Heidetag: Blühende Kulturwüste

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Klöppeln ist eine traditionelle Handwerkskunst, die auch heute noch ihre Freunde findet. Fotos: Ralf Pieper
 
Informations- und Handwerksstände luden am Heidetag zum Bummeln ein, die nahe Heide hingegen zu einem schönen Spaziergang.

Gnadenlos wurde der Wald abgeholzt, der Boden aufgerissen und versauert, zarte Bäumchen von Weidetieren ausgemerzt. Wie jahrhundertelanger Raubbau dennoch zu einer schützenswerten Landschaft führen kann, konnte man am Heidetag erfahren - mittendrin in der blühenden Erika.

Emsig summen die Bienen durch das Heidekraut: Wenn die Erika in voller Blüte steht, verwandelt sich die Westruper Heide in ein violettes Blumenmeer. "Ist das schön hier", freut sich eine Besucherin, die einen Moment auf dem sandigen Weg innehält, um das Panorama auf sich wirken zu lassen. Mit Millionen von Blüten, summenden Bienen und grasenden Heideschafen scheint das Naturerlebnis perfekt. Doch hier war es der Mensch, der in die bestehende Landschaft eingegriffen und sie nachhaltig verändert hatte, nicht die Natur.

"Eigentlich müsste hier Wald sein", erklärt Heike Kalfhues. Die Landschaftsökologin war eine von mehreren ehrenamtlichen Führern, die an diesem Tag Gäste durch die Heide geleitete und ganz nebenbei mit viel spannendem Wissen versorgte. Dass die Besucher dabei nicht im Wald standen, verdankten sie ihren Vorfahren. "Der ursprüngliche Birken-Eichenwald wurde gerodet, um Weideflächen zu schaffen", so die Expertin. Sie führt anschaulich aus, wie nach und nach der fruchtbare Boden durch künstliche Abtragung verschwand und nur noch der humusarme Heideboden übrig blieb. "Sie kennen doch das Wort Plackerei?" fragt Kalfhues ihre Begleiter. Diese nicken, aber dass eine Plagge eine mit Hilfe einer Hacke ausgeschlagene, von Wurzeln durchsetzte Bodensode ist, wissen nicht alle. "Diese Plaggen wurden erst als Dünger, später vor allem als winterliches Stalleinstreu genutzt", so die Ökologin. Die Folge des mühsamen Abplaggens: Der Boden wurde immer ärmer an Nährstoffen, und nur die zähsten Pflanzen konnten überleben.

Die Heide hat das Superkraut

Ein solches Superkraut ist die Besenheide, die viele Menschen als Erika kennen. Schwer verdaulich und ziemlich holzig trotzt sie dem Verbiss durch die meisten Tiere, kommt mit kargen Böden aus und liefert dennoch genug Nektar für die Bienen. Kein Wunder, dass viele Imker die Heide als einen besonders günstigen Platz für ihre Völker ansehen. Am Heidetag konnten sich die Besucher selbst ein Bild von einer solchen Bienenzucht machen und auch den guten Honig einmal probieren. Eine echte Delikatesse, und dabei inzwischen recht selten.

Denn das war nicht immer so: Noch vor rund 200 Jahren waren etwa 80 Prozent der heutigen Fläche Halterns von Heide bedeckt. Erst aufgrund das massiven Holzbedarfes des boomenden Bergbaus kam es zu großflächigen Aufforstungen. Nach und nach verschwand die Heide immer mehr. Ironie der Geschichte: Durch Raubbau hatte der Mensch eine vermeintliche Öde geschaffen, und heute muss sie aktiv geschützt werden.

Schnucken halten die Heide gesund

Wertvolle Helfer sind dabei die Heideschafe, von denen Schäfer Jens Holtkamp einige mitgebracht hatte. "Wir haben Bentheimer Landschafe und Heidschnucken, die wir zusammen in einer Herde halten", erklärt der Schäfer. Die anspruchslosen Tiere sind nach heutigen Maßstäben wirtschaftlich uninteressant, geben sie doch vergleichsweise wenig Fleisch oder Wolle. "Dazu kommt, dass Heidschnuckenfleisch recht dunkel ist, was oft als mangelnde Qualität missverstanden wird", so Holtkamp. Tatsächlich sei das Schnucken-Steak wirklich schmackhaft. Vermutlich wären diese alten Haustierrassen längst ausgestorben, wenn ihnen nicht in der Landschaftspflege eine wichtige Rolle zukommen würde. Sie halten die Heide gesund, indem sie aufkeimende Baumschößlinge verbeissen und so ein Verwalden verhindern. Vom reinen Nutztier haben sich die Wollträger somit zu wertvollen Naturschützern entwickelt - das hätten die Hirten vergangener Jahrhunderte vermutlich nicht im Traum geahnt.

Altes Handwerk und aktuelles Wissen

Dafür würden sie vermutlich einiges wiedererkennen, was auf dem Wanderparkplatz geboten wurde. Der Heimatverein Sythen und andere gemeinnützige Vereine hatten in ehrenamtlicher Arbeit einen kleinen Markt entstehen lassen, der alte und neue Heideprodukte vorstellte. Traditionelles Handwerk wie etwa das Klöppeln von Textilelementen wurde ebenso gezeigt, wie man sich an anderen Ständen über moderne Umwelttechnik, die Lebensweise von Heidetieren oder die Wirkung von heimischen Pflanzen informieren konnte. Natürlich stand auch das "kleinste Heidemuseum der Welt" für einen Besuch offen, und gegen Hunger und Durst gab es reichlich Abwehr.

Und wer an einem solchen Tag natürlich nicht fehlen kann, ist der Kiepenkerl. Paul Schröer schlüpfte wieder einmal in das Gewand des reisenden Kaufmanns, der in seiner Kiepe allerlei Dinge des täglichen Gebrauchs anbietet und kostenlos einige Dönekes dazuliefert. Und wenn ein Erwachsener besonders gut aufgepasst hatte, konnte er sich einen Wacholderschnaps verdienen. Ein Grund mehr, die Heide zu schützen.
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