Der Nörgelmann im Sonnenschein-Schimmer

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Raus, raus, raus – alles in mir will in der warmen Mittagssonne raus. Raus in die Stadt zum großen Fluß. Schiffe sehen, Wasser schnuppern, die Sonne spüren auf der Haut. Sporttasche bleibt im Schrank, die Arbeit sowieso. Die ist noch nie weg gelaufen.

Keine Zeit verlieren, nicht umziehen, nicht kämmen – nur weg ins Freie. Der Weg durch den kahl geschorenen Hofgarten führt mich zum Rhein. Dort stehen sie schon in Scharen an den Trinktischlein des Fortuna-Büdchens und hauen sich am hellen Mittag die Biere in den Kopf. Eine große Tabakwolke hängt über der gesamten Szenerie. Der Kellner reißt Pappkartons auf mit Dosenbier.

Weiter am Rhein entlang. Am großen Ohr sehe ich einen Kormoran ins Wasser tauchen. WO kommt er wieder hoch ? Nahezu an der gleichen Stelle, immer wieder – er arbeitet gegen die Strömung. Möglicherweise, damit ich ihn fotografieren kann, was mir auch gelingt.

Drei riesige Rheindampfer fahren bergauf, schlagen große Wellen und das kleine Motorboot mit dem winzigen Sonnendach hüpft munter darauf herum, als befinde es sich auf der Nordsee.

Wird es mir nicht langsam langweilig inmitten des betonierten Ufer-Fußwegs, frage ich mich. Es ist im Grunde genommen immer das gleiche. Daheim liegt so vieles, was darauf wartet, bewegt zu werden – auch der Staub. Warum muß ich bei den kleinsten Sonnenstrahlen immer raus ? Warum lebe ich nicht ganz in der Natur – in einer kleinen Hütte da draußen in den Bergen. Da, wo immer die Sonne scheint und eher zum Hindernis werden kann, weil ständig sie die Erde austrocknet ?

Brauche ich noch die Großstadt ? Die Anonymität ? Die aufgescheuchten Seelen, die nie zur Ruhe kommen ?

Was ist eigentlich so schön an dieser heißen Kugel ? Ich fange an zu schwitzen, warte darauf, das die kahlgeschorenen Bäume Schatten spenden. Da kann ich noch lange warten. Warum müssen die die Bäume immer so kahl schneiden ? Damit sie besser zum Beton passen !

Sie merken es schon – die Stimmung kippt so langsam ins Unwirsche. Die Kasematten – bevölkert, wie am Pfingstsonntag. Wieso sitzen am hellichten Werktagmittag dort schon so viele Leute ? Wo kommen die alle her ? Kein Schatten weit und breit. Alle starren in das große Ozonloch, das sich vor der Sonne befindet und möchten ihrem Leben Wärme und Farbe verleihen.

Zwei Männer stehen am Ufer und küssen sich. Ein Saxophonist spielt „Summertime“ und ein paar Meter weiter spielt der Akkordeonmann „La Paloma“. Ich stelle mich neben ihn und singe mit. „Fahre ich einst zum Raube empörten Mee-her, fliegt eine weiße Taube zu mir hier hee-he-her. Lasse sie ohne Säumen zum Fenster a-hain, mit ihr wird meine Seele dann bei dir sa-hein....“

Die Menschen bleiben stehen, applaudieren und der Akkordeonmann freut sich und fragt, ob ich noch ein Liedchen singen kann. Nein, kann ich nicht. Ob wir zusammen ein Altbier trinken könnten ? Ja, kann ich.

Gemeinsam schreiten wir in die kühle Ecke hinter „Bill“ und nehmen dort Platz. Der Mann kommt aus Oberbilk, stellt sich vor als „Hännes“ und ordert zu den beiden Altbier zwei Killepitsch – ohne mich zu fragen. Killepitsch bei der Hitze – na ja, Beschleuniger halt.

Ich bleibe stumm, will nicht reden. Dafür redet er umso mehr. War Kameramann, ist jetzt Anfang 60 und arbeitslos, Hartz 4. Mußte ausziehen in eine kleine Wohnung im vierten Stock. Sieht bei ihm aus wie bei Hempels unterm Sofa. Hat keinen Bock mehr. Verdient sich mit der Musik ein paar Kröten dazu. Hat die Schnauze voll. Partnerin hat er nicht. Die Kinder haben sich von ihm abgewandt. Schämen sich für den Papa. Er ist einsam. Noch zwei Killepitsch und noch zwei Alt auf mich. Er ist mehr als einsam. Hat keine Freunde mehr. Wo soll er neue Freunde finden in seinem Alter ? Auf dem Arbeitsamt ? Hahahahaha ! Ich kann nicht lachen. Eine kalte Hand greift mich an der Seele an und ich fange an, aufmerksam zu werden.

Im Grunde genommen, sei alles aus der Spur geraten, fährt er fort. Seine blauen Augen blitzen, als er sich darüber beschwert, wie wenig der Staat für seine eigenen deutschen Leute tue. Aber für die Zuwanderer, da wäre ihm nichts zu teuer, dem Staat. „Na, na, na !“, zische ich tadelnd, immer noch nicht gewillt zu reden. Jetzt erst recht nicht. Der Mann beschwert sich weiter über Gott und die Welt und mir fällt nach dem Killepitsch auf ex auf, das er ein wenig Ähnlichkeit hat mit Robert Plant, dem Sänger von Led Zeppelin, der in seiner Jugend so schön war, wie ein griechischer Gott.

„Kennen Sie Demis Roussos ?“, frage ich ihn. „Der mit den nackten Föß ?“, war die Gegenfrage. „Ja, der – der ist im Januar gestorben !“, antworte ich. Wir schweigen beide. Der Mann, der ausschaut, wie Robert Plant, nimmt sein Akkordeon und spielt „Griechischer Wein“. Schön spielt er das und ich sage ihm, das Udo Jürgens auch gestorben ist. „Sie sterben alle“, war die lakonische Antwort. Und schwupps steht schon wieder ein Gedeck auf dem Tisch – er hatte es geordert. „Auf den Tod“, sagt Robert Plant und ich: „Können sie auch „Stairway to Heaven spielen ?“

Der Mann greift in die Tasten und spielt „Stairway to Heaven“ so schön, wie man es nur auf einem Akkordeon spielen kann. „Uhuhu – Uhuhuhu – she is buy-ha-hing a Stairway to Hea-ha-ven“,- singe ich leise mit.

Menschen gesellen sich hinzu, stehen um uns herum, applaudieren – geistesgegenwärtig sammele ich ein paar Euro ein und gebe sie dem Mann. „Wir wären ein gutes Team“, schmachte ich Robert an. Zum ersten Mal lacht er laut und herzlich und meint „Nä, Mädchen, lass mal – ich mach mein Ding schon alleine !“ „Aber ich habe eine Gitarre – wir könnten doch...!“ Er unterbricht mich sanft und seine Augen, die mittlerweile an blauer Farbe beträchtlich zugenommen haben, schauen mich an, ernst und bestimmt. „Nix für ungut, Mädchen – aber Du bist und bleibst eine Spießerin. Bleibe Du in Deiner Welt und ich bleibe in meiner !“

Die Sonne verdunkelt sich im gleichen Maße, wie meine Stimmung. „Das ist das Rheinland“, denke ich. So sind sie, die Rheinländer – oberflächlich und arrogant. Selbst, wenn sie auf Hartz sind.“

Ob ich noch einen trinken wolle auf die paar eingesammelten Euro ? Wozu jetzt noch, nach der Abfuhr ? Wozu soll ich jetzt noch äne trinke ? Mit ihm ? Er hat mich abgewiesen. Reinen fröhlichen Geistes kam ich in die Sonne und kann mir von Robert Plant nun anhören, ich sei eine Spießerin. Ich bin beleidigt. Der Nörgelmann zieht mich runter. Ich frage ihn, ob ich sein Akkordeon mal anfassen kann. Ja klar doch !

Ich packe das Akkordeon und fange an zu spielen „Plaisier d'amour“, „Marina“, „Ganz Paris träumt von der Liebe“, „Weisse Rosen aus Athen“ - die Menschen bleiben stehen, applaudieren, fangen an zu tanzen. Robert schaut mich sprachlos und ein bisschen perplex an, fängt an zu grinsen – so wie ein Mann grinst, wenn er eine Frau sieht, die ihm gefällt.

Nachdem ich dann noch spielte „Seemann lass das Träumen“, legte ich das Akkordeon beiseite, ging in die Kneipe, zahlte meine Zeche und zog mit einem freundlichen „Adios, Robert Plant !“ von dannen.

„Leck mich doch in de Täsch“, dachte ich unentwegt auf dem Weg zur Bahn..., du Nörgelmann !
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5 Kommentare
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Gottfried (Mac) Lambert aus Goch | 10.04.2015 | 19:56  
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Christiane Bienemann aus Kleve | 10.04.2015 | 21:10  
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Paul Scharrenbroich aus Monheim am Rhein | 11.04.2015 | 06:19  
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Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr | 11.04.2015 | 22:03  
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Karin Michaeli aus Düsseldorf | 11.04.2015 | 22:57  
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