Zwischen Schostakowitsch und Sorgerecht

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Michael Kumpfmüllers Roman „Die Erziehung des Mannes“

Wenn ein junger Mann in den späten 1980er Jahren Georg heißt, Musikwissenschaft studiert, selbst komponiert und mit Mitte Zwanzig feststellt, dass er in sieben Jahren Beziehung mit seiner Partnerin nicht einmal geschlafen hat („Verlassen konnte ich sie nicht. Es wäre mir schäbig vorgekommen.“), dann schrillen beim Leser die Alarmglocken, denn mehr stilisiertes Außenseitertum geht kaum.

Der 55-jährige Erfolgsautor Michael Kumpfmüller, der erst mit fast vierzig Jahren seinen von der FAZ einst vorabgedruckten Romanerstling „Hampels Fluchten“ vorgelegt hatte und uns zuletzt in „Die Heimlichkeit des Lebens“ (2011) an seiner Kafka-Annäherung teilhaben ließ, stellt diesen wankelmütigen Musikwissenschaftler, der sich mit Schostakowitschs Streichquartette beschäftigt, ins Zentrum seines neues Romans.
Ganz offen hat Kumpfmüller in einem Radio-Interview mit seiner Nähe zu Flauberts „L'éducation sentimentale“ kokettiert, dabei beschränken sich die Parallelen einzig darauf, dass Flauberts Protagonist Moreau ähnlich passiv durch sein Leben flaniert wie der stets unentschiedene Musikenthusiast Georg.

Opportunismus als Ausweg
Ein Typ zwischen Macho und Softie, zwischen eitlem Feingeist und hemdsärmeligem Normalo. Georg findet für sich keinen anderen Weg als den des Opportunismus.
Nachdem er sich von der Archäologiestudentin Katrin getrennt hatte, mit der er sieben Jahre in einer Art platonisch-geschwisterlichen Beziehung lebte, geht alles ganz rasant in Georgs Leben.
Er lernt Jule kennen, die später als Lehrerin arbeitet und über die er (kurzzeitig euphorisiert) befindet: „Sie hatte mich wiederhergestellt. Als Mann, als sexuelles Wesen.“ Die beiden verbringen einen Italienurlaub miteinander, heiraten, bekommen drei Kinder (Greta und die Zwillinge Lotte und Felix), aber an der Spießigkeit ihres Alltags leidet die Beziehung, bekommt schon früh kaum zu kittende Risse.
„Wie willst Du jemals eine Familie ernähren?“ Mit dieser die Antwort schon vorweg nehmenden Frage traf Jule ihren Mann schon früh tief ins Mark. Erniedrigt, abgewatscht und gedemütigt von seiner Frau fühlt sich Georg immer wieder auch an seine Kindheit in sogenannten „geordneten“ Verhältnissen erinnert, die von einem autoritären Vater geprägt war, der (viel zu) lange an der „Erziehung“ seines Sohnes teil hatte. Selbst bei der Musik gab es keinen Konsens. Georgs Vater liebte Bruckner, für Georg "Tyrannenmusik, eine Mischung aus Kitsch und Terror".

Protokoll des Scheiterns
Michael Kumpfmüller erzählt Georgs Lebens- und Leidensweg wie aus einer Vogelperspektive, als ferner Beobachter und ohne spürbare Empathie. Herausgekommen ist ein episches Protokoll des Scheiterns. Die Ehe wird geschieden, ein nervenaufreibender Sorgerechtsprozess geht an die psychische Substanz, und die anschließende Beziehung zur Musikerin Sonja ist auch nicht mehr als nur ein emotionales Intermezzo.
Wer hat hier wen erzogen? Wer hat wann versagt? Noch mehr spannende Fragen findet der Leser auf dem Cover des Buches. Sechs an der Zahl, beginnend mit „Wie wird man ein Mann?“ 317 Seiten lang umkreist Michael Kumpfmüller diesen Komplex – mal nüchtern protokollierend, mal mit auflockernden humorvollen Schlenkern. Und jener Georg, dem am Ende kaum mehr bleibt als die Liebe zu seinen drei Kindern, dieser Verlierer par excellence schafft es als Romanfigur einfach nicht, beim Leser Sympathiepunkte zu erringen. Allenfalls Mitleid bringt man ihm entgegen. Für einen ausgewachsenen Roman etwas wenig. Für all das, was uns Michael Kumpfmüller zu sagen hatte, benötigte Herbert Grönemeyer nur vier Zeilen in seinem Song „Männer“: „Männer haben's schwer, nehmen's leicht/ außen hart und innen ganz weich/ werden als Kind schon auf Mann geeicht/ Wann ist ein Mann ein Mann?“

Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes. Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2016, 317 Seiten, 19,99 Euro
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