Buch der Woche: Erzählungen wie Tagträume

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Peter Stamms opulenter Band "Der Lauf der Dinge"


"Das Tragische gefällt mir, weil es mehr Nähe ermöglicht als das Komische, es ist viel gegenwärtiger", hat der Schweizer Autor Peter Stamm vor einigen Jahren in einem Interview mit dem Zürcher "Tages-Anzeiger" erklärt. In vielen seiner nun in einem opulenten Band versammelten Erzählungen ist die Grenze zwischen Tragik und Komik allerdings fließend.


Der 51-jährige, in Winterthur lebende Autor hat sich seit seinem in 25 Sprachen übersetzten Debütwerk "Agnes" (1998) mit erstaunlicher Kontinuität weiter entwickelt und sich immer wieder den kleinen und großen Katastrophen im menschlichen Alltag gewidmet. Spätestens mit seinem mehr als 100 000mal verkauften Roman "An einem Tag wie diesem" (2006) hat sich Stamm in der ersten Reihe der deutschsprachigen Gegenwartsautoren etabliert und seinen Ruf als meisterlicher Beobachter gestörter Beziehungen noch einmal mit Nachdruck unterstrichen.

Kleine Tragödien des Alltags
"Wir irren geschäftig umher, suchen nach einem bequemen Plätzchen im Leben, tun nichts und reden abscheulich viel", klagt eine der Figuren durchaus charakteristisch für das Personal in Stamms Erzählungen. Es sind die kleinen Tragödien des Alltags, die der Autor mit äußerst sparsamen Worten, aber dennoch höchst präzise skizziert: die unglücklichen Beziehungen, die unterdrückten Sehnsüchte, die oft große Wirkung unbedachter Worte und die latenten Versagensängste. Zuletzt hatte er dies vor drei Jahren in seinem Band "Seerücken" (alle Texte daraus sind komplett im neuen Sammelband enthalten) nachdrücklich unter Beweis gestellt.
Stamms Geschichten sind auf den ersten flüchtigen Blick völlig unspektakulär, es wird von Durchschnittsmenschen mit völlig normalen Lebensläufen und deren alltäglichen Problemen berichtet. Und irgendwann ereignet sich eine Zäsur, oft nur eine Kleinigkeit, eine Banalität, und danach ändern sich Biografien abrupt.
Bisweilen findet man bei Peter Stamm sogar eine leichte Affinität zu skurril-absurden Sequenzen, als etwa ein Slawist in einer abgeschiedenen Pension einen Aufsatz über Maxim Gorki beenden will. Doch die gewählte Herberge entpuppt sich als großer Schwindel, die im Voraus bezahlte Miete als unadäquat für die Gegenleistungen, denn es gibt weder warmes Wasser noch Strom fürs Laptop, als Verpflegung wird von der geheimnisvollen Wirtin Ana Apfelmus und kalte Dosenravioli gereicht. Als ein Konkursvollstrecker in der abgelegenen Herberge auftaucht, findet er den Sprachwissenschaftler einigermaßen ratlos vor, denn Wirtin Ana hat längst das Weite gesucht, und der ambitionierte Schreiber ist allein zurück geblieben.

Mit der Schere gegen den Philodendron
Dass der Grat zwischen vermeintlicher Normalität und irrationalem Handeln ganz schmal ist, beweist Stamm anhand der Klavierlehrerin Sara und des betagten Hermann, deren Leben zeitweise außer Kontrolle gerät.
Die musisch nur mäßig begabte Sara hat beim Vorspielen eines Rachmaninov-Stücks hoffnungslos versagt. Ihren Frust lässt sie an einer Zimmerpflanze ab. Mit einer Schere zerstückelt sie einen Philodendron, die absurde Kompensationshandlung einer von sich selbst enttäuschten Frau.
"Mein Ziel ist erreicht, wenn die Leser nicht merken, dass sie ein Buch in der Hand halten, dass sie eine Art Tagtraum haben. Wenn das klappt, dann entsteht der Eindruck, es liest sich leicht", hat Peter Stamm vor drei Jahren in einem NDR-Interview erklärt. Mit den meisten seiner Erzählungen des Bandes kommt er diesem Ziel sehr nahe.

Peter Stamm: Der Lauf der Dinge. Gesammelte Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt 2014, 555 Seiten, 24,99 Euro.
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