Ausstellung erinnert an die Flucht von 14 Millionen Deutschen

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"Meine Geschichte habe ich keinem richtig erzählt, erst später, als die Kinder größer waren". Grete, 92 Jahre alt, erinnert sich an ihre Flucht
 
Gesichter einer Flucht. Banner-Collage: Kruse, Gute Botschafter

Haltern. Angesichts der aktuellen Flüchtlingssituation erinnern sich auch Deutsche an eigene Fluchterlebnisse. Vor rund 70 Jahren suchten 14 Millionen deutsche Flüchtlinge und Vertriebene eine neue Heimat. Wie Betroffene ihr Schicksal erlebten und wie es ihr weiteres Leben beeinflusste, schilderten die deutschen Teilnehmer der freien Journalistin Gerburgis Sommer. Grete, heute 92 Jahre alt, wurde als junge Frau nach Russland verschleppt und landete später in Westfalen.

Ihr Portrait ist eines von 18, die in der Ausstellung „Schau mich an - Gesicht einer Flucht“ noch bis zum 18.09. in der St. Laurentiuskirche und vom 24.09. bis 02.10. im Paul-Gerhardt-Haus in Haltern zu sehen sind.

"Im Januar 1945 hatte der Russe Ostpreußen eingeschlossen. Da war ich 20 Jahre alt. Wir wollten aus Elbing noch übers Frische Haff und die Nehrung fliehen, aber es war zu spät. Die Russen haben zuerst alle Männer mitgenommen. Meinen Vater habe ich nie wieder gesehen.
Wir Frauen und Kinder wurden in einen Schafstall außerhalb der Stadt verjagt. Der Schnee lag 30 cm hoch. Als nach einigen Tagen die Lebensmittel knapp wurden, wagten wir uns in die Siedlung. Russen mit aufgesetzten Bajonetts griffen uns auf. Meine Mutter und ich sind ganz eng beieinander gelaufen. "Wenn sie schießen, dann sind wir beide weg", haben wir gedacht. Dann wurden meine Mutter und ich getrennt. Sie wurde bis ans Eismeer verschleppt und kam erst 1947 zurück.
Eines Tages hieß es "Auf! Auf!". Wir waren zwei bis drei Tage lang zu Fuß unterwegs, viele Leute, tausend und mehr. Als wir in Mohrungen ankamen, waren die meisten vor Schwäche gestorben. Auf offenen Lastwagen fuhren wir nach Insterburg. Dort wurden jeweils 42 Personen in einen Eisenbahnwaggon geladen. Drei Wochen lang haben wir nur gehockt.
Durch das Uralgebirge kamen wir in eine Stadt hinter Omsk, wo wir unter Tage arbeiten sollten. Es gab nur nackte Holzpritschen, auf denen wir schlafen konnten, kein Stroh, keine Decken. Ich hatte zwei Mäntel. Einen zog ich an, den anderen wickelte ich um die Beine. Später machten wir in der Steppe das Land urbar. Dort lebten wir in 16- und 32-Mann Zelten. Eine sehr nette deutsche Jüdin, Ida, hat uns betreut. Sie hat alles für uns getan. Sie sagte: "Ich habe Euch Deutschen alle gehasst, aber ihr habt genauso wenig Schuld wie ich."

Später lernte ich meinen Mann kennen. Er war Bahnarbeiter und verwundet aus der englischen Gefangenschaft zurückgekehrt. Wir haben fünf Kinder bekommen. 1968 haben wir in Haltern gebaut. Wir hatten schon eine schöne Zeit.


Am 25. Juli 1945 ging es Richtung Heimat. Wir hörten, dass in Elbing die Polen sind, konnten also nicht nach Hause. Über mehrere Stationen ging ich im Sommer 1946 nach Brünen bei Wesel. Eine Bauernfamilie hat mich aufgenommen und ich habe viel gearbeitet. Später lernte ich meinen Mann kennen. Er war Bahnarbeiter und verwundet aus der englischen Gefangenschaft zurückgekehrt. Wir haben fünf Kinder bekommen. 1968 haben wir in Haltern gebaut. Wir hatten schon eine schöne Zeit.
Meine Geschichte habe ich keinem richtig erzählt, erst später, als die Kinder größer waren. Viele wissen gar nicht, dass ich aus Ostpreußen komme. Die denken, ich stamme um die Ecke, aus Wesel. Vertriebene waren nach dem Krieg nicht gut gelitten. Es ist so wie mit den Flüchtlingen heute, über die wird auch nicht gut gesprochen. Mir tun sie leid. Viele sind zuhause besser aufgehoben, als die riskante Überfahrt zu wagen. Aber man kann sich kein Urteil erlauben. Wenn ich gewusst hätte, dass die Russen uns vertreiben, wäre ich vorher auch geflohen."

Grete, heute 92 Jahre alt, wurde als junge Frau nach Russland verschleppt und landete später in Westfalen.
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