Adventskalendergeschichte: Das Lächeln des Rentieres (Tor 5)

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Rentiermops Murphy wünscht schöne Weihnachten. (Foto: jape)
23.12.2013 | 18:00 Uhr
Liane möchte von allen nur Lilly genannt werden. Lilly klingt ihrer Meinung nach lockerer, unbeschwerter und nach einer Frau, mit der man Pferde stehlen kann. Ihre Mutter betonte den Namen ihrer Tochter oft übertrieben, LI-AH-NE, besonders dann, wenn es Ärger gab. Liane scheint wie eine Persönlichkeit aus einem anderen, einem früheren, Leben zu sein, welche begraben wurde.

Lilly schmückt den prächtigen Weihnachtsbaum, den sie alleine vom Baumarkt nach Hause geschleppt hat. Ihr Ehemann, Thorsten, amüsierte sich über das Bild, als er seine Frau den Baum die Treppe hochziehen sah. Jetzt hat er eine Bierdose in der einen Hand, während er mit der anderen Hand dirigiert und dabei klugscheißert. Lilly bleibt trotz der ganzen oft sinnfreien Anweisungen fröhlich und summt den Evergreen „Last Christmas“ leise vor sich hin.
„Da vorne muss noch eine Kugel hin. Pass mal besser auf, Liane.“
„An der Stelle war ich auch noch nicht, Schatz.“
„Du musst das schon gleichmäßig verteilen, sonst sieht das Scheiße aus.“
„Keine Sorge. Ich habe ja Übung drin.“
„Werden wir ja sehen.“
„Nenn' mich bitte nicht Liane, okay?“
„Ich nenne Dich, wie es mir passt, okay?“
Sein „Okay“ klang aggressiv und fast schon wie eine Drohung. Thorsten ist nicht unbedingt der Vorzeige-Ehemann, nicht Mister Right, aber das weiß Lilly schon länger. Sie hat auch akzeptiert, dass sie ihn wohl nicht mehr ändern wird und strengt sich an, das Beste aus der Situation machen.

Gerade die Weihnachtsfeiertage bringen ihr die Hoffnung, dass alles ein Stückchen besser wird – irgendwie. Alles erscheint in einem anderen, einem besseren Licht und vielleicht zeigt sogar ihr Ehemann ein wenig mehr Herz. Wenn er sich überhaupt auf die Feierlichkeiten einlässt. Im vergangenen Jahr hat er weder ein Geschenk für Lilly besorgt, noch hat er sich für seins bedankt. Er moserte am Abendessen herum und meckerte ohnehin über alles, was ihm unter die Augen kam. „Geschenkpapier ist Geldverschwendung! Schmeißen wir eh weg!“ oder „Ich hasse Schnee, ständig Fenster kratzen und überall schreiben sie Dir Beleidigungen aufs Auto!“ sind nur zwei Beispiele.
Zugegeben, dass war nicht immer so. Lilly und Thorsten haben eine 23 jährige Tochter namens Bettina, die jedoch bereits mit 17 ausgezogen ist. Betti (sie möchte nicht Bettina genannt werden, woher sie das wohl hat?) hat die Streitigkeiten ihrer Eltern nicht mehr ausgehalten.
Seit dem ist Weihnachten noch trüber. Weihnachten, das Familienfest, das Fest der Liebe, erinnert Lilly und Thorsten immer wieder an das Scheitern der Familie.
Wobei Lilly das Elend nicht ertragen will und alles daran setzt, wenigstens ein bisschen das alte Feeling wiederzubeleben.
„Ich fasse es nicht, diese scheiß Blagen!“ sagt Thorsten, als er aus dem Fenster schaut.
„Was ist denn, Schatz?“
„Die haben wieder was drauf geschrieben … Arschloch steht da.“
Lilly grinst in sich hinein und hängt die letzte Kugel an den Baum.

Fortsetzung folgt.
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