Buch der Woche: Nicht heulen, schreiben

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Doris Dörries neuer Roman „Diebe und Vampire“


Doris Dörrie, die am Dienstag (26. Mai) ihren 60. Geburtstag gefeiert hat, ist eines der raren, überaus erfolgreichen künstlerischen Multi-Talente. Filme, Drehbücher, Regiearbeiten an bedeutenden Bühnen, Erzählungen und Romane - alles ihr Metier. Die gebürtige Hannoveranerin, die mit ihrer leicht schrägen Film-Komödie "Männer" (mit Uwe Ochsenknecht und Heiner Lauterbach in den Hauptrollen) 1985 den großen Durchbruch geschafft hatte, legt nun nach vierjähriger literarischer Auszeit den federleicht geschriebenen, äußerst humorvollen Roman „Diebe und Vampire“ vor.

Der Titel ist als Anspielung auf den sogenannten Kreativprozess von Schriftstellern zu verstehen, die Stories stehlen und Figuren und deren Schicksale aussaugen. Im Mittelpunkt der auf mehreren Zeitebenen spielenden Handlung steht die leidlich begabte Autorin Alice Hofmann. Es beginnt im Jahr 1984, als sie als junge Frau von Anfang zwanzig an der Seite des verheirateten Dermatologen Pe einen Mexiko-Urlaub verbringt – mit allerlei Flausen, aber ohne wirklichen Lebensplan im Kopf.

Mischung aus Erica Jong und Alice Munro
Pe liest einen Zeitungsartikel über einen wegen einer Lappalie inhaftierten mexikanischen Jungen. Der Junge wird quasi Mittel zum Zweck - moralisch nicht ganz stubenrein -, denn über sein Schicksal lernt Alice eine etablierte, dreißig Jahre ältere amerikanische Schriftstellerin kennen, die in Doris Dörries Beschreibung wie eine Mischung aus Erica Jong und Alice Munro daher kommt.
"Sie schrieb wie niemand in Deutschland über den Alltag von Frauen. Ich war hingerissen“, schwärmt Alice von der Amerikanerin, die sie fortan nur noch „Meisterin“ nennt. Sie biedert sich an, wirft mit Komplimenten um sich, intoniert wahre Schmeichelarien, doch die Erfolgsautorin wahrt Distanz.
Alice und die „Meisterin“ widmen sich später gemeinsam dem inhaftierten Jungen. Doch ihr Good-will-Aktionismus, diese Mischung aus Naivität und idealistischem Übereifer führt sogar zur Verschlechterung der Haftbedingungen des Jugendlichen. Einige Zeit später, sie hat inzwischen ein paar läppische Kurzgeschichten publiziert, reist Alice nach Kalifornien, um die Meisterin zu treffen, ihr Vorbild und ihre Motivatorin. „Nicht heulen, schreiben“, bekommt sie als eine Art dichterische Maxime mit auf den Weg.

Geistreiche Satire
Und zum Ende des Romans steht – und damit schließt sich der erzählerische Kreis – eine weitere Reise nach Mexiko an. 25 Jahre sind vergangen, einige unglückliche Beziehungen pflastern den Lebensweg, aber Alice hat es mit einer Art Handbuch für gestresste Autoren zu respektablem Ruhm gebracht. Auf Einladung eines Germanistikprofessors liest sie aus ihrem Longseller, der zur Kategorie „überflüssige Ratgeber-Literatur“ gehört. Sie beschreibt darin, wie man gegen Schreibblockaden vorgeht. Außerdem gibt Alice Seminare für absolut talentfreie, selbsternannte Dichter.

„Diebe und Vampire“ ist eine geistreiche Satire auf den Literaturbetrieb, die von einem hohen Maß an Selbstironie getragen wird. Es ist aber auch ein Buch über das Älterwerden, über kleine und große Lebenslügen, über Autoreneitelkeiten und über Lebensläufe im Slalom-Modus – und bei Doris Dörrie eben auch mit serienmäßiger Schmunzel-Garantie.

Doris Dörrie: Diebe und Vampire. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2015, 216 Seiten, 21,90 Euro.
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