Ziemlich hart im Nehmen - die Heisinger Eiskunstläuferin Jacqueline Drange

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Die Heisinger Eiskunstläuferin Jacqueline Drange ist seit Oktober Inhaberin der C-Trainer-Lizenz und gehört nun zum Trainertaem des Essener Jugend Eiskunstlaufvereins (EJE). Foto: privat
 
Jacqueline Drange und eine ihrer Eislaufschülerinnen Foto: privat
Wer wirklich liebt, der kann vergeben. Jacqueline Drange hätte guten Grund, ihre Schlittschuhe an den Nagel zu hängen. Doch der Sport auf dem Eis bedeutet ihr zu viel, als dass sie von einer lebenslangen Leidenschaft einfach lassen könnte.

Von Henrik Stan

Beim Training ist es passiert. Es war ein Dreifachsprung, durchaus anspruchsvoll, aber nichts, wovor man sich fürchten musste. Die Flugphase hatte sie gut überstanden, einzig die Landung musste sie noch ordentlich hinbekommen. Doch Jacqueline Drange stürzte. „Ich habe zwar gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war“, erinnert sie sich. „Ich bin aber nicht in Ohnmacht gefallen.“ Erst nach eindringlicherem Zureden ihrer Trainerin Grudrun Pladdies ging sie zum Arzt. Seine Diagnose: „Meniskusrisse in beiden Knien.“ Verletzungen dieser Art lassen sich mittlerweile zwar so gut behandeln, dass sich die Beeinträchtigungen in Grenzen halten, bei alltäglicher Beanspruchung eigentlich nicht spürbar sind. Aber auf dem gewohnten Niveau ihren Sport treiben, nein, das wird Jacqueline Drange wohl nicht mehr können. Diese Einsicht formuliert die 19-Jährige ohne Bitterkeit. „Jedem ist klar, dass man nur eine sehr begrenzte Zeit auf dem Eis stehen kann. Bei ihr ist es nun einmal so gekommen“, sagt sie und muss doch kurz schlucken. „Ich kann nur im Moment nicht so trainieren wie vorher, in Zukunft aber hoffentlich schon. Ich bin hart im Nehmen“, behauptet sie von sich. Das glaubt man gern. Kurz nach der Verletzung, noch vor der Operation, absolvierte sie ihr Sport-Abi an der Mülheimer Luisenschule. Punktabzüge in der Endnote? Natürlich nicht.
An ihre ersten Schritte auf dem Eis hat die Athletin des Essener Jugend Eiskunstlaufvereins (EJE) gar keine eigenen Erinnerungen. Höchstens drei Jahre alt war sie bei ihren ersten Versuchen in der Halle am Westbahnhof. Einziger Beleg dafür sind Fotos, die ihr ihre Eltern Jahre später zeigten. Jacqueline Drange blieb dran. „Man muss den Sport einfach lieben und ich habe schnell gemerkt, dass mir in Trainingspausen etwas Entscheidendes fehlt.“ Innere Unruhe packte sie dann, wie zuletzt in zwangsweise eisloser Zeit nach dem Sturz. „Das halbe Jahr war hart“, räumt sie ein. „Ich habe mich unvollständig gefühlt.“
Deshalb fieberte sie dem traditionellen weihnachtlichen Schaulaufen am 2. Dezember entgegen. Sogar aus zweierlei Gründen. Endlich durfte sie wieder ein Kurzprogramm vor Publikum zeigen. Vier Minuten mit etlichen Pirouetten und Mehrfachsprüngen traute sie sich zu, obwohl die Operation ihres zweiten Knies noch aussteht. Außerdem zeigten Jacqueline Dranges Schützlinge erstmalig, was sie bei der erfahrenen Eiskunstläuferin gelernt haben. Nach einjährigem Lehrgang (parallel zum Schulabschluss absolviert) verfügt die junge Heisingerin über die C-Trainer-Lizenz für Übungsleiter und kümmert sich bevorzugt um den allerkleinsten Nachwuchs.
Die Steppkes aus Kindergarten oder Grundschule wagen unter ihrer Aufsicht erste, ganz vorsichtige Gehversuche auf dem glatten Untergrund, lernen sicher auf den Kufen zu stehen, können meist sehr bald schon in die Hocke gehen und auf einem Bein dahingleiten. Die wichtigste Lektion lässt nie lange auf sich warten: Jeder fällt. Immer wieder. Und nach einigen Versuchen entdecken die Bambini, dass es sich lohnt aufzustehen und weiterzumachen. Wem es partout zu bunt wird, bleibt einfach auf dem gut gepolsterten Hosenboden sitzen. „Ich freue mich über jeden Schneemann, den mir die Kleinen bauen“, sagt Jacqueline Drange und grinst sich einen.
Mit den Kids klappte es von Anfang an. Trotz unausrottbarer Gerüchte über Eislaufmütter gestaltet sich auch das Verhältnis zu den Eltern unproblematisch. „Klar steht da schon mal jemand an der Bande und ruft Kommandos rein. Aber das gibt es in anderen Sportarten auch“, weiß die Trainerin. Und ohne Spaß hat es ohnehin keinen Zweck. An längere Null-Bock-Phasen kann sich Jacqueline Drange ebenso wenig erinnern wie an übertriebene Schinderei. Im Gegenteil. „Gerade wenn ich voll im Training war, hat sich das positiv auf die Schule ausgewirkt.“ Ihre Erfahrung: „Nach einem anstrengenden Tag in der Halle war ich voll motiviert, mich noch auf eine Französisch-Klausur vorzubereiten.“ Mit dem Abi in der Tasche schrieb sie sich für den dualen Studiengang Gesundheitsmanagement ein. Neben Seminaren an der Uni steht eine praktische Ausbildung in einem Fitnessstudio. Berufsziel: Ernährungsberatung.
Eines Tages in der Meisterklasse anzutreten, an Deutschen Meisterschaften teilzunehmen oder sich gar auf internationaler Bühne präsentieren zu können, wird einer ihrer Anfängerinnen vielleicht einmal gelingen. Und Jacqueline Drange wäre stolz wie Oskar. Wichtiger aber ist ihr, etwas von dem Lernerfolg, den sie selbst erlebt hat, vermitteln zu können: Wer hinfällt muss wieder aufstehen können. Und wer sich für eine Sache begeistern kann, ist anderen Herausforderungen gegenüber aufgeschlossener. Ob als „Eisprinzessin“ oder in anderen Sportarten.
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