Ein Meister, der bleibt

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Zum 200. Geburtstag des Dichters Theodor Storm am 14. September*



Kann die poetische Auseinandersetzung mit der eigenen Heimat eine „literarische Sünde“ sein? Theodor Storm, dem Schöpfer des „Schimmelreiter“ wird die Heimatverbundenheit heute vielfach als eine Art Makel angeheftet. Dies führt (allerdings völlig zu Unrecht) zu Storms despektierlicher Abqualifizierung als Heimatdichter Nordfrieslands. Die Kritiker berufen sich dabei häufig aufs Storms Zeitgenossen Theodor Fontane, der seinen Kollegen spöttisch der „Husumerei“ bezichtigte. "Er ist ein Meister, er bleibt", hatte ihn dagegen später Thomas Mann gerühmt, der vor allem die subtilen Menschenbilder Storms schätzte.


Storm selbst favorisierte sein lyrisches Werk (trotz des posthum großen Erfolges seiner Novellen), worin er die höchste poetische Ausdrucksform fand. Im Vordergrund seiner Gedichte steht das einfache, melodiöse Lied. Kaum ein anderer Lyriker des 19. Jahrhunderts ist so oft vertont worden wie Storm. Unter den Komponisten der fast 1500 Vertonungen befinden sich so bekannte Namen wie Alban Berg, Johannes Brahms und Erik Reger.
In seinen theoretischen Äußerungen über die Lyrik hat Storm wiederholt die Bedeutung des Liedes hervorgehoben. Er selbst hat sich in die Tradition des Matthias Claudius eingereiht. Wie viele seiner Zeitgenossen bevorzugte Storm in seinen Gedichten Naturimpressionen. Bilder der Jahreszeiten, Landschaften, Gezeitenwandel, Sonne und Mond gehören zu den wiederkehrenden Motiven.
Das umfängliche Werk Storms, der am 14. September 1817 in Husum („die graue Stadt am Meer“) als Sohn eines Juristen geboren wurde, ist geprägt vom inneren Widerstreit zwischen romantischem Lebensgefühl und skeptischer Ratio und vom Kampf des Individuums mit den Urkräften der Natur.
Nach Schul- und Universitätsbesuchen in Kiel, Lübeck und Berlin kehrte er 1842 nach bestandenem juristischen Examen in seine Geburtsstadt zurück, wo er fortan eine Anwaltskanzlei betrieb. Bereits in der Studienzeit hatte Storm - deutlich unter dem Einfluss der deutschen Romantik sein poetisches Werk begonnen.
Sein erstes heute noch beachtetes Werk, die Novelle „Immensee“, entstand 1849, ein Jahr nach den gescheiterten Volksaufständen, ohne dass diese „weltlichen“ Ereignisse (zunächst) Einfluss auf das Stormsche Schreiben hatten. Diese lyrische Novelle ist durchaus charakteristisch für das Frühwerk. Voll Wehmut wird das Motiv des verlorenen Jugendglücks mit schwermütigen Figuren thematisiert.
Bei Storm ging die Einbeziehung des politisch-gesellschaftlichen Alltags in sein Werk nur schleppend voran. Erst Anfang der 1870er Jahre wurden seine Sujets sachlicher, sein Blick ernster, und die latente romantische Ader verlor sich in düster-realistischen Chroniken.

Hauke Haien und Ole Peters
In seiner Novelle „Pole Poppenspäler“ (1874) wandte sich Storm gegen die herrschende Klassengesellschaft, gegen den Adel und gegen Abqualifizierungen aufgrund von Zugehörigkeiten zu unkonventionellen Berufsgruppen (im speziellen Fall die der fahrenden Puppenspieler), die sich in einem latenten Sozialdarwinismus manifestierten. Die mehrfach verfilmte Novelle „Der Schimmelreiter“, die eine ähnliche Thematik behandelt, wurde posthum Storms größter Erfolg – vollendet wenige Monate vor seinem Tod.
Er drückt darin nicht nur sein Faible für mythische Sagengestalten aus, sondern er thematisiert im unerbittlichen Streit zwischen dem jungen, beschlagenen Hauke Haien und dem tumben Großknecht Ole Peters (um die Nachfolge des verstorbenen Deichgrafen Volkerts und um die Gunst seiner Tochter Elke) einen aufreibenden Machtkampf, in dem Hauke gegen die mit nordischer Starrköpfigkeit vertretenen Vorurteile der Anrainer zu kämpfen hat.
„Ich bedarf äußerlich der Enge, um innerlich ins Weite zu gehen“, bekundete Storm über sein eigenes Werk, mit dem er heftig an tabuisierten Konventionen kratzte, indem er den durch Erbfolge geregelten Landfeudalismus in Frage stellte.
Storms Hauptwerk impliziert ein hartnäckiges Plädoyer wider den blinden Obrigkeitsgehorsam. Die Ur-Gewalt der Gezeiten zerstört im „Schimmelreiter“ das vordergründig beschauliche, auf den zweiten Blick aber von knochenharten Existenzkämpfen geprägte Leben an der nordfriesischen Küste. Das ständig zu unberechenbaren Vernichtungsschlägen bereite Meer und der von Menschenhand geschaffene Deich bilden Storms zugespitzte, novellistische Antipole.
Das Werk Theodor Storms bietet noch heute einen äußerst facettenreichen Einblick in ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte. Der weit gespannte Bogen reicht von frühen romantischen Gedichten und vom Märchen „Hans Bär“ (1837) bis hin zur kurz vor seinem Tod am 4. Juli 1888 abgeschlossenen Meisternovelle „Der Schimmelreiter“.
Noch heute beeinflussen Leben und Werk des Husumer Dichters die zeitgenössische Literatur. Der schleswig-holsteinische Romancier Jochen Missfeldt hat sich in seinem soeben erschienenen Roman der Liebesgeschichte von Theodor Storm und Doris Jensen, seiner langjährigen Geliebten und späteren Ehefrau, gewidmet.
Pünktlich zum Jubiläum hat zudem der FAZ-Redakteur Tilman Spreckelsen ein repräsentatives und äußerst lesenswertes Storm-Lesebuch herausgegeben.


Timan Spreckelsen (Hg.): Das große Theodor-Storm-Lesebuch, Fischer Taschenbuch, Frankfurt 2017, 576 Seiten, 12 Euro

Jochen Missfeldt: Sturm und Stille. Roman. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017. 352 Seiten, 22 Euro
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1 Kommentar
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Sabine Hegemann aus Essen-Steele | 07.09.2017 | 09:30  
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