"Mich interessieren keine Hintergründe, sondern die Menschen"

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Frieda Poussin steckt ihre ganze Energie in die ehrenamtliche Flüchtlingshilfe. (Foto: Heike Cervellera)
 
Im Naturfreundehaus in Moers sind momentan knapp 40 Flüchtlinge untergebracht. (Foto: Heike Cervellera)

Seit August letzten Jahres sind auch im Moerser Naturfreundehaus Flüchtlinge untergebracht. Frieda Poussin hat vor Ankunft der ersten Bewohner einen Karton gepackt. Ein Karton voll mit Spielzeug.

Pläne für den Bezug von Flüchtlingen ins Naturfreundehaus, gab es schon länger, erzählt Wolfgang Poussin, der seine Frau in der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe nach allen Kräften unterstützt: „Vor gut einem Jahr hieß es, dass Flüchtlinge ins Naturfreundehaus kommen und die Fragen gingen los: ‚Wie wird das?‘, ‚Machen die uns dann die Vorgärten kaputt?‘ Wir haben erstmal abgewartet, bis die ersten ankamen und uns selbst ein Bild gemacht.“
Frieda Poussin ist Rentnerin, doch momentan hat sie wieder einen Full-Time-Job, den sie mit Herzenswärme erfüllt: Sie ist ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe aktiv und hilft, wo sie kann: Von Hilfe bei Arzt- und Amtsbesuchen über Hilfe bei der Wohnungseinrichtung bis hin zu täglichen Gesprächen, die Rentnerin hat immer ein offenes Ohr.

Bevor die ersten Flüchtlinge ankamen, hatte Poussin einen Karton voll mit Spielsachen zusammengestellt, den sie an die erste Familie geben wollte, die sie traf: „Wir wohnen nur zwei Minuten entfernt vom Naturfreundehaus und ich wartete regelrecht auf die neuen Gäste, die eintreffen sollten. Als ich an einem Tag im letzten Jahr im Garten am Arbeiten war, kam ein Mann mit seinen drei Kindern vorbei. Ich bat ihn zu warten und holte meinen Karton mit dem Spielsachen. Die Freude bei den drei Kindern, die übrigens Drillinge sind, war sehr groß.“
Am nächsten Tag ging Poussin dann zum Naturfreundehaus um sich die Situation vor Ort einmal anzuschauen. Schnell kam ‚ihre Familie‘ auf sie zu und bedankte sich nochmal herzlich für die Spielsachen. Auch die Mutter der drei Söhne war im Naturfreundehaus untergebracht. Die Familie kommt aus Damaskus und hatte eine lange Reise hinter sich, berichtet Poussin: „Die Familie kam mit einem Boot über Italien nach Deutschland. Ich habe sie direkt in mein Herz geschlossen und helfe seitdem, wo ich kann. Mittlerweile hat die Familie sogar eine eigene Wohnung und die 7-Jährigen Drillinge hatten gestern ihren ersten Schultag.“

Hilfe bei alltäglichen Dingen


Die junge Familie aus Damaskus wurde Poussins Patenfamilie und sie hilft, wo sie kann. Aber auch den anderen der derzeit circa 40 Flüchtlingen, die im Naturfreundehaus leben, hilft sie: „Vorgestern war ich mit einigen beim Zahnarzt. Oftmals geht es um alltägliche Dinge, die sie aber nicht alleine bewerkstelligen können, weil sie unsere Sprache nicht sprechen oder nicht zu den Örtlichkeiten hinkommen.“

In der Nachbarschaft des Naturfreundehaus hat sich schnell ein Netzwerk gebildet, so Poussin: „Zusammen mit zwei weiteren Nachbarinnen, Brigitte Esser und Slavka Kugel, bin ich jeden Tag unterwegs. Manche meiner Freunde beklagen sich, dass ich nicht mehr so viel Zeit für sie habe, um einen Kaffee trinken oder shoppen zu gehen, aber ich habe so viele Dinge, die ich tun möchte, da bleibt für Shoppen keine Zeit.“

Traurig scheint die Rentnerin, die früher bei Braun gearbeitet hat, darüber aber keineswegs zu sein. Oftmals gehe sie kurz rüber ins Naturfreundehaus, um zu gucken, ob alles okay ist, und komme erst zwei Stunden später wieder: „Es fallen so viele Dinge an, manchmal vergisst man darüber die Zeit.“
Auch gefeiert wird mit den Bewohnern des Naturfreundehauses gemeinsam: Im letzten Jahr organisierten die freiwilligen Helfer zum Beispiel eine Party zum Opferfest. Aber auch unsere Kultur wurde den Neuankömmlingen näher gebracht: „Zu Weihnachten haben wir ein Weihnachtsfest mit allen gefeiert. Es kam sogar ein Nikolaus mit Geschenken für die Kinder“ und Wolfgang Poussin ergänzt: „Es bringt doch nicht, wenn sie nur isoliert sind, dann lernen sie unsere Sprache doch auch nicht.“

Foto auf dem Klingelschild


Die Poussins unterstützen, wo sie können und wenn dann nachts um zwei Uhr geklingelt wird, weil sich eine Bewohnerin verletzt hat, wird der Krankenwagen gerufen und sich gemeinsam gekümmert: „Wir können doch dann nicht einfach die Tür zumachen und uns nicht weiter darum kümmern“, erklärt Wolfgang Poussin.
Und um dem Problem vorzubeugen, dass die meisten Neuankömmlinge die deutsche Sprache nicht beherrschen, hat er sich etwas einfallen lassen: Unter dem Klingelschild ‚Poussin‘ hängt jetzt ein Bild von Frieda Poussin. So weiß jetzt auch jeder, wo er klingeln muss. Ganz unkompliziert. Genauso, wie der Karton voll mit Spielsachen, der Poussins ‚Patenfamilie‘ den Einstieg in ein neues Leben und eine neue Welt etwas erleichtert hat.
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