Grundschüler helfen bei der Integration von Seiteneinsteigern

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PR-Fotografie Köhring / AK

Anfang Mai besuchte Simone Schick, Lehrerin an der Grundschule Trooststrasse, gemeinsam mit ihren Schülern das „Haus Ruhrnatur“ für eine spielerische Führung. Unter der Führung der Leiterin des „Haus Ruhrnatur“ Christa Schragmann, soll die 13-köpfige Gruppe alles zum Thema Wasser und Natur lernen. Hintergrund ist das „Sprachpatenschaftsmodell“ der beiden Pädagoginnen Simone Schick und Anne Schachner.

Anfang 2015 erfuhr Simone Schick, dass im Sommer drei Kinder ohne Deutschkenntnisse in ihre erste Klasse kommen sollten. Daraufhin recherchierte sie nach Methoden die Kinder in die Gruppe integrieren zu können. „Ich war über das geringe Angebot enttäuscht“, erinnert sich Simone Schick. Gemeinsam mit ihrer Kollegin Anne Schachner, die im Sommer eine vierte Klasse bekommen sollte, entwickelte sie das „Sprachpatenschaftsmodell“. Unter dem Titel „Einfach Deutsch lernen“ sollten die Seiteneinsteiger alltägliche und essenzielle Sätze sowie Redewendungen und Vokabeln lernen. Das besondere an diesem Konzept: unterrichtet werden die Seiteneinsteiger von ihren Mitschülern.

Eigenständiges Arbeiten

In einem vierstündigen Training werden die Sprachpaten geschult, die Seiteneinsteiger an die deutsche Sprache heranzuführen. Dabei steht die Frage „Wo fange ich an beim deutschlernen?“ im Vordergrund. „Die Paten bringen den Flüchtlingskindern beispielsweise einfache Vokabeln und die dazugehörigen Artikel bei“, erklärt Simone Schick. Die beiden Pädagoginnen haben verschiedenste Arbeitsmaterialien entwickelt, „aber die Paten arbeiten selbstständig mit den Flüchtlingskindern“.

Unterteilt in Erst- und Viertklässler sowie Zweit- und Drittklässler trainieren die Sprachpaten täglich 15 Minuten während der regulären Unterrichtszeit mit den Seiteneinsteigern. Mit diesem kurzen, intensiven Training sollen die Neuankömmlinge ganze Sätze lernen und Mini-Dialoge nach festen Vorgaben führen. Die Kinder bekommen sogenannte „Impulskarten“ für die Dialoge. Auf der Rückseite sind zum Dialog passende Bilder gedruckt, damit die Neuankömmlinge das Gesagte bildlich einordnen und verknüpfen können.

Eine weitere Methode ist die Drama-Pädagogik. Während des Tanzens werden dabei Sätze vor- und nachgesprochen. „Das Gehirn arbeitet viel intensiver, wenn der Körper in Bewegung ist“, erklärt Simone Schick.

Nachfrage gross

Derzeit besuchen 17 Flüchtlingskinder und 200 Schüler die Grundschule Trooststrasse. Beim „Sprachpatenschaftsmodell“ ist die persönliche Betreuung für die beiden Pädagoginnen sehr wichtig. So hat jeder Neuankömmling einen Paten. Die Nachfrage als Sprachpate fungieren zu dürfen, war laut Simone Schick gross. „Da aber jedes Jahr auch viele Schüler die Schule verlassen und auf die weiterführende Schule wechseln, werden immer wieder neue ausgebildet“, erklärt Simone Schick. Dabei begleiten die neuen Sprachpaten die bisherigen. Um Sprachpate zu werden müssen die Eltern allerdings ihr Einverständnis geben, dass ihr Kind täglich eine Viertelstunde vom regulären Unterricht fern bleiben darf.

Das Sprachpatenschaftsmodell „Einfach Deutsch lernen“ ist für Simone Schick und Anne Schachner ein voller Erfolg. Das Modell wurde beispielsweise von der Cornelsen Stiftung Lehren und Lernen auf der Fachmesse für Bildungswirtschaft „Didacta“ mit dem Preis „Zukunft Schule“ ausgezeichnet. Der Verlag an der Ruhr hat die entworfenen Materialien vor zwei Jahren unter dem Titel „Einfach Deutsch lernen“ veröffentlicht und seitdem schon 5.000 Exemplare verkauft. Simone Schick bildet Sprachpaten zudem auch an anderen Schulen aus ganz NRW aus.

Nicht nur Schüler engagiert

Bei ihrem Modell freut sich Simone Schick besonders über das Engagement der Paten. „Sie helfen den Neuankömmlingen nicht nur dabei die Sprache zu lernen, sondern kümmern sich auch darüber hinaus um sie. In den Pausen spielen sie beispielsweise zusammen mit ihren Patenkindern oder essen gemeinsam. Das hilft den Neuankömmlingen auch, sich in der neuen Situation zurechtzufinden und mit ihr umzugehen“.

Um die Willkommenskultur zu fördern bemüht sich neben den Schülern auch das Kollegium von Simone Schick. Eine eigens angelegte Internationale Telefonliste gibt Simone Schick die Möglichkeit, die Eltern der Neuankömmlinge über besondere Veranstaltungen an der Schule zu informieren. Auf der Liste stehen die Nummern von Dolmetschern, die beim Übersetzen helfen. Von arabisch, über kurdisch bis hin zu spanisch und englisch. „Da muss dann auch mal die Frau vom Hausmeister als Dolmetscherin für griechisch herhalten“, erzählt Simone Schick lachend.

Folgeprojekte bereits in Arbeit

Nach zwei Jahren beginnt für die Seiteneinsteiger das Folgeprojekt „Deutsch als Zielsprache“. Bei diesem Projekt macht Simone Schick erstmal eine Lernstandsanalyse, um zu sehen wo die Kinder stehen. „Wir schauen was das Kind bereits kann und entwickeln dann einen Arbeitsplan, was das Kind noch lernen muss“. Zwei bis drei Stunden pro Woche sollen die Kinder nach der Schule spielerisch die Grammatik kennenlernen. Zeitgleich zum „Sprachpatenschaftsmodell“ werden auch die Eltern der Neuankömmlinge mit den gleichen Methoden an die Sprache herangeführt.

Christa Schragmann begrüsst das Engagement von Simone Schick. „Frau Schick ist wirklich klasse und sehr engagiert. Wir vom Haus Ruhrnatur unterstützen gerne solche Projekte, da die Menschen dadurch zusammenwachsen“. Bei ihren Führungen hatte Christa Schragmann bisher viele Syrische Gruppen, teils mit und teils ohne Dolemtscher, zu Gast. „Wir bieten diese Führungen auch gerne kostenlos oder vergünstigt an. Bei uns ist jeder willkommen, von Kindergarten über Grundschule bis zur weiterführenden Schule, Erwachsene und Familien. Die Leute sollen sich einfach bei uns melden“.

Das kostenlose Angebot des Hauses Ruhrnatur hat auch Simone Schick gerne in Anspruch genommen. „Wenn ich sehe wie die Kinder hier gemeinsam Spielen, lachen, lernen und Spass haben, geht mir das Herz auf“. In insgesamt 30 Jahren Berufserfahrung, 13 Jahre davon als Lehrerin in Guatemala, sind dies für Simone Schick die schönsten Momente.
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