„Medienstädte lockten. Ich blieb wegen Mädchen.“ Comic-Zeichner Jamiri im Interview

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  Jamiri ist nicht nur hartgesottenen Comic-Fans ein Begriff. Der gebürtige Hattinger, der eigentlich Jan-Michael Richter heißt, ist einer der erfolgreichsten deutschen Comic-Zeichner und nicht zuletzt bekannt aus Tageszeitungen und Nachrichtenportalen. In Bochum veröffentlichte er seine ersten Comic-Strips. Der Stadtspiegel sprach mit Jamiri über sein neues Buch, die Digitalisierung des Zeichnens und seine Heimat das Ruhrgebiet.


Kürzlich erschien „Spacejamiri Redux – Die komplette Chronik“. Ist das eine Art „Best of“ Ihrer Werke aus den 1990er Jahren? Sie denken aber nicht ans Aufhören, oder?
Nein. Es gibt ja auch schon andere Compilations wie „Kamikaze d’ Amour“ und das „Best of 1993-2008“. Da ging es aber eher darum, was der Verlag glaubte, am besten verkaufen zu können. „Spacejamiri“ ist ein Spin-off, das sich die Fans schon immer gewünscht hatten.

Sind diese Zeichnungen schon digital oder noch analog entstanden?
Das Spacejamiri-Buch bildet sozusagen schonungslos die Entwicklung von analog zu digital ab. Die älteren Sachen sind alle analog, dann kommen Mischformen – und dann wird’s komplett digital. Das Buch ist gewissermaßen zufällig ein Lehrstück, was das angeht.

Was macht ein derartiger Umbruch ins Digitale mit den Ausdrucksformen eines Künstlers? Sind Sie freier geworden oder haben Sie die Technik verflucht?
Das ist eine Medaille mit zwei Seiten. Im Grunde bin ich freier geworden. In der digitalen Sphäre entfallen viele Sachzwänge, die das Analoge mit sich bringt. Öl verträgt sich mit Wasser. Andererseits ist man auf die Möglichkeiten von Software angewiesen. Und in sofern auch wieder eingeschränkt. Eigentlich ist es dasselbe, nur jetzt „zeitgemäß“.

Bei Bands fragt man gerne mal, was zuerst da war: die Melodie oder der Songtext? Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen Comic-Strip zeichnen?
Unterschiedlich. Mal so, mal so. Udo Lindenberg sagte immer, man müsse breit schreiben und nüchtern gegenlesen. Oder umgekehrt. Genau so verhält es sich mit Text und Bild.

Ist es eher Arbeit oder Spaß?
Man wünschte sich, diese Kategorien müssten kein Gegensatzpaar mehr bilden. Bei mir waren sie das auch nie. Es ging ineinander über. Deshalb bin ich auch so ein Fan von Götz Werner und der Idee des bedingungslosen Grundeinkommens. Ich hab immer so gelebt, als ob es das schon gäbe. Keine Ahnung, woher ich den Mut dazu nahm.

„Spacejamiri Redux“ steigt damit ein, dass der Held der Geschichte ein alles verschlingendes schwarzes Loch durchfliegt. Er vermutet am anderen Ende das Nirvana oder Gott, landet in Wirklichkeit aber in Sprockhövel. Wie wichtig ist Ihnen die Heimat bzw. das Ruhrgebiet?
Ich bin einer der wenigen von meinen Kommilitonen, die bereit waren, hier zu bleiben. Die Medienstädte lockten. Ich blieb wegen Mädchen. Und nun bin ich zu alt und uncool, mich noch zu verpflanzen. Insofern passe ich jetzt hervorragend in die Provinz (Essen).

Ihr Alter Ego Spacejamiri reist ständig durchs All. Woher kommt Ihr Interesse für dieses Sujet, das sie dann immer wieder bewusst auf unsere Wirklichkeit herunterbrechen (Print-Medien-Galaxis, VW Golf, Autobahnkreuz Duisburg-Kaiserberg)?
Ich wuchs mit dem Quatsch ja auf. Star Wars, Enterprise, Alien usw. Diese Sorte Eskapismus hat mir immer imponiert. Da wollte ich mittun.

Welche Künstler haben Sie beeinflusst?
Adolf Menzel, Lovis Corinth, Richard Corben, Rien Poortfliet, Gottfried Helnwein, Rudolf Hausner für die Form, René Goscinny, Gary Larson und Bill Watterson für den Inhalt.

Gibt es eine Frage, die Sie sich immer wieder stellen?
Hätte ich es besser hinkriegen müssen?

Macht es einen Unterschied, ob Sie an einem Album zeichnen oder für Medien wie Spiegel online oder Unicum? Fühlen Sie dann einen inneren Zensor?
Die Alben entstehen ja immer nur durch die Auftragsseiten. Die fasse ich dann zusammen, und so entsteht ein Buch. Anders ginge es finanziell ja auch gar nicht. Bei Spiegel online und auch bei den Hochschulzeitschriften hat man mich dankenswerterweise immer einfach machen lassen. Kein Zensor, auch kein innerer. Und wenn ich mal jemanden außer Fiat beleidigt habe in meinen Comics, dann mich selbst. Selbstironie, Safer Satire aus Versehen. Je suis Ziegenficker.


Spacejamiri Redux ist im Verlag Edition 52 erschienen. Mit einem Vorwort von Wiglaf Droste. Hardcover, 48 Seiten, ISBN: 9783935229029.
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