"Crash Kurs" in Iserlohn schockiert

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„Realität erfahren“, und zwar durch hautnahe Erfahrungsberichte - darum geht es beim „Crash Kurs NRW“.

Vornamen von Jugendlichen werden auf der schwarzen Leinwand abgebildet, zusammen mit dem Todesdatum und einem Herzschlag-Ton, der schließlich mit einem anhaltenden Piepen endet - Exitus. Es sind die ersten Minuten der Kampagne „Crash Kurs NRW - Realität erfahren.“

Der Trailer trifft - es ist mucksmäuschenstill in der Aula des Stenner-Gymnasiums in Iserlohn. „Einen Unfall hat jeder schon mal erlebt“, so Andreas Filthaut von der Kreispolizeibehörde Märkischer Kreis, der die Veranstaltung moderierte. Aber: „Unfälle passieren nicht einfach so.“ Über 250 Menschen sind 2014 im Märkischen Kreis schwer verletzt oder getötet worden. „Wir schildern unsere Realität, wie wir sie tagtäglich erleben in dieser Stadt.“
Das landesweite Projekt richtet sich an Jugendliche der Stufen 10 und 11. Und zwar nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern auf einer stark emotionalen Basis, mit erschreckenden Unfallbildern und bewegenden Geschichten. Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr, Notärzte, Notfallseelsorger und Betroffene erzählen hautnah, was sie erlebt haben.
Da ist Torsten Lemke von der Polizeiwache Letmathe. Er berichtet von einem Unfall, der sich 2011 in Letmathe ereignete. Tobias und Lena waren mit dem Motorrad auf dem Weg ins Kino. Doch dort kamen sie nie an. Denn bei einem Unfall wurde Tobias schwer verletzt. Ein Pkw-Fahrer hatte den Kradfahrer übersehen, der wahrscheinlich zu schnell war. „Lena hatte wahnsinnig viel Glück - Tobias schlug auf der Fahrbahn auf und blieb bewusstlos liegen“, erzählt der Polizist. Mit einem Rettungshubschrauber wird er in eine Spezialklinik geflogen. Tobias hat überlebt und ist inzwischen vollständig genesen. „Jeder Verkehrsteilnehmer hat eine Verantwortung für sich - aber auch für andere“, machte Lemke klar.
Andre Uhlmann (Feuerwehr Hemer) erzählt von einer lauen Sommernacht vor vier Jahren, in der es auf der K19 zu einem schweren Unfall kam. „Als wir eintrafen, lag ein Wagen mitten auf der Fahrbahn auf dem Dach.“ Fahrer und Beifahrer waren leicht verletzt, „Dann bekamen wir die Info, dass hinten noch jemand im Wagen sei. „Das war Michael - vier Wochen vor seinem 18. Geburtstag. „Er war unterhalb der Tür eingeklemmt, der Wagen lag auf ihm und wackelte, fügte ihm bei jeder Bewegung weitere Schmerzen zu“, erzählte Uhlmann. „Er hatte bereits neurologische Ausfälle. Wir mussten uns mit dem Notarzt intensiv absprechen, wie wir vorgehen, um ihn da herauszuholen.“ Das alles unter Zeitdruck. Denn ein Unfallopfer sollte grundsätzlich innerhalb einer Stunde nach dem Unfall in einem Krankenhaus sein. Michael hat es geschafft, er hat überlebt.

"Man muss in Sekundenschnelle Entscheidungen treffen"

Dass Zeit ein entscheidender Faktor ist, schildert auch Birgit Schulte. „Man muss in Sekundenschnelle Entscheidungen treffen“, sagte die Notärztin. Und: „Jeder Notfalleinsatz ist anders. Manche Einsätze vergisst man nie.“ Sie schilderte einen Unfall, der schon einige Jahre zurück liegt und bei dem ein junger Mann starb. „Wir kämpften um sein Leben - und mussten nach langer Zeit aufgeben.“ Der Vater des jungen Mannes war inzwischen am Unfallort angekommen und musste über den Tod seines Sohnes informiert werden. „Das lernt man im Studium kaum - wie geht man mit so einer Situation um?“, so die Notärztin. „Das sind Bilder, die nicht so schnell verblassen. Bitte sorgen Sie dafür, dass nicht noch so ein Bild dazukommt“, appellierte sie an die Schüler.

„Die Realität lernt man nicht aus Büchern“

Das Überbringen von Todesnachrichten gehört zu den schwierigsten Aufgaben. Simone Stegbauer ist seit drei Jahren ehrenamtlich für die Notfallseelsorge in Iserlohn tätig. Sie schilderte ihre Gefühle bei ihrem allerersten Einsatz. Am Anfang sei immer ein erfahrener Kollege dabei. Trotzdem: „Ich hatte Angst vor dem, was mich erwartet. Die Realität lernt man nicht aus Büchern.“ Ein junger Mann war bei einem Unfall gestorben, sie begleitete die Eltern, als sie nach Stunden zwischen Angst und Hoffnung Gewissheit hatten und von ihrem Sohn Abschied nehmen mussten. „Das war unsagbar traurig - schon für mich war die Situation kaum auszuhalten.“
Bernd Blöcher hatte vor 15 Jahren einen Unfall. „Anschließend war alles anders.“ Der Iserlohner pendelte beruflich zwischen der Waldstadt und Plettenberg. Es war bei Tempo 70 von der Fahrbahn abgekommen und mit einem anderen Pkw zusammen gestoßen. Die Ursache: Sekundenschlaf. 53 Wochen lang war er nach dem Unfall im Krankenhaus, musste unzählige Male operiert werden. „Ich war in ganz vielen Dingen auf andere angewiesen. Vieles muss man wieder neu lernen - und das macht keinen Spaß“, erzählt er eindringlich. Und erinnert die Schüler: „Denkt daran: Ihr habt nur einen Körper.“
„Was wir gerade erlebt haben, ist Realität im Märkischen Kreis“, betonte Filthaut nach den Erfahrungsberichten. „Wir können Sie nur bitten: Halten Sie sich an die Regeln.“
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