Buch der Woche: Wenn der Name Programm ist

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Hans-Joachim Schädlichs Roman „Narrenleben“


„Bring mich einmal pro Tag zum Lachen oder zweimal zum Lächeln“, fordert in Hans-Joachim Schädlichs Kurzroman „Narrenleben“ der sächsische Regent August der Starke von einem seiner Untertanen. Dieser Narr ist einer der Protagonisten, stammt aus der Steiermark und hört auf den Namen Joseph Fröhlich. Nomen est omen.

Wir befinden uns im 18. Jahrhundert und begleiten den Taschenspieler und Possenreiser (heute würde man ihn wahrscheinlich als „Entertainer“ bezeichnen) auf seinem Weg als Hofnarr, der ihn vom Markgrafen von Bayreuth in die Dienste August des Starken führt.
Bei all den Späßen und Albernheiten geht es hier aber alles andere als possierlich zu. Hans-Joachim Schädlich, der im Herbst seinen 80. Geburtstag feiert und der 1977 im Zuge der Biermann-Ausbürgerung aus der ehemaligen DDR in den Westen übergesiedelt war, benutzt wieder einmal die historische Folie, um Machtstrukturen zu entlarven und existenzielle Abhängigkeitsverhätnisse zu illustrieren. Ein beliebtes Stilmittel, das Schädlich schon vor langer Zeit in seinem hoch gelobten Roman „Tallhover“ (1986) und zuletzt auch noch in "Sire, ich eile. Voltaire bei Friedrich II." (2012) angewandt hat.
Joseph Fröhlich wird ein enger Vertrauter des sächsischen Regenten, der ihn gar zum „Lustigen Rat“ ernennt und ihm das „Du“ anbietet. Fröhlich kann sich aber nicht mit der Prasserei Augusts anfreunden, er erlebt viele Frauen am Hofe, den Krieg zwischen Sachsen und Preußen, erhält immer wieder Todesnachrichten aus seiner eigenen Familie und stirbt schließlich 1756 in einer Mühle in der Nähe von Warschau, die ihm August geschenkt hatte.

"Je mehr ich ertrage, desto größer ist mein Ertrag"
Im Mittelpunkt des zweiten Teils des schmalen Romans, den Schädlich wieder einmal mit der für ihn typischen, kargen Sprache erzählt, steht der Südtiroler Peter Prosch, wie Fröhlich darauf spezialisiert, gegen Bezahlung Frohsinn zu verbreiten und der dem älteren Fröhlich einen Brief schreibt. Er war schon als Kind auf sich allein gestellt, tingelte durchs Land und brachte es bis an den Hof von Maria Theresia. „Je mehr ich ertrage, desto größer ist mein Ertrag“, resümiert Prosch in einer Mischung aus Stolz und Verzweiflung.

Große Kunst
Hans-Joachim Schädlich hat vor der Niederschrift dieses Romans viele historische Quellen gewälzt, ehe er dem Schicksal dieser beiden Figuren, die im 18. Jahrhundert mit Scherzen und Späßen um die Gunst der Mächtigen warben, den künstlerischen Feinschliff verpasste – eine bis aufs Minimum reduzierte Sprache, in der kein Wort zuviel oder am falschen Platz steht.
Es geht (wie in fast allen Schädlich-Büchern) um die zerstörerische Kraft von totalitären Systemen, um teils menschenverachtendes Verhalten, um Macht und Ohnmacht und im Falle der beiden Narren nicht zuletzt um bedingungslose Untertänigkeit als einzig reale Überlebenschance. „Narrenleben“ – das ist große Kunst aus der Feder eines (leider) immer noch weit unterschätzten Autors.

Hans-Joachim Schädlich: Narrenleben. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2015, 173 Seiten, 17,95 Euro.
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