Vom Euphorietaumel in den Abgrund

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Hinter den Jalousien verstecken sich die Figuren im neuen Stück „Pornographie“. Doch mit dem Hochziehen der Jalousien werden die Abgründe sichtbar. (Foto: Jakob Studnar)
 
Im wahrsten Sinne des Wortes: Das Geschwisterpaar, das mehr als platonische Liebe füreinander empfindet, steht am Abgrund. (Foto: Jakob Studnar)

Was 9/11 für Amerika war, war 7/7 für die Briten. Ein Tag oder besser gesagt ein Moment der dafür sorgte, dass Groß-Britannien von seiner euphorischen, ja beinahe aufgeladenen, Stimmung heruntergeholt wurde und hart auf den Boden der Realität aufschlug. Ein Moment, der alles veränderte und dennoch oder gerade deshalb, die eigene, persönliche, Situation in den Fokus rückte.

Historische Daten, einschneidende Geschehnisse oder Katastrophen werden oft als Ausgangsmaterial von Künstlern verwendet. Über die Attentate 2005 in London gab es kaum künstlerisches Material. Grund genug für den englischen Dramatiker Simon Stephens, 2007 ein Stück zu den Anschlägen in London zu verfassen. Pornographie. Ein Titel, der den Zuschauer erstmal in die Irre führt und an alles denken lässt, aber nicht an Terroranschläge. Oder doch? Stephens selbst bezeichnet unsere Kultur als „eine Kultur der visuellen Selbstdarstellung, bei der wir uns und andere unentwegt zum Objekt machen“. Also doch eine Form der Pornographie. Und genau in diesem Rahmen bewegt sich auch das Stück das am vergangenen Freitag in der Kapelle Premiere feierte.

Regisseurin Catherine Umbdenstock inszenierte ein Stück, bei dem die Anschläge nur am Rande eine Rolle spielen. Alles dreht sich um die Zeit darum herum. Um die aufgeladene Stimmung im Juli 2005. London hat die olympischen Spiele 2012 bekommen. Das Live-8-Konzert verwandelte die Stadt in einen Ausnahmezustand und gleichzeitig fand der G8-Gipfel in Gleneagles statt. So unterschiedlich wie diese großen Ereignisse, so unterschiedlich und kontrovers sind auch die Figuren und ihr Innenleben. Umbdenstock kehrt das Innenleben der Figuren nach außen und zeigt Abgründe auf, die niemand vorher erahnte.

So spielt Matthias Heße, auf sehr glaubhafte und authentische Weise, einen Jungen, der sich in seine Lehrerin verliebt hat. Natürlich wird diese Liebe nicht erwidert. Der Junge, der selbst Opfer einer Gewalttat wurde, wird schließlich selbst gewalttätig. Die bezaubernde Marissa Möller spielt eine Geschäftsfrau und Mutter, die unter dem Druck eines großen Projekts zusammenbricht und wichtige Daten an die Konkurrenz schickt. Frank Wickermann und Möller spielen zudem einen Dozenten und seine ehemalige Studentin, die sich nach langem wieder treffen. Sie ist auf der Suche nach einem Job. Am Ende wird sie von ihm sexuell angegriffen. Wickermann und Heße spielen ein Geschwisterpaar, das mehr als geschwisterliche Zuneigung zueinander empfindet. Grenzüberschreitungen sind somit das Hauptthema des kompletten Figureninventars.

Wann genau wird ein Mensch zum Attentäter?


Oftmals fragt der Zuschauer sich, wann genau die Verwandlung in der jeweiligen Person stattfindet. Wann war der Zeitpunkt, als aus einem Mensch und seinen Träumen und Hoffnungen ein Mensch wurde, der selbst zum Attentäter wurde? Genau das ist auch die Aussage Stephens: Der Terror kommt nicht von außen, sondern ist mitten unter uns. Die Attentäter der Anschläge waren Engländer. Ein Anschlag „made in England“.

Und während sich die drei Protagonisten auf der Bühne hinter ihrem Fenster stellen und durch die Jalousien spähen wird auf abstrakte Weise deutlich, wie sich Innen- und Außenwelt miteinander vermischen. Wie aus vermeintlich guten Menschen, Menschen mit tiefen Abgründen werden. Während Kleidungsstück um Kleidungsstück herunter fällt und der wahre Mensch immer mehr zum Vorschein kommt, wird die eigentliche Katastrophe der Anschläge deutlich: Es waren nicht irgendwelche Fremden. Es waren welche von uns. Menschen wie du und ich. Menschen, die nah am Abgrund standen, hinunter geschaut haben und hinab gesprungen sind.
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