Weihnachten 1947: Zum ersten Mal Ananas probiert

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„Weihnachten 1947 erlebte ich als sechs Jahre altes Kind in dem noch ziemlich zerbombten Deutschland“, sagt Friedrich W. Frahne, und erzählt uns seine Weihnachtsgeschichte:

Wir schreiben das Jahr 1947 und haben laut Kalender den 24. Dezember.
Es hatte geschneit, und der Schnee lag bereits ziemlich hoch. Draußen war es still, aber bitterkalt.
Doch alles sah so sauber und unschuldig aus. Die hässlichen Spuren des Krieges waren überall vom glitzernden Schnee bedeckt. Heiligabend.
Der traditionelle Tannenbaum stand bei uns immer noch nicht geschmückt in der warmen Stube. Meine Schwes­ter war gerade neun und ich sechs Jahre alt.
Wir saßen auf einer rohen Holzbank ohne Lehne am Küchentisch und spielten Fingerspiele mit unseren Eltern. Fingerspiele, die bestimmt noch die Älteren unter uns kennen:
„Meine Mutter schneidet Speck, schneidet mir den Finger weg ...“ - oder: „Öpken döpken Musterpöttken, öpken döpken do, wieviel kost das Musterpöttken, öpken döpken do ...“
Unsere Fingerfertigkeit wurde so lange geübt, bis alle Mitspieler, bis auf einen, den Sieger, ausgeschieden waren.
Zwischendurch sang unsere Mutter uns Kindern Weihnachtslieder, die sie kannte vor. Selbst unser Vater sang stellenweise laut und kräftig einige dieser frommen Kirchenlieder mit. Über dem Küchenherd hingen Äpfel- und Birnenschnitzel, die Eltern hatten sie auf einem Zwirns-faden gezogen, damit sie trockneten. So machten wir unser Trockenobst. Deshalb roch es einfach immer nur lecker in der warmen Stube.
Unsere Eltern verbrachten sehr viel ihrer Zeit mit uns Kindern. Sie erzählten von früher, von einer vergangenen Zeit, davon, als sie selbst noch Kinder waren. Diese Geschichten taten uns gut, denn sie zeigten und lehrten uns sehr früh, dass es auch damals nicht allen Menschen gut ging und sie immer genug zu essen hatten.
Natürlich waren auch wir nicht reich. Nein, der Krieg war gerade erst zu Ende, und zu kaufen gab es wenig, denn die Läden hatten fast nichts, nur sehr wenige Lebensmittel und Waren, anzubieten.
Da bekam unser Vater von seiner Zeche eine Zuteilung zu Weihnachten, sein erstes „Care“-Paket. Es war ein Geschenk aus Übersee von guten Leuten, die noch etwas mehr zum Leben hatten - für die vielen armen Menschen im zerbombten Deutschland.
Und da haben wir zum ers­ten Mal als Kinder ein kleines Stückchen Ananas probiert und sogar ein Stückchen von einer Apfelsine gegessen.
Meine Schwester mochte die Rosinen so gerne und ich das knusprige Knäckebrot, denn diesen Eigengeschmack spüre ich manchmal heute noch auf der Zunge, wenn ich mich an diese Zeiten erinnere.
Eigentlich war für uns Kinder immer genug zu essen vorhanden, um auch satt zu werden, erinnere ich mich und sicher auch nur, weil die Eltern wie sooft schon, wegen uns Kinder verzichteten. Denn wir hatten damals ständig Hunger.
Da meine Schwester und ich noch mit den Eltern zusammen im Ehebett schliefen, schmückten sie den Tannenbaum erst spät am Abend, wenn wir bereits zu Bett gegangen und eingeschlafen waren. So kam das Christkind für uns Kinder erst am ersten Weihnachtstag morgens früh zu uns.
Der Heiligabend war damals für die meisten Menschen noch ein ganz gewöhnlicher und normaler Arbeitstag. Meine Schwester und ich waren dann schon seit Tagen ziemlich aufgeregt.
Unsere Eltern schafften es irgendwie immer, trotz der großen Knappheit und Not, so kurz nach dem Krieg, etwas an Geschenken für uns zu besorgen.
Die Stube, eine Wohnküche, war nur spärlich möbliert. Aber eine Nähmaschine, die gab es auch bei uns. Denn dar­auf stand, wie in jedem Jahr, unser silbern geschmückter Weihnachtsbaum.
So ein Gerät war damals sehr wichtig, denn unsere gesamte Kleidung wurde meist selbst genäht.
Ich erinnere mich, die Hose, die später unter dem Weihnachtsbaum lag, wurde darauf genäht wie auch die Leibchen mit Strapse, die wir als Kinder damals noch trugen. Leibchen, das sind die Dinger, an denen diese dicken und selbst gestrickten kratzigen Strümpfe mit einem Knopf befestigt wurden.
Meine Schwester ermahnte mich mehrmals, am Weihnachtsmorgen den Eltern nicht so direkt zu zeigen, dass wir doch sehr enttäuscht über die spärlichen Geschenke waren. Das war für uns Kinder und besonders für mich, gar nicht so einfach, denn Wünsche hatten wir ja genug. Trotz der allgemein großen Not, die damals im zerbombten Deutschland herrschte, waren wir eine sehr glückliche Familie.
Wir hörten einfach dem anderen noch richtig zu, waren ziemlich neugierig und interessiert, denn jeder war für den anderen da. Und so freuten wir Kinder uns damals noch euphorisch über die wechselnden Jahreszeiten, den ersten Schnee und die Eisblumen am Fenster, im Frühjahr wieder über die Wärme draußen und die vielen blühenden Sträucher und Bäume.
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