Mama auf Probe: Gar kein Kinderspiel

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Zur Veranschaulichung, was Drogen und Alkoholmissbrauch in der Schwangerschaft für Folgen für das Baby haben können: Zwei „RealCare Babys“ (rechts und links), die Modelle drogengeschädigt (2. von rechts) und alkoholgeschädigt (2. von links). (Foto: Heike Cervellera)
 
Petra Treeter vom „Kindernest“, das vor drei Jahren fünf „RealCare Babys“ anschaffen konnte. Puppen, die jungen Frauen zeigen sollen, was sie als Mamas erwartet. (Foto: Heike Cervellera)

Vier Tage und vier Nächte. Ein Baby, das Hunger und Durst hat, gewickelt werden muss und auch Zuneigung benötigt. Ein Projekt, das Teenies zeigt, was es bedeutet, Mama zu sein.

Anfang Juli bietet das „Kindernest“, eine Anlaufstelle zu Fragen und Schwierigkeiten rund um das Thema „Neugeborene und Kleinkinder“, in Kamp-Lintfort wieder Mädchen im Alter ab 14 Jahren die Möglichkeit an, sich als Mama zu erproben. Doch wie genau soll das funktionieren?
Dank einer Spende des Lion Clubs konnte das „Kindernest“ vor drei Jahren fünf „RealCare Babys“ anschaffen. Also eine Puppe, die jungen Frauen zeigen soll, was sie als Mamas erwartet?
Nicht ganz. Denn diese „Puppe“ ist nicht nur eine Puppe, sondern verfügt über fünf verschiedene Bedürfnisse, die auch echte Babys haben. Das „RealCare Baby“ meldet sich bei Hunger und Durst zu Wort, wenn es in die Windeln gemacht hat, wenn es ein Bäuerchen machen muss oder auch einfach nur, wenn es Zuwendung benötigt.
Zudem bekommen die „Probe-Mamis“ Armbänder mit Chips, mit denen sie sich bei jeder Aktion, die sie an dem Baby durchführen, identifizieren müssen. Das sorgt dafür, dass sich wirklich nur die Jugendlichen um das Baby kümmern und keine Ersatz-Elternteile. Natürlich muss das Projekt auch vorher mit den Eltern abgesprochen werden. Dafür gibt es extra vorab einen Eltern-Abend, um die Eltern zu informieren, welchen Aufgaben sich die jungen Mädchen stellen.
Ist das aber alles geregelt, kann es losgehen. Die Mädchen bekommen ihre „Babys“, dürfen ihnen sogar Namen geben und erhalten eine Geburtsurkunde. Dann geht es los und die Neu-Mamas dürfen sich um ihre neuen Babys kümmern. Und das ist gar nicht so einfach, wie es sich anhört. Petra Treeter vom „Kindernest“ erzählt lachend, dass sie sich am Anfang auch mal ein Baby mit über Nacht nach Hause genommen hat und am „Morgen danach“ doch recht überrascht war, wieviel Aufwand die Babypuppe macht.
Natürlich werden die Mädchen nicht allein gelassen mit ihrer neuen Mutterrolle. Jeden Nachmittag treffen sich die Projektteilnehmer mit ihren Babys im „Kindernest“ und sprechen über entstandene Probleme, Erfahrungen und lernen Neues hinzu: Es geht um die finanziellen Aspekte, die auf einen zukommen, wenn man ein Kind bekommt, um die Hilfsmöglichkeiten, die man bekommen kann, über die Ziele, die die jungen Frauen haben, aber auch über das Thema Verhütung. Denn hier sei, so Petra Treeter, doch noch einiger Nachholbedarf. Zwar haben die meisten Mädchen Sexualkunde in der Schule, auch mehr als einmal, aber wenn es um konkrete Themen geht, wie zum Beispiel die korrekte Anwendung der Pille oder wann eine Frau fruchtbar ist, gäbe es doch viele wilde Vermutungen.
Somit werden die „Neu-Mamas“ bestens auf ihre Aufgaben vorbereitet und rundum geschult. Aber nicht nur das. Sie bekommen auch bildlich gezeigt, was die Auswirkungen von Drogen und Alkohol in der Schwangerschaft für ein Baby sind. Neben dem „RealCare Baby“ gibt es nämlich auch noch ein „RealCare Shaken Baby“ und jeweils ein Babymodell, das drogengeschädigt ist und eins, das alkoholgeschädigt ist. Alleine das Aussehen dieser Babymodelle lässt einen schon schlucken. Den jungen Frauen wird so verdeutlicht, mit welchen Fehlbildungen zu rechnen ist, wenn trotz einer bestehenden Schwangerschaft geraucht wird oder Drogen genommen werden. Am „Schüttel-Baby“ wird zudem verdeutlicht, was es für Auswirkungen haben kann, wenn man ein Baby zu fest schüttelt.
Natürlich haben die jungen Mütter auch ständig Zeit, Fragen zu stellen, bis 22 Uhr gibt es ein „Notfall-Telefon“, unter denen sie Hilfe bekommen, wenn sie überfordert sind. Außerdem besteht auch die Möglichkeit, wenn sich ein Mädchender Aufgabe nicht gewachsen fühlt, das Projekt vorzeitig abzubrechen. Dies geschieht aber fast nie, denn die meisten Teilnehmerinnen sind, so Treeter, begeistert von dem Projekt und viele wollen gern auch ein zweites Mal teilnehmen.
Aber die jungen Frauen lernen auch einiges dazu. Vor Beginn des Projekts müssen sie einen Fragebogen ausfüllen, bei dem zum Beispiel gefragt wird, wie alt sie bei ihrem ersten Kind sein möchten oder ob sie glauben, dass ein Kind die Beziehung festigt. Die Einschätzungen, die sie vor dem Projekt abgeben, unterscheiden sich doch meistens ziemlich von den Antworten, die sie nach dem Projekt angeben. So wandert zum Beispiel das Alter, in dem sie ihr erstes Baby bekommen möchten, fast immer nach oben.
Zudem bekommen die „Neu-Mamas“ nach der Projektzeit eine detaillierte Tabelle, auf der alle Aktionen, die sie mit dem „RealCare Baby“ getätigt haben, vermerkt sind. Manch eine merkt so, dass das Baby gar nicht so lange geweint hat wie gedacht. Oder dass in der - gefühlt - halb durchgemachten Nacht das Baby nur zweimal geweint hatte.
Und wenn die „Mamas-auf-Zeit“ sich dann mit ihren Freundinnen nach dem Projekt über ihre Erfahrungen austauschen und viel bewusster mit dem Thema Kinder kriegen umgehen, „haben wir doch alles erreicht“, sagt Treeter. „Denn dies sind die Generationen der zukünftigen Mütter. Wenn wir ihnen beigebracht haben, welche Verantwortung ein Baby mit sich bringt und welche Auswirkungen dies auf ihr weiteres Leben hat, dann ist unsere Aufgabe erfüllt und wir sind mehr als zufrieden."
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