Im Gefängnis, gedichtet auf eine Singzikade. Luo Binwang.

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Der Herbst ist nah, - Zikade noch mal sang
In Kerkerhaft - die Trübsal mehrt sich dann

Wer wohl erträgt - der dunklen Flügel Glanz
Von ihr die singt, - zum weißen Haupt gelang?

Wo Tau gehäuft - das Fliegen kaum gelingt
Im Wind zuhauf - die Stimme mühsam singt

Weil keiner glaubt, - dass dies sei hoch und rein
Kann keiner seh’n - darin das Herze mein


Ich stelle mir vor, dass die Zeit der Zikaden langsam zu Ende geht. Im Hochsommer ist ihr lautes Zirpen weit zu hören, jetzt ist die aufgehende Sonne auf dem „Weg zum Westen“ und zieht eine kleinere und niedrige Bahn. Vereinzelt hört man noch eine Zikade, deren Flügel (im Text „Haarlocken seitlich des Hauptes“) matt, dunkel schimmern und die wohl ein Zeichen der Freiheit darstellen.

Im Gefängnisfenster sitzt sie und singt, wie man sich auch den Dichter vor sich selber summend vorstellen kann. Das Singen lässt schwere Gedanken aufkommen.

Dann wendet sich das Blatt: die Zikade selber kann nicht mehr so leicht fliegen, weil Tautropfen, immer auch sind Tränen mitgemeint, die Flügel schwer machen. Und ihre einst so kräftige Stimme, ohnehin schwächer im Herbst, wird auch noch vom Winde verweht.

Die Welt sieht darin nichts Bemerkenswertes und richtet, wie zu allen Zeiten ihr Auge auf das Schillernde und Laute, weil das nun mal Erfolg verspricht. Für den Dichter ist gerade das Matte, Geschwächte, Gedrückte Zeichen von Hoheit und Reinheit. Und warum? Weil oft durch Verleumdungen der edle Mensch (wie wohl in diesem Fall) verhaftet wird und der Gauner frei herumläuft. Und weil man über solche Sachen hinwegsieht, kann nichts das Herz des graugewordenen Gefangenen zeigen.

Gedicht N° 93 der Sammlung „300 Tang-Gedichte.“ In Mandarin...
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