Flüchtlinge und Migranten finden den Weg in die Arbeit

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Kindah Almalloul mit Ihrem neuen Chef Wolfgang Meier-Barenhoff, Geschäftsführer der Engels Ingenieure GmbH. (Foto: Agentur für Arbeit)
 
Agnieszka Wojcik bei ihrer neuen Arbeit in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge (Foto: Agentur für Arbeit)
 
Astrid Neese, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Dortmund, zum Thema. (Foto: Agentur für Arbeit)
Die Zuwanderung von Flüchtlingen und deren Integration in Arbeit ist eine große Herausforderung. Doch es bieten sich auch Chancen für arbeitslose und arbeitsuchende Menschen, denn die Versorgung von Flüchtlingen schafft auch Beschäftigungsmöglichkeiten in der Stadt.

Kindah Almalloul ist Syrerin. Im April 2014 floh die Bauningenieurin nach Deutschland. Ihr Ziel: in Sicherheit zu leben und dann zu arbeiten. Auch Agnieszka Wojcik will arbeiten. Seit 2002 lebt die gelernte Kosmetikerin in Dortmund. 2006 wird sie Mutter – ein Mädchen. 2010 kommt ihr Sohn zur Welt. Die Kinder werden größer. Agnieszka Wojcik möchte wieder arbeiten: „Als Alleinerziehende hatte ich es schwer“, erzählt sie. 2013 dann die erste richtige Stelle. Agnieszka Wojcik ist handwerklich begabt und arbeitet bis Ende 2014 als Hausmeisterin.

Kindah Almalloul lernt in einem Deutschkurs sechs Monate eifrig die Sprache: „Ich kannte die Grundregeln. Als ich anfing Romane in Deutsch zu lesen, wurde es besser.“ Sie bewirbt sich, scheitert aber ohne fremde Hilfe an den deutschen Gepflogenheiten beim Bewerben. Es hagelt Absagen. Ein Arbeitgeber hilft. Er rät ihr, sich bei der Arbeitsagentur zu melden.

Agnieszka Wojcik bewirbt sich als Hausmeisterin und Gärtnerin. Niemand stellt sie ein. „Die Leute trauen einer Frau so eine Arbeit nicht zu“, erklärt sie. Im Januar 2015 wird die 43-Jährige dem Team „INGA – Interne ganzheitliche Integrationsberatung“ in der Arbeitsagentur überstellt. Arbeitslose mit mehreren Vermittlungshemmnissen bekommen hier intensive Unterstützungsangebote. Man gibt ihr Orientierungshilfen in anderen Berufsfeldern mit deutlich besseren Marktchancen für Ungelernte. Es folgt ein intensives Bewerbungstraining, das sich auszahlt. Die Alleinstehende bewirbt sich jetzt auch auf aussichtsreichere Berufe.

Im April 2015 wird Kindah Almalloul in das Programm für Flüchtlinge mit guter Bleiberechtsperspektive „Early Intervention“ der Arbeitsagentur aufgenommen. Flüchtlinge werden hier bereits während des Asylverfahrens auf den Arbeitsmarkt vorbereitet.

Für die Integration stehen den Arbeitsagenturen zusätzliche Mittel zur Verfügung: „Natürlich ist die Integration der neuen Bürger in Arbeit und Ausbildung eine große Herausforderung. Es ist der wichtigste Weg, um die gesellschaftliche Integration voranzubringen. Wir sehen in den Flüchtlingen auch die Fachkräfte der Zukunft, selbst wenn der Weg unterschiedlich lang sein wird. Aktuell bietet die Unterbringung der geflüchteten Menschen berufliche Chancen in vielen Bereichen. Durch die Zuwanderung der Flüchtlinge werden Wachleute, Sozialarbeiter und auch Dolmetscher gesucht“, sagt Astrid Neese, Leiterin der Agentur für Arbeit in Dortmund.

Kindah Almallouls Vermittler bietet ein Bewerbungscoaching an. Sie lernt, wie man mit einer guten Bewerbung und im Bewerbungsgespräch überzeugt.

Ende September 2015 hat Agnieszka Wojcik - nach einem Vermittlungsangebot der Arbeitsagentur - ein Vorstellungsgespräch als Helferin in der Küche einer Flüchtlingsunterkunft, und sie bekommt den Job: „Ihre einnehmende, freundliche Art hat mich überzeugt, es mit ihr zu probieren“, erzählt der Leiter der Einrichtung mit 24 Angestellten. Von den Schutzsuchenden komme viel zurück, berichtet Frau Wojcik. „Sie sind sehr dankbar und das oft für Kleinigkeiten. Es ist eine gute Arbeit“, sagt sie.

Auch Kindah Allmaloul ist angekommen. Für ihren Chef ist sie ein Glücksfall. „Die Suche nach Bauingenieuren ist schwer. Es kamen nur wenige Bewerbungen aus der Region“, klagt Geschäftsführer Wolfgang Meier-Barenhoff der Engels Ingenieure GmbH. Die Bewerbung und der interessante Lebenslauf hatten ihn überzeugt. Für die erste Zeit der Einarbeitung bekommt er eine finanzielle Förderung der Arbeitsagentur. Die Bauingenieurin Almalloul ist froh über diese Chance und die Festanstellung: „Aber irgendwann, wenn Frieden ist, will ich wieder in meine Heimat zurück!“

Fragen an Astrid Neese:


Wo liegen nach den jetzigen Erfahrungen die Hauptprobleme bei der Vermittlung von Flüchtlingen?

Es gibt nicht „den“ Flüchtling, sondern jeder Mensch hat sein individuelles Profil mit unterschiedlicher Ausgangslage. Die Arbeitsmarktintegration der Flüchtlinge braucht Zeit. Die größte Baustelle ist die deutsche Sprache: Für uns hat daher Vorrang, dass Flüchtlinge mit hoher Bleibewahrscheinlichkeit von Anfang an Deutsch lernen. Sprache ist der Schlüssel zu Ausbildung, Arbeit und Integration. Vielfach fehlt auch eine formale Berufsausbildung, weil es in den Herkunftsländern auch kein duales Berufsausbildungssystem wie in Deutschland gibt. Daher ist in den meisten Fällen eine sehr schnelle Integration in den Arbeitsmarkt nicht realistisch.

Wie kann man den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtern?

Entscheidend ist und bleibt zunächst der Spracherwerb bis zu einem Niveau, das die Verständigung im Betrieb ermöglicht. In Integrationskursen wird neben dem Spracherwerb auch die berufsbezogene Sprache vermittelt. Hilfreich sind Praktikumsangebote von Unternehmen, damit wir im praktischen Betrieb Kenntnisse und Fertigkeiten der Menschen feststellen können.

Welche Maßnahmen hat die Arbeitsagentur konkret auf den Weg gebracht?

Seit Oktober 2015 gibt es in der Arbeitsagentur den „Integration Point“, der zu dem Zeitpunkt dritte in Deutschland. Das ist die gemeinsame Anlaufstelle der Agentur für Arbeit und des Jobcenters in Kooperation mit der Stadt Dortmund für die berufliche Integration geflüchteter Menschen am Arbeits- und Ausbildungsmarkt. Außerdem konnten wir als Arbeitsagentur 2015 in Dortmund schon rund 1600 Flüchtlingen schnell und unkompliziert einen Einstiegssprachkurs ermöglichen.

Was ist in Planung?

Wir haben spezielle Unterstützungsangebote für Flüchtlinge konzipiert. Diese Maßnahmen zielen darauf ab geflüchtete Menschen mit guter Bleiberechtsperspektive an den deutschen Arbeits- und Ausbildungsmarkt heranzuführen. Hier werden berufsfachliche Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten festgestellt, um so Vermittlungshemmnisse abzubauen. Auch die Vermittlung berufsfachlicher Sprachkompetenz ist ein wichtiger Baustein, damit in versicherungspflichtige und nachhaltige Beschäftigung vermittelt werden kann.

Außerdem werden wir unser enges Netzwerk mit Unternehmen nutzen, um mit unterschiedlichen Unterstützungsmöglichkeiten (z.B. Qualifizierung, Lohnkostenzuschüssen, bei jungen Menschen als Einstieg in die Berufsausbildung ein Langzeitpraktikum) die Aufnahme von Arbeit und Ausbildung zu forcieren. Sehr wichtig ist, wir haben deutlich mehr Finanzmittel bekommen. So gibt es keinerlei Einbußen in der Arbeitsmarktförderung bei anderen Personen, wir können sogar unser Engagement für Arbeitslose insgesamt steigern.

Wie sieht es mit der Qualifikation der Flüchtlinge aus?


Die Qualifikation ist breit gefächert, vom Akademiker, über Fachkräfte bis zu ungelernten Personen. Junge Flüchtlinge haben in vielen Fällen keinen Schulabschluss. Bei den Zuwanderern, die zu uns kommen, hat die Mehrheit keinen formalen Berufsabschluss nach unserem Verständnis. Dahinter liegt oftmals viel Potential, das wir heben können und müssen. Wir setzen deshalb auf neue Verfahren wie z.B. Arbeitserprobungen im Echtbetrieb, um Talente und Kompetenzen von Flüchtlingen für den Arbeitsmarkt sichtbar und verwertbar zu machen. Die meisten Menschen, die heute zu uns kommen, sind also oft nicht die Fachkräfte von heute oder morgen, können aber die von übermorgen werden, wenn wir jetzt die richtigen Weichen stellen.

Gibt es genügend passende Stellenangebote für sie?

Wie gesagt, in vielen Fällen ist die Ausgangslage nicht so, dass die Bewerber mit ihrem Profil sofort auf die Stellen passen. Die Bereitschaft Dortmunder Unternehmen geflüchtete Menschen einzustellen ist auf jeden Fall vorhanden, auch wenn die Erwartungen der Unternehmen oft nicht mit den Lebensläufen der geflüchteten Menschen übereinstimmen. Wir versuchen deshalb die Flüchtlinge so weit zu qualifizieren und zu integrieren, dass Stellenangebote und Bewerber zusammenfinden können.

Gibt es ausgesprochene Positiv-Beispiele für eine gelungene Eingliederung?


Rund 30 geflüchteten Menschen konnte der Weg in Arbeit und Ausbildung durch die Arbeitsagentur und das Jobcenter geebnet werden. Das macht Mut. In einem Fall ist die Integration einer jungen Syrerin besonders günstig verlaufen. Diese war im Frühjahr 2014 nach Deutschland gekommen. Mit Unterstützung der Agentur für Arbeit, indem wir der gut ausgebildeten Frau einen berufsbezogenen Sprachkurs und ein Bewerbungscoaching vermitteln konnten, wurde die Syrerin bereits im Dezember 2015 von einem Architekten als Bau-Ingenieurin eingestellt.
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