Stammzellspende: Brief an den Blutsbruder

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Redakteur Daniel Magalski spendete im vergangenen Jahr Stammzellen für einen Patienten aus Italien. Dietmar Maasjosthusmann hatte Leukämie und berichtete ihm vom Leben nach der Stammzellspende.
 
Dietmar ist heute Frührentner und als Hausmeister die gute Seele bei der Polizei in Rheda-Wiedenbrück. Bernhard Willmes, Regierungsangestellter Waffen und Geräte, freut sich über Dietmars Einsatz. (Foto: Magalski)
Rheda-Wiedenbrück kenne ich aus den Verkehrshinweisen, wenn mal wieder Stau ist auf der Autobahn vor den Toren der Stadt. Heute ist Rheda-Wiedenbrück mein Ziel, denn hier wohnt Dietmar. Ohne Stammzellspender wäre Dietmar heute nicht mehr am Leben.

Redakteure schreiben über Menschen und ihre Geschichten, soweit ist das Alltag. Der Termin bei Dietmar ist aber alles andere als Standard, denn im letzten Jahr wurde ich selbst zum Stammzellspender. Dietmar erzählt mir heute von der Zeit nach seiner Stammzelltransplantation. Rückblende: Im August letzten Jahres erreicht mich ein Brief. Die Deutsche Knochenmarkspenderdatei schreibt, dass ich eventuell der passende Spender bin für einen Patienten. Eine Untersuchung beim Hausarzt folgt, dann wieder ein Brief, eine Untersuchung in einer Klinik in Köln und - nach Tagen des Wartens - wieder ein Brief. Die Freigabe zur Spende. Hoffnung wird zur Gewissheit; ich bin der passende Spender für einen Patienten. Der Spenderausweis ist mit einem Mal viel mehr als nur eine Plastikkarte. Die Tatsache, dass ich mich vor einiger Zeit als Stammzellspender registriert habe, ist für einen völlig fremden Menschen nun das Ticket in ein neues Leben. Ein Leben hoffentlich ohne Leukämie.

Gesetze verhindern persönliches Treffen

Eine Woche gebe ich mir Spritzen, sie steigern die Produktion von Stammzellen in meinem Körper und dann geht es wieder in eine Klinik nach Köln. Ein Gerät, ähnlich eines Dialyse-Verfahrens, wäscht die Zellen hier in über vier Stunden aus meinem Blut. Minuten dauert es nur - meine Zellen sind gerade mit dem Kurier in einem Koffer auf die Reise gegangen - da habe ich schon das Telefon in der Hand. Das Warten hat ein Ende, von einem Mitarbeiter der Deutschen Knochenmarkspenderdatei erfahre ich einige Details. Der Empfänger meiner Stammzellen ist ein vierzig Jahre alter Mann aus Italien. Italien! Enttäuschung mischt sich in meine Euphorie. Keine Frage, in erster Linie geht es um das Leben meines genetischen Zwillings, doch ein persönliches Treffen wird es nun nie geben, so sind die Gesetze im Land meines Stammzellempfängers.

Zwei Mal rettet ihn eine Stammzellspende

Dietmar ist so eine Art Ersatzspieler, vermittelt von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei, damit es die Möglichkeit gibt für diese Geschichte. Dietmar hat Frühstück gekauft und nun sitzen wir bei ihm im Esszimmer. Vierzig Minuten sind vergangen, seit ich das Auto vor dem weißen Haus in der kleinen Siedlung am Rande von Rheda-Wiedenbrück geparkt habe, und wir unterhalten uns wie alte Bekannte. Dietmar hatte viel Pech, aber auch unglaublich viel Glück. Zwei Mal sprang er dem Tod von der Schippe. Zwei Mal rettete ihn eine Stammzellspende. Den Spender zu finden, der mit seinen Stammzellen zur eigenen genetischen Bauanleitung passt, das ist keine Kleinigkeit und noch immer haben viele Patienten nicht dieses Glück. Dietmar findet ihn in seinem Bruder. Die Transplantation gelingt und Dietmar schafft den Sprung zurück ins Leben. "Im Urlaub an der Ostsee habe ich sogar einen Windsurf-Kurs gemacht, dabei hat mich das vor der Transplantation nie interessiert, aber vielleicht lag das ja an den Vorlieben meines Bruders für dieses Hobby", schmunzelt Dietmar. Das Glück ist nicht von langer Dauer. Dietmar erkrankt wieder an Leukämie.

Im Inneren seines Körpers tobt ein Krieg

Die Suche nach einem geeigneten Spender hat erneut Erfolg.Der Lebensretter soll dieses Mal aus Amerika kommen, doch ein heftiger Schneesturm verhindert die Spende im letzten Moment. Situationen wie diese bedeuten für den Patienten schnell Lebensgefahr und auch für Dietmar ist es kurz vor Zwölf, dann aber findet die Deutsche Knochenmarkspenderdatei Sonja aus Süddeutschland. Ihre Stammzellen retten Dietmar, doch der Weg in ein Leben ohne Leukämie ist kein Spaziergang. Die Krankheit hinterlässt Spuren, oder vielmehr die Reaktion des Körpers auf die fremden Zellen. Im Inneren tobt ein Krieg, sein neues Immunsystem attackiert seinen Körper und schädigt rund achtzig Prozent der Hautoberfläche. Dietmar ist heute Frührentner, hat Nervenschäden, Probleme mit dem Atmen und mit den Schleimhäuten. Eine Brille schützt seine Augen vor Zugluft - aber Dietmar ist am Leben. Sein Ehrenamt bei der Freiwilligen Feuerwehr kann er zwar nicht mehr ausüben, dafür arbeitet er als Hausmeister bei der Polizei in Rheda-Wiedenbrück. "Jeder Mensch kann in die Situation kommen, dass er Hilfe braucht, deshalb lasst euch registrieren und geht Blut spenden", so sein Appell.

Hoffnung und das Warten auf eine Antwort

Dietmar ist heute viel gelassener,  erzählt er, regt sich nicht mehr über Dinge auf, die er nicht ändern kann und das ist auch seine Botschaft. "Die Menschen sollten sich mehr auf das Wesentliche im Leben konzentrieren und nicht auf jede Kleinigkeit." Sonja, seine Lebensretterin aus der Nähe von Stuttgart, ist ihm heute eine gute Freundin.  Zum Jahrestag meiner Stammzellspende im November schreibe ich das erste Mal an den Empfänger meiner Zellen in Italien. Ein Brief ohne Fotos und ohne persönliche Details, der mich Mühe kostet, denn was schreibt man einem völlig fremden Menschen? Eine Antwort hat mich bisher nicht erreicht und so bleibt nur die Hoffnung, dass es ihm besser geht als vor einem Jahr, meinem Blutsbruder in Italien.

Thema "Stammzellspende" im Lokalkompass:
> Kommentar: Stammzellen zu Weihnachten
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Peter Eisold aus Lünen | 31.12.2017 | 00:16  
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