Nachmittag mit Flüchtlingen hinterlässt tiefen Eindruck

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Haltern. Am Freitagnachmittag fand bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen unter der Leitung von KFD, KAB, dem Caritas Arbeitskreis und der Seniorengemeinschaft Haltern ein Willkommensnachmittag statt für alle Menschen, die neu in Haltern sind. Zahlreiche ehrenamtliche Helfer um Herrn Van Endern und Frau Löbbert hatten den Saal im Josefshaus zu einem Willkommenscafé hergerichtet und konnten sich über regen Zulauf freuen.

Die Organisatoren begrüßten die zahlreichen Gäste aus aller Herren Länder auf deutsch und englisch und unversehens wurde ich gebeten, die kleine Ansprache auf farsi und arabisch zu übersetzen.
Mein Hund Paulchen zog in der Zwischenzeit die Kinder in seinen Bann und so war das Eis schnell gebrochen und ich hatte die Gelegenheit zu vielen interessanten Gesprächen.
Nach dem Kaffee stand eine Stadtführung auf dem Programm. Alle Interessenten wurden je nach Sprache in verschiedene Gruppen aufgeteilt.
Die Gruppe, der ich mich anschloß, bestand aus Syrern, Afghanen, Iranern, kurdischen Jesiden, Eritreern und Irakern.

Still und sehr bescheiden erzählten Sie Ihre Geschichten


Auffällig war, dass es sich ausschließlich um junge Männer handelte. Keine einzige Frau. Still und sehr bescheiden erzählten Sie Ihre Geschichten während wir unseren Rundgang durch die Stadt machten. Sie sind alleine hier, aber nicht allein stehend. Sie alle haben Familie. Frauen, kleine Kinder, Geschwister und Eltern von denen sie hoffen, Sie nachholen zu können, sobald Sie hier Fuß gefasst haben. Wenn! Viele wirken auch hier und jetzt hoffnungslos. Was die Zukunft ihnen bringen wird, ob sie bleiben oder abgeschoben werden wissen sie nicht. Ich höre mir sehr gespannt und mit wachsender Bedrückung die zum Teil abenteuerlichen Geschichten ihrer Reisen an.

Einer zeigt mir Fotos auf seinem Handy. Bilder seiner Tochter in Schuluniform, im Garten, auf Ausflügen. Dann sein Haus. Ein hübsches Einfamilienhaus im orientalischen Stil. “Wunderschön“, schwärme ich. Er sagt nichts dazu.
Er tippt still mit dem Finger das nächste Bild an: Das selbe Haus; zerschossen, zerbombt, in Schutt und Asche gelegt.
Das nächste Bild: Nachbarn enthauptet in einer Blutlache im Staub der Straße.
Das nächste Bild: Junge Männer, gefangengenommen von bis an die Zähne bewaffneten Schergen der IS.
Das nächste Bild: Ein bärtiger, alter Mann bewacht mit meterlangem Krummsäbel eine Gruppe bis zur Unkenntlichkeit verschleierter Frauen auf einem Marktplatz. An die Brust jeder einzelnen ein Zettel geheftet mit dem Verkaufspreis. Von 100-500 $ alles dabei...

Mehr Bilder kann ich mir nicht ansehen. Ich kann es schon jetzt kaum noch ertragen und weiß nicht, was ich sagen soll. Zum Übersetzen unserer Stadtgeschichte, die Anna Haverkamp so anschaulich auf englisch erläutert, komme ich nicht. Gleichzeitig erzählen mir Menschen mit großem Mitteilungsbedürfnis ihre ganz persönlichen Geschichten auf persisch, arabisch, englisch und französisch. Die Schicksale von Menschen, die seit dem Irak-Iran Konflikt keinen einzigen Tag in Frieden verbracht haben. Für einige bezieht sich diese Spanne auf ihr komplettes Leben.

Am Ende des Nachmittags bin ich bedrückt und sehr nachdenklich. Es ist eine Sache, diese Fakten aus den Medien zu kennen aber eine völlig andere, sie aus den Mündern direkt Betroffener zu erfahren. Die Flüchtlingsproblematik ist ein Stück näher an mich heran gerückt an diesem Nachmittag. So nah, dass es beinahe irrwitzig erscheint, nun zum Feierabend überzugehen und in den Nachrichten die neuesten Diskussionen zur Begrenzung der Einwandererzahlen anzuhören …
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