Buch der Woche: Die neuen Leiden des jungen A.

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Andreas Maiers Roman "Der Ort"




"Neulich sagte ich mir, du nimmst jetzt alles, deine Heimat, die ganze Wetterau ... und machst daraus dein letztes Werk, ein Werk, das du so lange weiterschreibst, bis du tot bist", heißt es in Andreas Maiers neuem Roman "Der Ort", dem vierten von insgesamt elf geplanten Bänden eines Mammut-Romanprojekts.

Wie in den Vorgängerwerken "Die Straße" (2013), "Das Haus" (2011) und "Das Zimmer" (2010) schreibt der heute 48-jährige Maier stark an seinem eigenen Lebensweg entlang. In der Wetterau, diesem provinziellen Landstrich zwischen Frankfurt und Gießen gelegen, hat der seit einigen Jahren in Hamburg lebende Autor seine Kindheit und Jugend verbracht. Dieses wenig reizvolle und ausladend stilisierte Gebiet ist für Maiers literarisches Werk inzwischen ebenso wichtig wie es Köln und Danzig für Böll und Grass waren.
Der "Problemandreas" ist älter geworden und befindet sich inzwischen mitten in der Pubertät. Doch hier geht es nicht so sehr um sexuellen Sturm und Drang, sondern um die Suche des Heranwachsenden nach Orientierungspunkten. Er wirkt ein wenig kauzig, etwas aus der Zeit gefallen, denn selbst in der Mitte der 1980er Jahre waren ausschweifende Spaziergänge für 15-jährige Teenager nicht gerade die bevorzugte Art der Freizeitgestaltung.

"Zauberberg" im Riesling-Rausch
Mit der Tochter des Besitzers der Bindernagelschen Buchhandlung streunt er durch die Landschaft rund um Friedberg, von ihr wird er auch mit schwerer literarischer Kost versorgt. Im leichten Riesling-Rausch verschlingt er den "Zauberberg" und Dostojewski. Andreas Maiers Form des Erinnerns, sein Abarbeiten des eigenen Lebensweges aus dem Blickwinkel des weit entrückten Schriftstellers wird immer artifizieller. Das Ich wird zur Kunstfigur und bekommt die Maske eines Fremden aufgesetzt.
Die Abgrenzung vom konservativen Elternhaus, die Party- und Kneipenbesuche, die Störung einer CDU-Veranstaltung, die Musik von Manfred Mann's Earth Band bis Supertramp - all das wirkt sehr authentisch und lässt den 1980er Jahre-Zeitgeist wieder erwachen. Das ist fraglos Andreas Maiers große Stärke, die Detailbesessenheit des Erinnerungskünstlers. Doch dieser ambitionierte Schriftsteller hat weit mehr im Sinn als eine historische Oberflächenbeschreibung. Maier betreibt eine rückwärtsgewandte Selbstbeobachtung, eine Art inszenierte, literarische Psychoanalyse, bei der er bewusst die Grenzen zwischen Fiktion und Erinnerung verschwimmen lässt.

Gummi-Twist in Friedberg
Allerdings kann nicht jedes kompositorische Element in diesem schmalen Roman vollends überzeugen. Wenn er in der Friedberger Schmidtstraße die weiblichen Teenager versammelt und sie mittels Gummi-Twist hüpfend auf einen Nostalgietrip schickt, wirkt das albern und arg konstruiert.
Die neuen Leiden des jungen Andreas auf der Provinzbühne Wetterau unterscheiden sich nicht vom Weltschmerz der Heranwachsenden in den riesigen Metropolen. Er erlebt Liebe und Glück an der Seite von Katja Melchior, Einsamkeit und Enttäuschung, Irrungen und Wirrungen, Selbstmordgedanken, erste Begegnungen mit einem Psychiater, Sex und Alkohol, Stress mit den Eltern, die beginnende Politisierung gepaart mit idealistischem Veränderungswillen - all das ist rund um Friedberg nicht anders als in New York, Paris oder München. Umso betroffener liest man den Satz "meine Eltern hatten gar nicht gewusst, dass ich verrückt war." Egal, ob Fiktion oder Erinnerung - dieser Satz löst bei der Lektüre stechende Schmerzen aus.

Andreas Maier: Der Ort. Roman. Suhrkamp Verlag, Berlin 2015. 154 Seiten, 17,95 Euro.
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