Was hat der „Notruf Hafenkante“ mit meinen Erfahrungen in Deutschland zu tun?

Am 03.04.2018 waren es 27 Jahre, das ich mit meinem Mann in Deutschland lebe.
Heute Morgen sahen wir gemeinsam den Film „Notruf Hafenkante“, wo das Thema „Herzkreis“ vorkam.

Wie schön, dass ich es schon im ersten Jahr meines Lebens in Kleve erkannt hatte.

Gott sei Dank, dass wir damals bei der Einreise nach Deutschland gute Nachbarn in Kleve hatten!
In Russland, in Saratow, wo wir mit meinem Mann die letzten 13 Jahre vor der Ausreise nach Deutschland lebten, packten wir unsere besten Sachen in einen großen Container, der selbstverständlich gründlich vom russischen Zoll untersucht und sortiert wurde. Die Bibel meines Vaters wurde konfisziert. Ich konnte sie damals mit großer Mühe von den Behörden zurückbekommen. Ich musste unterschreiben, dass ich sie nicht nach Deutschland mitnehme. Ich habe unterschrieben, aber die Bibel steht in meinem Bücherschrank in Kleve. Wie ich das angestellt habe, ist eine andere Geschichte.
Also zurück zum Container. Wir wohnten schon zwei Monate in Kleve, aber vom Container keine Spur. Endlich, als er ankam, haben wir ihn ausgeräumt und wussten nicht, wohin mit dem Kasten. Meine Nachbarn haben damit ein kleines Gartenhäuschen für ihre Enkel gebaut. Es war wie ein Heimatgruß, wenn ich es im Garten meiner Nachbarn sah.
Ich könnte über viele guten Situationen erzählen…
Eine, die mir jetzt als Alptraum mit glücklichem Ende erscheint.
Pünktlich überwies ich mit Hilfe einer Mitarbeiterin einer Bank die Miete.
Wir haben sehr viel Post von den Behörden, Banken, Versicherungen etc. bekommen. In einem Monat ungefähr so viel, wie in Russland in einem ganzen Jahr. Einmal bekamen wir von unserem Vermieter einen Brief. Er schrieb, dass wir unsere Miete nicht bezahlt haben. Ich war sicher, dass es nicht stimmte, was er da schrieb, aber diese vielen Paragrafen machten mich misstrauisch. Was sollten diese wohl bedeuten? Wir reagierten nicht.
Es folgte ein zweiter, dann der dritte Brief, in dem stand „lt. § ...müssen Sie die Wohnung bis zum…. Räumen.“ „Räumen“? ist ja ausziehen… Aber wohin? Wohin mit den Sachen? Aus dem Container wurde ein Gartenhäuschen, dass wir sicherlich nicht mehr zurücknehmen konnten. Die ganze Nacht grübelte ich und überlegte, was zu machen sei. Ich sah uns mit allen unseren Sachen auf der Straße… Meinem Mann konnte ich es nicht erzählen, denn es ging ihm nicht besonders gut.
Morgens ging ich mit meinem Brief zu unserer Nachbarin, die es mit einem Telefonat gelöst hatte. Es ist einfach zu erklären: es gab zwei Vermieter mit gleichem Namen und die Bankangestellte hat versehentlich die Bankverbindung des anderen Vermieters angegeben. Komisch, wie konnte es passieren? Ich war glücklich und unendlich dankbar, dass meine Nachbarin alles richtig gestellt hatte!
Es gab und gibt in meinem Leben viel mehr gute Menschen, als nicht nette...

Also zurück zum „Notruf Hafenkante“...
Eine unbekannte Frau hat mich auf dem Markt angesprochen, wir unterhielten uns und sahen uns ab und zu in der Stadt. Ich war froh, jemanden getroffen zu haben, der mir die Möglichkeit gab, eine deutsche Frau und ihre Familie kennenzulernen. Ich wollte gerne erfahren, wie die Deutschen so sind und was sie interessiert.
Später lud die Frau mich zu sich ein und sagte, dass sie ihre Freundinnen ebenfalls eingeladen hat. Als ich das Haus betrat, beschlich mich ein ungemütliches Gefühl. Es waren alles sehr vornehme Damen anwesend, das Essen war köstlich und der Wein lecker. Dann fiel das Wort „Herzkreis“, das mir sehr gefiel: „Herz, herzlich... Wir setzten uns in einen Kreis und jede Frau erzählte etwas über sich. Ich habe gesagt, dass ich eine Deutsche aus Kasachstan bin, dass ich dort Lehrerin von Beruf war und zurzeit noch keine Arbeit gefunden habe. Ob ich Verwandte und bekannte Landsleute habe? Ich bejahte es, ohne näher darauf einzugehen.
Als das mit dem „Herzkreis“ gesagt und die Bedingungen erläutert wurden, fand ich es komisch, ja sogar verdächtig. Als die Frauen Geld einzahlten, das feierlich einer sichtlich glücklichen Frau übergaben, bestätigte sich mein Misstrauen zu dieser Sache. Ich sagte, dass ich kein Geld bei mir hätte und zahlte nicht. Wenn ich welches dabei gehabt hätte, hätte ich nichts gezahlt. Dank meiner Erziehung, dank meinen Eltern habe ich erkannt, obwohl ich erst kurz in Kleve wohnte, dass das „Herzkreis“ eine krumme Sache ist. Ich wunderte nur mich, warum keiner was gesagt hatte?
Die Frau habe ich später mal gesehen, aber sie war nicht mehr sehr freundlich zu mir. Und ich habe ihren Akzent erkannt. Das sie mit einem Akzent sprach, fiel mir damals nicht auf. Jetzt wusste ich es: die Frau war eine Niederländerin.
Auch jetzt habe ich gute niederländische Bekannte und Freunde, die ich nicht bei diesem „Herzkreis“ gesehen habe.

Die nächste „Station“ war ein Versicherungsmann, der meine Deutschkenntnisse hoch lobte und mir einen Job anbot. Auch das war mir zu schnell und unklar. Warum mir „meine Kunden“ für ihre Unterschrift Geld zahlen sollten? Auch hier wurde ich gefragt, ob ich Verwandte und Bekannte hätte. Später konnten diese meine Kunden werden. Ich bedankte mich bei ihm und sagte ab.

Die dritte „Station“ war eine Scientology-Frau. Diese Frau traf ich in einem Theaterverein, wo ich mitspielte, um meine Aussprache zu trainieren und „Mensch und Leute“ kennenzulernen. Die Frau nahm mich später zu den Proben in ihrem Auto mit. Als sie mich zu sich einlud, fiel mir auf, dass ihr Haus irgendwie unbewohnt aussah. Es gab Tee mit Kekse. Im Gespräch merkte ich, dass sie mir helfen wollte. Komisch war, dass sie mich gebeten hat, ihr die Grundlage der deutschen Grammatik beizubringen und das sie mich dafür bezahlen wird.
Die Menschen und Sprachen faszinierten mich schon immer, aber… ob ich eine erwachsene deutsche Frau (es war eine Deutsche) in Deutsch unterrichten kann? Ich fragte sie nach dem Grund. Ihre Antwort: sie möchte Latein lernen, dafür brauche sie gute Kenntnisse der deutschen Grammatik. Ich empfahl ihr das Lehrbuch „Training Deutsche Grammatik Wortarten 5. 6. Schuljahr“ mit einem Lösungsbuch. Sie kaufte zwei, eins für mich.
Nach jeder Unterrichtsstunde tranken wir Tee und unterhielten uns über „Gott und die Welt“. Und! Da waren wir schon beim Thema. Ich merkte immer deutlicher, dass sie mir Informationen herauslockte und wiederholte, dass es mir viel besser ginge, wenn ich mich mit der Psychologie genauer auseinandersetzen würde.
Als sie mir ein Buch zum Lesen gab, bedankte ich mich bei ihr herzlich. Als sie ging, las ich als erstes auf dem Buch den Namen des Autors, den ich schon in Russland wusste. Der Mann hieß L. Ron Hubbard. Ich gab das Buch zurück und brach den Kontakt zu ihr ab.
Mit Freude erfuhr ich später, dass man sie aus der Theatergruppe verwies.

Die nächste „Station“. Ein Anruf kam: eine Frau wollte, dass ich ihr Russisch beibringe. Ich machte es gerne…, bis die Frau mir „Wachturm“-Bücher brachte…

Nehmen denn diese Herausforderungen gar kein Ende?

Nein, es ging weiter.

Meine Landsleute brachten mir ihre Amtsbriefe, wir trafen uns, um Tee zu trinken und Lieder zu singen. Endlich war ich bei meiner Lieblingsbeschäftigung: SINGEN! Es war schön!

Immer öfter kamen meine Landsleute zu mir mit Anfragen: „Bitte übersetzte, kannst du sagen, ob… Meine liebe Nachbarin bemerkte es und verhalf mir zu einem Schlüssel von einer Kirche, wo wir uns treffen konnten.
Davon erfuhren einige Deutsche, die zu uns kamen und empfahlen, einen Verein zu gründen. Wir wollten es nicht, wir kannten so etwas nicht. Wir wollten wieder keine Organisation. Endlich waren wir frei. Hier zwingt uns keiner zur Versammlung zu gehen, zuzustimmen, ob es dir passt oder nicht, Beiträge zu zahlen. Wir ließen uns Zeit.

Am 27. November 1994 war es soweit: wir gründeten „Hafen der Hoffnung e.V.“
ber das ist eine andere Geschichte, die bald 24 Jahre alt wird.

Es gab noch soo viele !Stationen… Vielleicht sollte ich ein Buch schreiben? Aber alle schreiben ein Buch. Sollte ich es auch? Vielleicht?

Auf diesem Wege möchte ich mich nochmals bei den vielen Menschen bedanken, die mir geholfen haben, hier Fuß zu fassen!

Autor:

Julia Weber aus Kleve

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