Wer den dreien helfen möchte, kann sie unter der Nummer Tel.: 0157 8 94 77 579 erreichen.
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