„Die absolut richtige Entscheidung!“ – Wie Ehrenamt über Jahre wirken kann

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Oliver Rösner mit seinem Patenjungen Azedin
 
Oliver Rösner (ganz rechts) mit seinen Mitpaten und den Patenjungen aus dem Projekt "BoyScout" (jetzt: "Glückskind")
Ehrenamt lebt von den Menschen, die sich engagieren und für ihre Mitmenschen einsetzen. Wir stellen in unregelmäßigen Abständen Engagierte vor und wollen Geschichten aus dem Ehrenamt erzählen.

Die Geschichte von Oliver Rösner und seinen Mitstreitern ist schon etwas Besonderes. Gemeinsam mit sieben anderen Paten nahm er 2009 ehrenamtlich an dem Projekt „BoyScout“ teil. Bei dem Projekt der Ehrenamt Agentur Essen e.V. bekommen Grundschüler einen erwachsenen Paten an ihre Seite gestellt, der ihnen neue Impulse und Selbstbewusstsein geben soll. Nicht in jedem Fall halten die Patenschaften über die betreute Projektphase hinaus. Doch bei Oliver Rösner und seinen Kollegen sah es anders aus. Alle acht Teilnehmer und auch Patenkinder entschlossen sich weiterzumachen – über Jahre. Mittlerweile sind noch vier Patenpaare der Staffel aktiv, die sich noch immer treffen.


Oliver Rösner muss selbst kurz überlegen, in welchem Jahr alles begann und ist sichtlich stolz, dass er und seine Paten-Kollegen bereits seit sechs Jahren aktiv sind. „Dieses Engagement tut mir einfach unwahrscheinlich gut!“, erklärt der redefreudige Engagierte mit wachen Augen. Doch beginnt Rösners Paten-Reise sogar noch ein paar Jahre früher. Bereits 2007 wurde er über einen Zeitungsartikel auf das Patenprojekt der Ehrenamt Agentur aufmerksam. Schnell entschied er sich es einmal auszuprobieren und brachte sich erstmals bei „BoyScout“ mit ein, das da noch „Freunde für Kinder“ hieß. Seinen damaligen Patenjungen Dijar lernte er zum ersten Mal bei dem Auftakttreffen im Phänomania Erfahrungsfeld in Katernberg kennen. Die Ehrenamt Agentur lädt für die erste Begegnung gerne in das Erlebnismuseum ein. Per Zufallssystem und kleinen Motiv-Buttons wurden die Patenpaare zugeteilt. Und Oliver Rösner traf auf den Grundschüler Dijar. „Da musste das Eis auch erstmal brechen!“, erinnert sich der 45-Jährige. Doch schnell fand man zueinander und konnte sich in der Gruppe kennenlernen. Die erwachsenen Paten sollen den Kindern authentische Gegenüber und Vorbilder sein, die ihnen neue Impulse bieten und ihre Entwicklung zu selbstbewussten Jugendlichen stärken. Das braucht Zeit. Leider zog Dijars Familie kurz vor Ende der betreuten Staffel in eine andere Stadt und alles endete vorerst.

Pate im zweiten Anlauf

„Ich war ja schon seit einiger Zeit immer wieder als Helfer bei den Special Olympics engagiert, was unheimlich inspirierend war“, erzählt Rösner voller Begeisterung. Die Special Olympics ist die weltweit größte Sportbewegung für Menschen mit geistiger Behinderung und Mehrfachbehinderung. Außerdem ist er seit Jahren regelmäßig im Franz Sales-Haus in Essen, einer großen Einrichtung der Behindertenhilfe, im Einsatz. Es ist mit annähernd 1.000 Mitarbeitern an 20 Standorten in Essen vertreten und bietet 1.600 Plätze zur Pflege und Betreuung von Menschen mit geistigen, psychischen und mehrfachen Behinderungen. „Hier bin ich über meine Frau aktiv geworden, die dort seit vielen Jahren erfolgreich als Ehrenamtskoordinatorin arbeitet.“ erzählt er. Das Engagement als Paten schlummerte da erst einmal. Doch die Ehrenamt Agentur kontaktierte ihn aufs Neue, da sie gerade an einem reinen Jungen-Patenprojekt arbeitete und für „BoyScout“ männliche Paten suchte. „Ich habe mich überzeugen lassen weiterzumachen, auch wenn es beim ersten Mal nicht langfristig lief und ich muss sagen, es war die absolut richtige Entscheidung!“, freut sich Rösner.

Vertrauen, Verbindlichkeit und Sicherheit

Ihm gefiel auf Anhieb der kleinere Rahmen des reinen „Jungs“-Projekt. Acht erwachsene Paten trafen auf acht Grundschüler. Oliver Rösner bekam – wieder per Zufall – den jungen Azedin zugeteilt. „Manches Mal gab es bei den Treffen echt Radau!“, erinnert sich der Engagierte an die ersten Treffen in der Gruppe. „Die Jungen haben sich untereinander einige heftige Schimpfwörter an den Kopf geworfen, waren manchmal hitzig oder wir mussten dazwischen gehen, wenn es zu Rangeleien kam. Das sieht jetzt total anders aus!“
Die Paten kennen die biographischen Hintergründe ihrer Patenkinder vor ihrem Aufeinandertreffen nicht. Unvoreingenommen sollen sich beide Seiten kennenlernen. Doch merkten Rösner und seine Mitstreiter schnell, dass bei den Jungen sicherlich nicht immer sinnvolle Konfliktbewältigungsstrategien im elterlichen Haushalt vorgelebt wurden oder schlicht väterliche Vorbilder fehlten. „Die Jungs haben sich definitiv entwickelt. Wo sie sich vorher noch gegenseitig geärgert oder runtergemacht haben, ist jetzt ein richtiges Gemeinschaftsgefühl mit gegenseitigem Respekt und Achtung voreinander entstanden. Im Oberhausener Klettergarten z.B. haben sie einander ermutigt und Hilfestellungen gegeben.“, freut sich Oliver Rösner.
Darum geht es in dem Projekt! Vertrauen, Verbindlichkeit und Sicherheit sollen in den Patenschaften gelebt werden. Eine unheimlich prägende Erfahrung für die Patenkinder. Ein Erwachsener investiert freiwillig die eigene Zeit, um den jungen Menschen zuzuhören, sie ernst zu nehmen, gemeinsam Aufgaben zu bewältigen und Spaß zu haben. „Ich trenne Projekt und Privates aber schon.“, befindet Oliver Rösner. „Ich mache keine Hausaufgabenbetreuung und bin schon gar nicht Sozialarbeiter für mein Patenkind. Das hätte ich mir nie zugestanden.“ Jedes Patenpaar muss selbst definieren, wie es miteinander umgeht. Wichtig ist aber immer, dass die Ehrenamtlichen eben nicht professionelle Jugendarbeiter sind. Sie sollen es auch gar nicht sein. Vielmehr sind sie mit ihrer Persönlichkeit gefragt und sollen mit den jungen Teilnehmern in Austausch treten und hierüber – für beide Seiten – wirken.

Neugierde wecken

Mit der Mutter seines Patenjungen hält er telefonisch Kontakt. Sie kennen sich und es besteht Vertrauen. Allgemein funktioniert das Zusammenspiel mit den Paten-Eltern und Oliver Rösners „Patenkollegen“ sehr gut. So konnte mit Zustimmung der Eltern ein Zeltausflug an den Baldeneysee realisiert werden. Im Vordergrund der Treffen stehen natürlich klassische Jungs-Dinge, wenn gegrillt, Fußball gespielt, gebowlt, gesegelt oder geklettert wird. „Wir waren aber auch im Folkwang Museum oder haben uns nach einem Ausflug spontan Angela Merkel auf dem Burgplatz angehört“, so Rösner. Auch wenn die Jungen nicht alles verstanden hätten, so haben sie doch einen offenen Geist bewiesen. Die Paten waren begeistert. Oliver Rösner: „Wir finden es toll, wie offen die Jungs geworden sind. Wir wollen bei ihnen die Neugierde für Anderes und Neues wecken, in der Hoffnung, dass etwas hängen bleibt“. Sein Patenjunge ist mittlerweile auf dem Weg zum Teenager. Er besucht die Hauptschule und notentechnisch sieht es nicht unbedingt rosig aus, aber Rösner kritisiert seinen Zögling nicht. Bei ihren Gruppentreffen geht es um anderes als Schulinhalte. Respekt lernen und einen wachen Geist entwickeln. Letztens waren die Paten mit ihren Jungen im Bochumer Schauspielhaus, um sich das Faschismus-kritische Stück „Die Welle“, in dem gezeigt wird, was blinder Gehorsam anrichten kann, anzuschauen.
Das bunte Programm für die monatlichen Treffen erdenken und planen die Paten selbst. Schon bald werden sich Oliver Rösner und seine drei verbliebenen Mitehrenamtlichen treffen und über das kommende Jahr nachdenken. Überhaupt sind Reflexion, Austausch und gemeinsames Planen für die Engagierten wichtig. Die Gemeinschaft ist Kern dieses Engagements und auch das, was Oliver Rösner so gefällt. Dass von den anfänglich acht Paaren „nur“ noch die Hälfte aktiv ist, liegt an verschiedenen Gründen. Teils sind es familiäre Gründe auf Seiten des Paten, wenn Nachwuchs das eigene Leben völlig auf den Kopf stellt, teils liegt es auch im mitunter schwierigen Umfeld der Familie des Patenkindes. „Die Hintergründe der Jungen sind nicht immer ganz leicht.“, weiß Oliver Rösner. Niemand ist verpflichtet teilzunehmen, genau hier liegt das Besondere an dem Projekt.

Helfen bringt Freude

Doch Oliver Rösner will sein ehrenamtliches Engagement nicht mehr missen. Zusätzlich ist er auch noch Spielplatzpate. Ganz schön viel, neben Beruf und Familie. Oliver Rösner winkt ab: „Ach, das klingt alles nach so viel. Den Spielplatz überquere ich täglich beim Nachhause-Weg. Da kann ich auch einmal nach dem Rechten schauen. Außerdem spielt mein Sohn dort und so habe ich natürlich auch ein gewisses Interesse an einem sauberen, intakten Spielplatz.“
Wenn man den Engagierten nach seinen Motiven für all das Engagement fragt, muss Oliver Rösner nicht lange überlegen: „Ich mache das natürlich auch für mich! Sich zu engagieren tut unheimlich gut! Mein Einsatz für z.B. meinen Patenjungen ist ein super Ausgleich zu meiner Arbeit. Mein Beruf in der IT-Branche ist rein technischer Natur. Aber in unserer ‚BoyScout‘-Gruppe erlebe ich so viel Gutes, das mich wiederum emotional berührt.“ Sein Engagement habe auch nichts mit Mitleid zu tun. Vielmehr will er miterleben, wie sich etwas bei den Jugendlichen verändert, sie aufblühen und selbstbewusster werden, lernen respektvoll zueinander zu sein. Das zu sehen sei unbezahlbar. Zu Helfen mache Freude.
Ein finanzieller Anreiz ist für ihn natürlich bedeutungslos, doch sind ihm gute Rahmenbedingungen wichtig. Als Ehrenamtlicher hat er sich in dem von der Ehrenamt Agentur betreuten Projekt gut aufgehoben gefühlt. Das Engagement muss sinnvoll organisiert sein. Diese Organisation haben nun er und seine Mit-Paten übernommen.

Wo er seinen Patenjungen in einigen Jahren sieht? „Keine Ahnung. Ich will ihn zu nichts zwingen, aber gerne fordern und fördern und bei der Suche nach einer Ausbildung helfen. Er soll seinen Platz finden!“ merkt Rösner an.
Eines war Oliver Rösner noch ganz wichtig, als unser Gespräch endete: „Engagement kann leichter sein als man zu Beginn denken mag. Und es lohnt sich – gerade für den Ehrenamtlichen selbst. Jeder sollte es einfach einmal ausprobieren!“

Text: Hendrik Rathmann
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