Chance Demokratie - Was machen wir daraus?

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Noch hat Paul Baumann die Zeit sich in dem Projekt-Container seiner Literatur zu widmen. Doch die Kinosessel auf der rechten Seite sollen schon bald auf der anderen Seite durch weitere Sitzgelegenheiten ergänzt werden, so dass direkte Konversationen geführt werden können. Mal kritisch, mal konform, aber immer demokratisch. Foto: Gerd Kaemper
 
Dies ist eins der vor zehn Jahren entstandenen Objekte zu den Bücherverbrennungen der Nazis. Im Container ist es nun wieder aktuell. Auch von außen wird der Container „auf Krawall gebürstet“ mit den Slogans „Empört Euch!“, „Mehr Demokratie wagen“ oder „Demokratie lebt vom Widerspruch“. Foto: Gerd Kaemper
Gelsenkirchen: Platz |

Seit Beginn des Jahres und noch bis Ende November geht man in Gelsenkirchen der Frage nach: „Gelsenkirchen erinnert sich: Vor 80 Jahren - was war 1933 und was bedeutet das für heute?“. Dabei dreht sich alles um die Machtergreifung Hitlers, das Nazi-Regime und eben das Heute. Genau dieser Blick auf das Heute geht auf den Einsatz des Projektes „Steinbruch Demokratie“ zurück, das sich im Rahmen der Kooperationspartner zu dem Jahresprogramm für diese Betrachtung einsetzte.

Ideengeber Paul Baumann

Die Idee zu dem Projekt stammt von Paul Baumann, dem früheren Mitarbeiter des Kulturreferates, der schon immer dadurch auffiel, dass er nicht grundsätzlich konform geht, sondern gern seine Meinung äußert, auch wenn sie nicht dem mainstream entspricht. Doch „Steinbruch Demokratie“ ist alles andere als eine One-Man-Show des Gelsenkircheners. „Wenn ich in die Kiste muss, möchte ich das jemand sagt: Der hat die Füße dagegen gestemmt.“Paul Baumann

Der Club der letzten Demokraten

„Ich hatte schon in Anlehnung an den Film „Club der toten Dichter“ die Assoziation, dass wir uns „Club der letzten Demokraten“ nennen könnten, aber das wäre dann vielleicht doch etwas zu krass“, lacht der 67-Jährige.
Beim Steinbruch Demokratie geht es im Untertext um die Frage: Aushöhlung oder Baustelle unserer Gesellschaft? und in der begehbaren Plastik kann man sich informieren über das Verschwinden von Demokratie und Kritik.
Vom 26. April bis zum 28. Juni wird die Plastik in Form eines Containers auf dem Fritz-Rahkob-Platz zwischen dem ehemaligen Versorgungsamt und der Bluebox also vis-a-vis des Hans-Sachs-Hauses stehen und dienstags bis freitags Angebote bieten, aber auch einfach für Besuche, Gespräche und Diskussionen offen stehen.

Wie es zur Idee kam

„Ich habe mich innerlich gezwungen gefühlt der Sache nachzugehen und die Frage zu stellen: Wie kam es 1933 zu Bücherverbrennung und Nazi-Regime? Das Thema wird heute angesichts der Diskussion um das NPD-Verbot wieder sehr aktuell. Darum frage ich mich: Wie demokratiefähig sind wir heute als Gesellschaft?“, erläutert Baumann seine Intention.
Bereits vor zehn Jahren als er noch Mitarbeiter des Kulturreferates war, hat er 70 Jahre nach den Bücherverbrennungen durch die Nazis und anlässlich des Welttages des Buches 2003 35 Buchstelen erstellt, die sich kritisch mit der Bedeutung des Buches auseinandersetzten. Einige der dabei entstandenen Werke zieren nun den Container.

Theodor Heuss und die Gefahr durch Hitler

Bei seinen Recherchen stieß er auf ein Buch von Theodor Heuss, der bereits 1932 „Hitlers Weg“ kritisch unter die Lupe nahm und ein Szenario der Gewalt erstellte, aber trotzdem 1933 dem Ermächtigungsgesetz zustimmte und damit Hitler den Weg zu seiner Diktatur frei machte. Es heißt, er beugte sich der Fraktionsdisziplin, da drei von fünf seiner Parteikollegen der Deutschen Staatspartei dafür stimmen wollten. Von 1949 bis 1959 war er dann der erste Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland.
„Ich will niemanden anklagen, aber ich möchte Dinge zur Diskussion stellen und Fragen aufwerfen“, erklärt Paul Baumann.

Schöne heile Welt oder mündiger Bürger?

So erlaubt er sich die Frage: „Wenn nur etwa 50 % der Bürger an der Wahl des NRW-Parlaments teilnehmen und sich davon wiederum knapp die Hälfte für Rot-Grün entscheiden, so hat nur etwa ein Viertel der Nordrhein-Westfalen diese Regierung gewollt. Ist das Demokratie?“
Er gibt zu bedenken, dass die Jahre 1933 und 1945 jeweils für radikale Einschnitte in der Gesellschaft gesorgt haben, die suggerierten, die Werte wären neu erfunden worden. Das stimmt aber aus Sicht Baumanns so nicht.
„Heute herrscht aus meiner Sicht eine ähnliche Unsicherheit wie 1933. Die Menschen haben nicht das Gefühl, dass sie durch ihre Wahlbeteiligung wirklichen Einfluss nehmen können. Sie haben keine Teilhabe an den Entscheidungen der Regierungen, egal ob in Stadt, Land, Bund oder Europa“, prognostiziert der Demokrat, den manchevielleicht auch als unbequemen Querdenker einstufen.

Demokratie lebt vom Widerspruch

Ähnlich wie im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ trauen sich aus Sicht Baumanns und seiner Mitstreiter heute die Menschen nicht mehr öffentlich Farbe zu bekennen und ihre Meinung zu sagen. „Alles sehen, dass der Kaiser nackt ist, aber keiner wagt es zu sagen. Genau so ist die Gesellschaft heute“, erklärt Baumann, der aber mit seinen Mitstreitern genau das möchte.
In der Plastik oder besser dem Container des Projektes Steinbruch Demokratie sollen Bürger eine Bühne finden, in der sie ihre Meinung sagen sollen, gern auch mit kritischen Worten. „Jeder, der sich gesellschaftlich engagiert und Gedanken macht, ist gefragt und eben jeder, der sich in seiner Grundhaltung als Demokrat erweist. Und noch mal ganz deutlich: Wir sind auch für Kritik empfänglich!“, versichert Baumann.
„Wir können viel lernen von den DDR-Bürgern des Jahres 1989. Denn die hatten tatsächlich was zu befürchten und trotzdem ihre Meinung gesagt.“ Paul Baumman

Projekttelefon wird freigeschaltet

Interessierte, aber auch gern Schulklassen oder andere Gruppen, können über das Projekttelefon Kontakt mit Paul Baumann und den Mitstreitern des Steinbruch Demokratie aufnehmen unter Tel. 015779555076.


Hier geht es zur Internetseite von Steinbruch Demokratie.
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