Buch der Woche: Austern und Chablis

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"Nach nur 18 Monaten wurde ich gefeuert, ich hatte mich blamiert und meinen Geliebten ins Unglück gestürzt, auch wenn er selbst daran wohl nicht ganz unschuldig war“, bekennt Serena Frome, die Protagonistin in Ian McEwans neuem Roman „Honig“, gleich auf der ersten Seite.

Das alles spielte sich während des Kalten Krieges in den frühen 1970er Jahren ab, die IRA erschütterte mit ihren Bombenattentaten England, die Ölkrise und die Bergarbeiterstreiks verstärkten zudem die Missstimmung im Land.
Und Serena Frome, die lesewütige Tochter eines anglikanischen Geistlichen, die gerade (widerwillig) ihr Mathematikstudium mit dem Bachelor abgeschlossen hat, ein "gutaussehendes Mädchen in einem Minirock und mit schulterlangen Haaren" lässt sich vom Inlandsgeheimdienst MI5 anwerben. Alexander Solschenizyns Erzählung «Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch» über das Leben im Gulag macht sie zur Anti-Kommunistin und fungiert als eine Art intellektuelles Sprungbrett für ihre kurze Geheimdienstkarriere.
Serena wird im Rahmen des Programms „Sweet Tooth“ darauf angesetzt, junge Schriftsteller (mit der Aussicht auf ein gut dotiertes Stipendium) für den aktiven anti-kommunistischen Kampf zu gewinnen. „Die Idee dabei ist, europäische Linksintellektuelle von der marxistischen Perspektive wegzulocken und ein öffentliches Engagement für die freie Welt intellektuell salonfähig zu machen.“ Kein flotter Einfall des Autors, sondern viele Jahre gängige Praxis des amerikanischen Geheimdienstes CIA, der viele kulturelle, antikommunistische Aktivitäten in Europa finanzierte.

Romanze und Zeitgeschichte
Booker-Preisträger Ian McEwan, der im Sommer seinen 65. Geburtstag feierte, hat wieder einmal eine emotional anrührende Story in ein großes zeitgeschichtliches Panorama eingefügt. Zum ersten Mal bedient sich McEwan dabei auch seiner eigenen Vita, denn die Figur des bespitzelten Schriftstellers Tom Haley trägt unübersehbar autobiografische Züge. Viele Nebenfiguren der Romanhandlung haben McEwans Lebensweg begelitet. So tauchen u.a. sein erster Verleger und sein Schriftstellerkollege und Freund Martin Amis auf.
Der junge Autor Haley, der mit ziemlich düsteren Kurzgeschichten debütierte, arbeitet hauptberuflich als Doktorand in Brighton. Zunächst findet Serena lediglich Gefallen an Toms Texten, daraus wird allerdings schnell mehr, es entsteht rasch eine große emotionale Nähe. Serena und Tom werden ein Paar. Für die junge, von McEwan leicht naiv gezeichnete Frau wird diese Konstellation zu einem Ritt auf der Rasierklinge. Soll sie sich offenbaren und damit das Ende der Beziehung riskieren? Soll sie Tom weiter belügen, mit ihm auch künftig von MI5-Geld finanzierte Austern und Chablis genießen?
Dieser Zwiespalt wird umso größer, als Tom einen Roman veröffentlicht, der ihr (und ihren Auftraggebern) überhaupt nicht gefällt, der aber von den professionellen Lesern hochgelobt und mit einem renommierten Literaturpreis ausgezeichnet wird.

Spiel mit Spionage und Literatur
Ian McEwan hat mit „Honig“ nicht nur eine spannend erzählte Spionage- und Liebesgeschichte vorgelegt, sondern zwischen den Zeilen auch einen anspielungsreichen Vergleich zwischen Literatur und Spionage arrangiert. Was ist wahr? Was ist Täuschung? Hier wie dort geht es ums Dechiffrieren, ums Aufspüren versteckter Botschaften, um unterschiedliche Deutungsvarianten, um Rollenspiele mit wechselnden Identitäten und um den schmalen Grat zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Fiktion und Realität.
„Mich interessiert das menschliche Innenleben, das nicht von oberflächlicher Logik angetrieben ist“, hat Ian McEwan einmal selbst sein dichterisches Credo beschrieben. Die Abgründigkeit, die oftmals tiefen existenziellen Krisen und die ganz scharf konturierten Menschenbilder wie in seinen besten Romanen „Liebeswahn“ (1998), „Abbitte“ (2001), „Saturday“ (2005) und „Am Strand“ (2007) erreicht McEwan hier nicht. Und das nicht nur, weil die Geschichte um Serena und Tom ein halbwegs versöhnliches Ende nimmt. „Honig“ erinnert ein wenig an die Romane von John le Carré: klare Feindbilder, anrührende Romanze, spannend erzählt. Man möchte schon jetzt darauf wetten, dass aus diesem Stoff schon bald ein abendfüllender Kinofilm entsteht.


Ian McEwan: Honig. Roman. Aus dem Englischen von Werner Schmitz. Diogenes Verlag, Zürich 2013, 459 Seiten, 22,90 Euro
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