„Don Camillo“ und der Fußball

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Die Dreifaltigkeitskirche und die Borussia - Die Kirche in der Nähe des Borsigplatzes ist mit der Geschichte des BVB eng verbunden (Foto: Haug)
 
Bei den Fußballgottesdiensten in der Dreifaltigkeitskirche wird es voll, und es wird schwarz-gelb. (Foto: Haug)

Ob der Kaplan der Dreifaltigkeitskirche im Jahr 1909, Hubert Dewald, genauso streitbar war wie der legendäre Don Camillo aus den Büchern von Giovanni Guareschi, ist nicht überliefert. Möglich wäre es aber schon.

Dewalds Unbeugsamkeit, was das Fußballspiel betraf, führte aber schließlich dazu, dass der Ballsportverein Borussia 09 gegründet wurde. Fußball war damals in Deutschland nicht nur nahezu unbekannt, sondern regelrecht verpönt, an deutschen Schulen war der Sport sogar verboten.

Seine Wurzeln hat der Fußball in England, in Deutschland wurde geturnt und nicht mit dem Ball gespielt -so sah das wohl auch der Kaplan der Dreifaltigkeitskirche, Hubert Dewald. Doch ein echter englischer Lederball hatte sich an den Borsigplatz verirrt, und die jungen Männer, die dort wohnten, machten reichlich Gebrauch von dem Ball, so ist es in der Dauerausstellung zum BVB in der Dreifaltigkeitskirche zu lesen.

Bereits 1901 hatte sich in der Gemeinde eine Gemeinschaft junger katholischer Arbeiter, die Jünglingssodalität „Dreifaltigkeit“gegründet. Besonders an den Sonntagnachmittagen gegen 14 Uhr setzten die jungen Männer gerne ein Spielchen an. Der Kaplan sah das „rohe“ und „wilde Treiben“ auf der Weißen Wiese gar nicht gerne und setzte ausgerechnet für den Sonntagnachmittag eine weitere Andacht an, damit die jungen Männer nicht mehr Fußball spielen konnten. Die Lage eskalierte über Monate, bis sich schließlich am 19. Dezember1909 die Sodalen in ihrer Stammkneipe am Borsigplatz, dem Wildschütz, trafen, um einen unabhängigen Verein zu gründen. Kaplan Dewald wollte das verhindern, stürmte in den Wildschütz und wurde von einigen Jünglingssodalen hinausgeworfen.

Das trugen nicht alle 50 anwesenden Sodalen mit, 18 von ihnen gründeten schließlich die Borussia. Trotz des Streits riss der Kontakt der Gründungsmitglieder zur Dreifaltigkeitskirche nicht ab: Franz Jacob heiratete 1919 in der Dreifaltigkeitskirche Lydia Trott, und sein Sohn Peter wurde 1922 dort getauft. Auch die Hochzeit von Heinrich und Hedwig Unger fand in der Kirche statt, 1922 wurde ihre Tochter Elisabeth getauft.

Die Jahre vergingen, die Borussia machte Fußballgeschichte, die Dreifaltigkeitskirche blieb eine normale Kirche in der Nordstadt - bis zum Jahr 2008: Der hundertste Geburtstag der Borussia stand an, und der Verein fragte nach, ob er nicht das Jubiläumsjahr in der Kirche starten könne, erinnert sich Gemeindereferent Karsten Haug. „Das waren die Anfänge der ‚Gründungskirche‘ erzählt Haug, seit vielen Jahren passionierter Borussia-Fan mit Dauerkarte und auf der Webseite der Gemeinde mit BVB-Schal abgebildet.

Mittlerweile hat die Zusammenarbeit mit dem Verein Strahlkraft auf den gesamten Stadtteil: Es gibt nicht nur jährlich zu Saisonbeginn der Bundesliga einen Fußballgottesdienst für Fans, im August 2008 setzten sich interessierte Gemeindemitglieder, Experten und Seelsorger zusammen, und es entstand eine Dauerausstellung unter dem Titel „Kirche – Fußball – Gottvertrauen“ in der Kirche.
Bildtafeln an den Säulen, Podeste mit zeitgeschichtlichen Dokumenten und der Kirchenraum selbst geben Einblick in die Geschichte des ehemaligen Hoeschviertels rund um den Borsigplatz, die Gründung und den Werdegang der Dreifaltigkeitsgemeinde und schließlich die Entstehung der Borussia.

Am 19. Dezember 2008, dem offiziellen Beginn des Jubiläumsjahres des BVB, wurde die Ausstellung während eines ökumenischen Gottesdienstes eröffnet.
Neben den Fußballgottesdiensten gibt es viele weitere Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit dem mittlerweile gegründeten Runden Tisch BVB am Borsigplatz, zum Beispiel einen schwarz-gelben Martinszug und eine Nikolausfeier mit dem BVB-Maskottchen „Emma“. In den Spielpausen der Bundesliga steht die Jubiläumsstandarte als Zeichen der Verbundenheit in der Kirche. Beim Auftaktgottesdienst zur Saisoneröffnung, den rund 200 bis 300 Fans besuchen, wird die Standarte dann wieder feierlich an den Verein übergeben.

Natülich verläuft so ein Fußballgottesdienst nach anderen Regeln, es werden Vereinslieder gesungen, die Tracht ist natürlich schwarz-gelb, der Chor stimmt „You‘ll Never Walk Alone“ an. Vorher wird auch schon das ein oder andere Bierchen getrunken, es gibt Würstchen vom Grill im Pfarrgarten, und die Bierbänke wandern in die Kirche, wenn die Kirchenbänke alle schon besetzt sind - ein Familientreffen eben.

„Ganz zu Anfang, als wir damit anfingen, gab es Proteste aus der Gemeinde“, erzählt Karsten Haug. Proteste gibt es schon lange nicht mehr - statt dessen „eine große Dankbarkeit“. Schließlich sei Borussia Dortmund der einzige Verein, der kirchliche Wurzeln habe, bilanziert Haug stolz.

Für alle, die nicht zum Gottesdienst kommen können, oder für den Fall, dass es mal mit dem Ball und der Borussia nicht ganz so rund läuft, gibt es ein kleines Eckchen hinten im Kirchenschiff. Dort kann man eine (gelbe) Kerze anzünden, und ein kleines (oder großes) Gebet nach oben schicken. Ein passendes Gebet, das alle Spieler, Verantwortlichen und Fans einschließt, hängt über dem kleinen Altar - denn dass der liebe Gott ein Fußballer ist und der Sport eine Religion, daran zweifelt im Ruhrgebiet wohl niemand.

Übrigens: An jedem zweiten Samstag im Monat ist die Kirche von 11bis 13 Uhr geöffnet und lädt zu Besichtigung und Gebet ein - natürlich vor dem Fußballspiel.
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