Ein halbes Leben Nikolaus: Martin Schoebel spielt seit 27 Jahren den Nikolaus - Knecht Ruprecht muss draußen bleiben

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Im großen goldenen Buch stehen all die Geheimnisse. (Foto: Marie Hilterhaus)
 
Den großen brasilianischen Kaffeesack hat der Nikolaus immer dabei. Was da wohl drin ist? (Foto: Marie Hilterhaus)
von Dunja Vogel

Sein halbes Leben zieht Martin Schoebel in der Vorweihnachtszeit als Nikolaus los und hat schon so manches dabei erlebt.

Dinslaken/Oberhausen. Seit mittlerweile 27 Jahren schlüpft Martin Schoebel um den 6. Dezember herum in sein Kostüm und setzt sich die Mütze samt Perücke auf den Kopf, zieht die großen schwarzen Stiefel an und umschließt den rot-weißen Anzug mit einem breiten schwarzen Ledergürtel mit goldener Schnalle, um nicht nur Kinder, sondern auch junge und ältere Erwachsene im Ruhrgebiet und am Niederrhein zu besuchen. Das Kostüm ist schon seit Langem im Einsatz: Der Gürtel – geschustert aus dem Lederriemen einer alten Dampflock - ist mit einem Klett versehen, sodass er in den letzten 25 Jahren mitwachsen konnte. Seine stattliche Körpergröße von 1,89 Metern und der große weiße Bart vorm Gesicht verleihen dem Oberhausener die notwendige Ausstrahlung und Letzterer soll natürlich verhindern, dass er erkannt wird. Da der gute Mann aus der Kälte kommt, liegt ein wenig Schnee auf seinen Wimpern und Augenbrauen. Der große brasilianische Kaffeesack aus Jute schimmert golden, ist mit einer Kordel verschlossen und birgt all die großen und kleinen mit Leckereien und Geschenken gefüllten Nikolaustüten. Mit Apfel, Nuss und Mandelkern, wie das Knecht Ruprecht-Gedicht von Theodor Storm glauben machen will, lockt man heute keinen Teenager mehr hervor, dennoch gehören sie zum Standard des Nikolaustüteninhaltes. Das große goldene Buch, welches alles Wissenswerte über die Sprösslinge erhält, trägt er natürlich auch immer bei sich.
„Meine Güte, mein halbes Leben bin ich nun schon als Nikolaus unterwegs. Was für eine lange Zeit“, erzählt Schoebel, der Vater eines Sohnes ist, im Gespräch. Angefangen hat alles durch einen Zufall. „Ein Kindergarten in meinem Wohnort suchte damals einen Nikolaus und sprach mich an, ob ich Interesse hätte.“ Das war im Jahr 1990 und sein erster Einsatz. Sein Sohn war damals gerade ein Jahr alt. Schnell hat der heute 54-Jährige gemerkt, dass seine Erscheinung und Stimme von den Kindern positiv wahrgenommen wurde.
"Schon bei meinem ersten Auftritt hatte ich das Gefühl, die Kinder dachten: Das ist der echte Nikolaus“, sagt der gebürtige Duisburger, der sich selbst als Kind des Ruhrgebiets bezeichnet. „Das war auch all die Jahre immer das Feedback, welches ich von den Eltern der Kinder bekommen habe.“ Mittlerweile gehört er bei vielen schon zur Familie, hat viele „Stammkunden“. Eltern von früher sind mittlerweile Großeltern und buchen ihn für die Enkel. Bei einer Familie ist Schoebel schon seit 25 Jahren ein gern gesehener Gast.
Bis zu 40 Termine hat er früher wahrgenommen, besuchte neben Familien Vereine und Möbelhäuser. Auch der Nikolaus des MSV Duisburg war er schon. Mit 15 Einsätzen in diesem Jahr - unter anderem in Dinslaken, Voerde und Hünxe - hat er gut zu tun. Auch der Nikolaus ist nicht mehr der Jüngste… Und von einigen Familien wird er noch erwartet.
Es sind die Reaktionen der Kinder, die Schoebel als herzlich und bewegend empfindet und die ihm den Antrieb zum Weitermachen geben. „Es bereitet mir unheimlich viel Freude in die leuchtenden Gesichter zu sehen. Ich bin aus vollster Überzeugung Nikolaus“, schwärmt er. Besonders nett ist es, wenn Kinder die erste Scheu abgelegt haben und beginnen, aus freien Stücken zu erzählen. Knecht Ruprecht ist, findet Schoebel, ein nicht so netter Geselle, daher verzichtet er auf seine Begleitung.
Natürlich arbeitet der Nikolaus auf Vertrauensbasis: Vor seinen Besuchen bekommt er von den Eltern eine Plus-Minus-Liste über das Verhalten des Nachwuchses zugesteckt. Auch die Kinder sind meist auf den Besuch gut vorbereitet. Manche spielen ein Stück auf der Flöte, andere haben ein Bild gemalt oder tragen ein Gedicht vor. Und wenn er die Familien wieder verlässt, verliert er immer etwas Wunschschnee und erzählt den Kindern, man könne diesen ja dann mit dem elektrischen Besen wieder aufsaugen... und das bereits vor Harry Potter.
Viel erlebt hat er schon in seiner Zeit als Nikolaus, auch weniger Schönes: „Wenn mich beispielsweise ein Familienvater bittet, durch meinen Besuch die Familie wieder zusammenzuführen, fühle ich mich überfordert. Ich bin der Nikolaus, kein Zauberer“, erzählt er. Was ihm denn besonders in Erinnerung geblieben ist? „Einmal war ich auf der zweispurigen B8 unterwegs zu einem Termin und winkte einer Dame, die mit ihrem Auto neben mir fuhr, zu, was prompt dazu führte, dass diese vor lauter Schreck das Lenkrad herumriss und gegen einen Stromkasten prallte. Zum Glück ist ihr nichts passiert und die herbeigerufenen Polizeibeamten staunten natürlich auch nicht schlecht, als sie mich dort antrafen. Das ist mittlerweile 20 Jahre her, den Abend werde ich so schnell nicht vergessen“, erzählt Schoebel schmunzelnd.
Wer den Nikolaus gern einmal kennenlernen möchte, kann sich gern per E-Mail an redaktion@niederrheinanzeiger-dinslaken.de an den NA wenden.
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