Trauern verboten ?

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Zum Karfreitag etwas Nachdenkliches.


Man liest immer häufiger von Trauercafes und ähnlichen Einrichtungen für Trauernde.Dort haben Menschen,die jemanden verloren haben Gelegenheit sich mit ebenfalls Trauernden auszutauschen.Begleitet werden diese Treffen von einer Person aus dem sozialen oder kirchlichen Bereich.


Wieso also die Frage "Trauern verboten?" ? Der Trauer wird doch auf diese Weise ein guter Platz eingeräumt.


Ja,so ist es.Und es ist gut,daß es diese Angebote gibt.Doch es steht auch dafür,daß Trauer heute oft isoliert von dem persönlichen Umfeld stattfindet muss.


Sicher mag es hin und wieder den Idealfall geben,bei dem der Trauertreff nur eine Ergänzung zur Trauer im eigenen sozialen Umfeld darstellt.In der Regel aber wird es - leider - so sein,daß es fast der einzige Ort ist,an dem man seine Trauer zulassen kann,sofern sie über den Tag der Beerdigung des Menschen hinausgeht,der gegangen ist.Bis dahin wird Traurigkeit,Fassungslosigkeit,Verzweiflung und alles was in so einem Fall an Gefühlen auftritt von Verwandten,im Freundes- und Bekanntenkreis und von den Arbeitskollegen im Großen und Ganzen akzeptiert.Aber auch hier muß man schon die Einschränkung machen - manchmal mehr,manchmal weniger.Bei "manchmal mehr" mag es sogar den Fall geben,daß noch ein Weilchen länger ein Auge zugedrückt wird,wenn der Betroffene nicht immer ganz der Alte ist.Doch im Allgemeinen soll er so schnell wie möglich wieder funktionieren wie gehabt.Für"manchmal weniger" später noch ein Beispiel aus eigener Erfahrung.


Früher war das etwas anders.Da gab es das festgelegte Trauerjahr,das heute fast ganz aus unserem Alltag verschwunden ist.Selbst das Wort "Trauerjahr" werden wohl nur noch die Älteren kennen.Für ein Jahr trug man nur Schwarz,vielleicht nach ein paar Monaten oder im Sommer gelockert auf Schwarz und Weiß.Veranstaltungen musste ferngeblieben werden und auch im Hause war Unterhaltung durch Musik oder später den Fernseher untersagt.Die Strenge der Vorschriften war auch vom jeweiligen Verwandtschaftsgrad zum Verstorbenen abhängig.
Weiter funktionieren musste der Mensch natürlich auch früher,entweder im Hause,z.B.bei den Aufgaben als Hausfrau,oder eben auf der Arbeitsstelle,aber die ihm nahestehenden Menschen ließen ansonsten Rücksicht walten.Diese Mischung war es wahrscheinlich,die einerseits verhinderte,daß man sich zu sehr in die Trauer hineinfallen ließ,anderseits wurde diese Ausnahmesituation aber von den Mitmenschen als solche und auch als länger währende Sache akzeptiert.


Ein so streng geregeltes Trauerjahr einzuhalten,daß kann sich ausser den ganz alten Leuten wohl heute kaum noch jemand vorstellen.Und sollte es doch unter den Jüngeren mal jemanden geben,der zumindest in Anlehnung daran einen Weg sieht,mit seiner Trauer umzugehen,würde er doch arg belächelt werden und man würde ihm gut zureden doch mit so einem Quatsch aufzuhören.Ob es dem Menschen,der da jemanden verloren hat guttäte,sich eine Weile in sich zurückzuziehen (was nicht zwangsläufig heißen muss,daß er seine Aufgaben vernachlässigt) und seine Trauer auch äusserlich sichtbar zu machen,danach wird nicht gefragt.Eher herrscht dann wohl die Meinung vor,er müsse sich einer Therapie unterziehen...


Worauf ist diese Entwicklung zurückzuführen? Sicher auf eine höhere Wertigkeit der Individualität und das Zurücktreten von Konventionen.Das ist zum Teil natürlich positiv zu sehen,denn es erlaubt es den Menschen individuell mit Ihrer Trauer umzugehen.Selbstverständlich kann man auch im bunten Outfit an den Menschen denken,den man verloren hat und wenn dieser laute Unterhaltungsmusik mochte,warum sollte man die ,wenn man mag,nicht hören und dabei an ihn denken? Dagegen ist sicherlich überhaupt nichts zu sagen.
Doch unsere grenzenlose Freiheit in allem hat nicht nur Vorteile.So starr und einengend dieses frühere "Trauerkorsett" und andere Regeln uns heute vorkommen mögen,ohne Regeln scheint das Leben aber auch nicht gut zu klappen.Nicht jeder schafft es den richtigen Rahmen für sich abzustecken,der ihm und andern gut tut.Die oft entsetzlichen Auswüchse dieser Richtungslosigkeit kann man jeden Tag in den Medien verfolgen.


Doch was ist,wenn wirklich jemand noch "althergebracht" trauern möchte oder gerne mit jemandem über Gefühle und Fragen sprechen möchte,die ihn in diesem Zusammenhang stark beschäftigen,seien sie allgemeiner Natur wie über Tod und Vergänglichkeit oder sehr persönliche Dinge,aus der Beziehung zum Verstorbene erwachsen? Derjenige bekommt in seinem normalen Umfeld dazu kaum eine Gelgenheit und wird oft mit Floskeln abgefertigt.
Das mag nicht einmal böse gemeint sein vom Gegenüber,man hat bei aller fortschreitenden moderen und auf das Ego ausgerichteten Entwicklung einfach verlernt mit Leid umzugehen.Derjenige,der betroffen ist,gibt es bald auf Verständnis zu bekommen und der andere sieht sich nicht in der Lage es zu geben.


Damit sind wir mal wieder bei der Spaßgesellschaft angekommen.Wenn man nicht ständig den Smilie macht,dann paßt schon etwas nicht.Doch manchmal kann man beobachten,ja,es tritt geradezu überbordend und gewaltig zutage,daß der Mensch auch andere Phasen braucht.Das zeigt sich oft in der Gruppentrauer bei schrecklichen Unfällen oder Naturkatastrophen oder beim Tod von Prominenten.Gemeinsam mit anderen,manchmal mit der ganzen Nation,darf man plötzlich trauern,ohne komisch angesehen zu werden.Diese Trauer ist zwar meist auch nur von kurzer Dauer,aber die Intensität,die sich dabei zeigt,ist manchmal schon recht befremdlich und macht schon ziemlich nachdenklich.So begrüßenswert solche Empathie auch ist und dieser Trauer soll hier auch keineswegs ihre Berechtigung abgesprochen werden,aber wenn diese Trauer um Fremde mehr Akzeptanz findet als die Tauer um tatsächliche Personen,die uns nahestanden,dann stimmt ganz eindeutig etwas nicht.Warum brechen traurige Emotionen bei der Massentrauer in solcher Stärke hervor - etwa weil man sich sonst nicht mehr traut zu trauern - nicht mehr trauern "darf"? Und generell am besten immer lustig zu sein hat ?


Im Folgenden möchte ich einige persönliche Erfahrungen einstreuen,die das Ausmaß der heutigen "TRAUER - UNKULTUR" verdeutlichen.


Als ein mir sehr nahe stehender Mensch gestorben war und ich einen Bekannten anrief,daß ich nicht mitgehen würde zum Konzert,das noch vor !!! der Beerdigung stattfand und für das er Karten besorgt hatte,machte sich bei ihm schieres Unverständnis breit,da müsse ich mich doch wohl gerade ablenken,meinte er.Ich denke er hat,als ich bei meiner Entscheidung blieb nicht mitzugehen und als ich auch noch äusserte,ich wolle mich aber garnicht ablenken,seiner Reaktion nach zu urteilen die Sado-Maso-Schublade für mich aufgezogen...Auch im weiteren Verlauf der Trauer habe ich mich auf mich selber verlassen,und ich denke,daß das gut und richtig war.


Aber auch von anderen Menschen weiß ich,daß sie sich in so einer Situation sehr unverstanden oder alleine gelassen fühlten.Leider gerade auch von ihnen näherstehenden Menschen.Oft müssen sie sich Sprüche an hören wie "Er /Sie hatte doch ihr Alter".Natürlich es auf eine Art weniger schmerzlich,wenn ein Mensch geht,der sein Leben gelebt hat,als wenn ein junger Mensch stirbt.Und wahrscheinlich möchte der,der diese Aussage trifft ja damit auch nur trösten.Doch oft sind solche rationalen Argumente für den Trauernden gar nicht recht greifbar.Da hat eine Frau ihren Mann verloren nach über fünfzig Jahren des Zusammenlebens,da fehlt einfach jemand ganz substanziell,egal wie alt der war und selbst dann,wenn die Ehe nicht nur gut war.So ein Mensch braucht einfach Verständnis und Zuspruch,vorrausgesetzt natürlich er läßt es zu.


Und als auch sehr verletzend habe ich den Satz in Erinnerung,den eine Frau von einer Verwandten zu hören bekam als sie ihr mitteilte,daß ihr Mann gestorben sei."Tja,da must du jetzt durch ! " hieß es kurz und knapp.Aber nicht liebevoll rübergebracht,im Sinne von "Ach ja,das wird jetzt eine schwere Zeit für dich",sondern schnippisch und ohne jegliches Gefühl.Die Frau,zu der das gesagt wurde,kam lange nicht darüber hin weg.


Oder,auch schon erlebt,sozusagen den umgekehrten Fall - mit viel Anteilnahme und persönlichen Worten geschriebene Beleidskarten,für die sich manche Menschen erfreulicherweise auch heute noch Zeit nehmen,werden vom Empfänger nicht gewürdigt,sondern als Geschwafel ins Lächerliche gezogen.


Aber natürlich - wie immer wird es auch hier die gute Seite geben - Menschen,die einen Trauernden liebvoll begleiten.Vielleicht ist es manchmal eher die Nachbarin,als die eigene Schwester,oder der Arbeitskollege statt der eigene Bruder - doch sie helfen durch die schlimme Zeit.


Im Allgemeinen aber muss man es so stehen lassen - Trauer,Leid und alles was nicht positiv ist soll in unserer Zeit schnellstens beiseite geschoben werden.


Nun gut,das Trauerjahr wird sich nicht mehr etablieren können,obwohl es so eine wichtigen Sinn hatte.In diesem Jahr erlebt man zum ersten Mal den ganzen Rythmus ohne den Verstorbenen.Und das bewußt zu tun - was ja nicht unweigerlich heißt in Depressionen zu verfallen oder in Schutt und Asche gehen zu müssen - sollte sich niemand nehmen lassen,wenn er es für sich als wichtig erachtet.Nur dann kann er den Verlust und alles was damit zu tun hat richtig verarbeiten und dann auch wieder tief aus dem Innern heraus Freude empfinden.Wenn man Trauer unterdrückt,kann es sein,daß diese ein Leben lang in einem Menschen herumrumdümpelt und soweit sollte es nicht kommen,nur weil man es allen recht machen will.Sicher kann es tatsächlich auch einmal zu einer richtigen Depression kommen und ein Mensch findet nicht mehr alleine aus seiner Trauer heraus,dann kann es der richtige Weg sein professionelle Hilfe zu suchen.


Aber jeder sollte heute und das gilt für alle Bereiche des Lebens,wieder mehr auf sich selber hören und sich nicht danach richten,was erwartet wird,was "normal" ist und wie er am besten dasteht.Leben statt gelebt zu werden - das könnte viele Probleme lösen oder sie erst garnicht aufkommen lassen.


Man sollte also immer und gerade in solch einer belastenden Lebensphase den eigenen Weg gehen ! Und wenn dafür die Kraft nicht reicht kann man sich zusätzlich Hilfe holen,indem man das anfangs erwähnte Trauercafe in Anspruch nimmt.Denn dazu ist es da.Ich denke mir,dort können sogar selbst länger zurückliegende unterdrückte Trauergefühle aufgearbeitet werden.


Dann kann am Ende trotz des schmerzlichen Verlustes hoffentlich auch wieder wahre Freude stehen.
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3 Kommentare
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Uwe H. Sültz aus Lünen | 31.03.2013 | 11:04  
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Wilma Porsche aus Unna | 12.04.2013 | 22:17  
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Harald Zschauer aus Lünen | 13.04.2013 | 16:58  
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