Moralpredigt

Vor etwa 1,5 Jahren lag eine gute Freundin einer treuen Leserin meiner Gedichte sehr krank im Hospital. Sie wusste, dass sie nicht mehr lange zu leben hat. Meine Leserin besuchte ihre Freundin dreimal wöchentlich und las ihr immer wieder Gedichte aus meinen Büchern vor.
Die sterbenskranke Dame war so fasziniert von meinen klaren Worten, dass sie ihrer Freundin den Wunsch äußerte mich darum zu beten, ihre Grabrede zu schreiben, wenn es einmal so weit ist und sie Abschied von dieser Welt nimmt.
Natürlich, was blieb mir auch anderes über, erfüllte ich ihr diesen Wunsch:

"Moralpredigt"
(Der Hilfeschrei einer Toten)

Schaut euch an - mein Herz, es ruht,
fühle mich jetzt richtig gut,
denn mir wurde langsam klar:
Gunst war hier kaum auffindbar.

Macht euch um mich keine Sorgen,
denn ich spür’ den neuen Morgen.
Endlich weg von dieser Welt,
wo das liebe Geld nur zählt.

Freundschaft ist meist nur ein Wort,
Mobbing euer Lieblingssport,
kommt nur an, wenn’s bei Euch raucht,
Hilfsbereitschaft wird missbraucht.

Kinderzimmer - Ort des Grauens,
kaum noch Spuren des Vertrauens,
Stil und Anstand sind zunichte,
guter Wortschatz ist Geschichte.

Neid und Raffgier - Herr der Sinne,
wichtig sind euch nur Gewinne,
kaum Respekt vor alten Schwachen,
haben lang schon nichts zu lachen.

Internet verseucht die Seelen,
seht, wie sich die Kinder quälen,
Trauermärsche sprechen Bände,
Amokläufe ohne Ende.

Faulheit wird hier gut bezahlt,
mancher Nichtsnutz damit prahlt,
Widerstände, sie verstummen,
die Malocher sind die Dummen.

Alkohol beherrscht das Denken,
dumme Eltern Kinder lenken,
pfeifen auf Moral und Sitte,
kennen nicht das Wörtchen „Bitte“.

Tiere werden totgequält,
denn der Pelz am Körper zählt,
Brillianten an den Händen,
„Deutsche raus“ steht an den Wänden.

Legostein und Teddybär,
sind des Kindes Freud nicht mehr,
lieber eine Spielkonsole,
Fahrtenmesser und Pistole.

Nächstenliebe wird verspottet
und durch Undank ausgerottet,
der Dank - er ist, man wird belogen
und sogar durch den Dreck gezogen.

Panzer, die bewirken Schäden,
sind die Hits in Spielzeugläden.
über Kriege wird gelacht -
Mann, habt Ihr es weit gebracht!

Ruhm und Prunk - der Stolz der Reichen,
gehen sehr oft über Leichen,
die Welt verliert das Gleichgewicht,
schlimm ist nur, ihr merkt es nicht.

Warum wartet ihr so lange,
ist Euch denn nicht etwas bange?
Muss denn erstmal was geschehen?
Mann, ich könnt’ im Grab mich drehen!

Ganz zum Schluss noch einen Rat:
Schreitet langsam mal zur Tat,
fanget an zu überlegen,
allein schon eurer Kinder wegen.

©Norbert van Tiggelen


Die sterbenskranke Dame bekam dieses Gedicht noch zu lesen und nickte stolz... ein paar Tage später begann sie ihre Reise in den neuen Morgen.
Einige Trauernde applaudierten nach der Rede, die vom Pfarrer vorgetragen wurde.... warum erst immer, wenn es (fast) zu spät ist?

Norbert van Tiggelen
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17 Kommentare zum Beitrag
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Heinz Grieger aus Wanne-Eickel am 10.04.2012 um 12:51 Uhr  
627
Norbert van Tiggelen aus Herne am 10.04.2012 um 13:05 Uhr  
18.139
Myriam Weskamp aus Castrop-Rauxel am 10.04.2012 um 14:07 Uhr  
627
Norbert van Tiggelen aus Herne am 10.04.2012 um 14:25 Uhr  
2.571
Michael (Micky) Peters aus Goch am 10.04.2012 um 14:59 Uhr  
627
Norbert van Tiggelen aus Herne am 10.04.2012 um 15:07 Uhr  
11.173
Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr am 10.04.2012 um 15:15 Uhr  
627
Norbert van Tiggelen aus Herne am 10.04.2012 um 15:33 Uhr  
2.571
Michael (Micky) Peters aus Goch am 10.04.2012 um 15:34 Uhr  
18.139
Myriam Weskamp aus Castrop-Rauxel am 10.04.2012 um 16:49 Uhr  
627
Norbert van Tiggelen aus Herne am 10.04.2012 um 17:02 Uhr  
2.571
Michael (Micky) Peters aus Goch am 10.04.2012 um 19:28 Uhr  
11.173
Anastasia-Ana Tell aus Essen-Ruhr am 10.04.2012 um 22:25 Uhr  
9.586
Elmar Begerau aus Kamp-Lintfort am 18.04.2012 um 15:21 Uhr  
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Norbert van Tiggelen aus Herne am 18.04.2012 um 15:46 Uhr  
1.044
Marion Eckhardt aus Castrop-Rauxel am 22.04.2012 um 13:50 Uhr  
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