Buchtipp der Woche: Opfer der Frauen

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Seit mehr als fünfzig Jahren ist Alfred Neven DuMont eine der schillerndsten Figuren in der deutschen Medienlandschaft, doch als Romancier trat er erst im Pensionärsalter in Erscheinung. In jungen Jahren übernahm er die publizistische Verantwortung für den „Kölner Stadt-Anzeiger“, gründete 1964 den „Express“, das rheinische Konkurrenzblatt der „Bild“ und hatte nach der großen Expansion seines Verlages auch die Zügel bei der „Mitteldeutschen Zeitung“, der „Frankfurter Rundschau“ und der „Berliner Zeitung“ in der Hand.

Stolze 82 Jahre war Neven DuMont alt, als er 2009 mit „Reise zu Lena“ sein spätes literarisches Debüt gab – einmal abgesehen von einem kaum beachteten, 1994 unter Pseudonym veröffentlichten Roman. Der 86-jährige Alfred Neven DuMont breitet nun vor dem Leser die „Entwicklungsgeschichte“ einer männlichen Figur namens Alwyn aus. Wir erleben dessen Kindheit und Jugend hautnah mit, die von „drei Müttern“ geprägt wird: seiner leiblichen Mutter, die sich für einige Jahre in ein Vagabundenleben an der Seite eines Tennisprofis verabschiedet, seiner fünf Jahre älteren Schwester Alwena, die die Mutterrolle in ziemlich autoritärer Weise übernimmt, und schlussendlich seine aus Argentinien stammende Stiefmutter Milena, die ihn in die Geheimnisse der körperlichen Liebe einweiht.
„Ich bin ein Opfer der Frauen“, heißt es gleich zu Beginn der Handlung. Emotional sorgt das Wechselspiel der Bezugspersonen für reichlich Turbulenzen, denn drei Mütter bedeuten aus der Perspektive des Protagonisten drei Konkurrentinnen, die sich strengen Vergleichen unterziehen müssen. Den stärksten Einfluss übt fraglos seine Schwester Alwena aus, die ihre Rolle als Lehrerin und Erzieherin bis an den Rand der Selbstaufgabe ausfüllt – vermutlich auch inspiriert von latenten sexuellen Motiven. Später macht Alwena ihrem Bruder konkrete Avancen, doch Alwyn entzieht sich.
Neben dem eigenwilligen, musikalisch hochtalentierten und empfindsamen Protagonisten ist die innerlich zerrissen gezeichnete „große“ Schwester die interessanteste Figur – immer ein wenig zwischen Engel und Teufel changierend.
Alwyn wirkt (in allen Altersstufen) wie ein Ewigsuchender, ein Getriebener, den es zum Großvater nach Afrika zieht, der mit den Eltern einer Mitschülerin, die später seine Frau wird, in den Urlaub nach Marokko fährt und der erst im Gesang und später als Abiturient auf der Theaterbühne bei einer Hamlet-Aufführung neue „Ufer“ entdeckt. Aus der erwachten kreativen Ader macht er einen Beruf, arbeitet als Schriftsteller, heiratet seine einstige Mitschülerin Eva und wird rasch Vater.
Das klingt alles ziemlich aufregend, ereignisreich, spannend und sogar unterhaltsam, doch wahrhaftige innere Anteilnahme kann Autor Alfred Neven DuMont nicht evozieren. Sein Alwyn-Entwicklungsroman findet nämlich nicht den adäquaten Ton. Es ist nicht die etwas altbackene Sprache, sondern die gravierenden Probleme mit der kindlichen Erzählperspektive stören das Lektürevergnügen erheblich.
„Der Geschlechterkampf konnte beginnen“, lässt uns Alwyn zu Beginn seiner Schulzeit wissen, und aus dem Mund eines anderen Erstklässlers hören wir den wohl formulierten Satz: „Wir wollten unserem Ansporn Referenz erweisen.“ Das ist unangemessen für sechsjährige Kinder. Schade, denn dieser Geschichte um Alwyn und seine drei Mütter liegt eine äußerst reizvolle Figurenkonstellation zugrunde.

Alfred Neven DuMont: Drei Mütter. Roman. Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2013, 365 Seiten, 19,90 Euro

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