Wie Märchen und Filme seelisch kranken jungen Menschen Hilfe geben

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Dr. Johanna Schulte Wermlinghoff. (Foto: LWL/Debo)
 
Für jedes Kind sucht Dr. Johanna Schulte Wermlinghoff eine passende "Geschichte mit Zauberkraft" aus. (Foto: LWL/Seifert)
 

Man könnte gut die Weihnachtsgeschichte vorlesen in diesen Tagen. Oder das Grimmsche Märchen von Frau Holle. "Geschichten mit Zauberkraft" eben. Was Erzähltes bewirkt bei seelisch erkrankten jungen Menschen, damit haben drei Expertinnen ihr Publikum bei einem Infoabend in der kinder- und jugendpsychiatrischen LWL-Tagesklinik Borken fasziniert.

Die Fachfrauen helfen jungen Menschen mit "Narrativer Therapie". Dr. Johanna Schulte Wermlinghoff, Ärztliche Bereichsleiterin von sechs kinder- und jugendpsychiatrischen Tageskliniken der Klinik Marl-Sinsen im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), berichtet im Interview von der Behandlung mit Büchern und Filmen ebenso anschaulich wie sie jungen Patienten zum Beispiel von der Elefantenfamilie um "Little-Dick" erzählt.

Frau Dr. Schulte Wermlinghoff, wie können Geschichten, Filme oder Erzählungen psychisch erkrankten Menschen helfen?
Schulte Wermlinghoff: Ganz einfach: Sie sprechen unsere inneren Bilder an. Das sind die Vorstellungen in uns, die unser Denken, Fühlen und Handeln bestimmen. Sie entscheiden mit darüber, ob wir etwas schön oder hässlich, anziehend oder abstoßend finden. Mit einer Veränderung dieser Bilder werden neue Denkprozesse in Gang gesetzt und alternative Handlungen ermöglicht. Außerdem fördern sie das Bewusstsein dafür, dass ein Mensch meist entscheiden kann, welchen Weg er in seinem Leben einschlägt, weil er seine Gedanken und die damit verbundenen Gefühle verändern kann. In der Fachsprache nennt man einen Behandlungsansatz, in dem Erzählungen oder Geschichten in jeder Art und Form eingesetzt werden eine "Narrative Therapie", einen erzählerischen Ansatz also.

Wie funktioniert das konkret?
Schulte Wermlinghoff: Vor einiger Zeit habe ich Alina (Name geändert - d.Red.) behandelt. Die 16-Jährige litt sehr unter ihrer Zwangsstörung. Alina hat sich ungefähr 150 Mal am Tag die Hände gewaschen. Kaum, dass sie mit einem Waschvorgang fertig war und sich einer anderen Sache widmen wollte, setzte der Zwang wieder ein und sie fing erneut an, ihre Hände durch intensives Waschen von vermeintlichen Bakterien zu befreien. Ihre Haut war bereits rissig und aufgesprungen und ihr Alltag fast nur noch durch ihren Zwang bestimmt. Alina fühlte sich in diesem Zwang gefangen. Im Rahmen der Therapie habe ich mit ihr unter anderem den Film "Besser geht's nicht" mit Jack Nicholson angeschaut. In diesem Streifen verkörpert der Schauspieler einen Menschen mit einer Zwangserkrankung. Für Alina war es anfangs einfach interessant, eine andere Person mit einem Problem zu sehen, das sie selbst gut kannte. Zuerst identifizierte sie sich mit Nicholson in seiner Rolle, aber nach einiger Zeit gelang es ihr, sich ein wenig von dieser Figur zu distanzieren und eine Beobachterrolle einzunehmen. So konnte sie aus einer sicheren Distanz auf diese Erkrankung schauen, sie als eigenständiges Problem wahrnehmen, und nicht länger als Teil ihrer selbst. Die Fachleute sagen: Alina externalisierte die Zwangsstörung.
Dieser Vorgang von der Identifikation über die Beobachtung zur Externalisierung funktioniert bei vielen Patienten. Eine neue Wahrnehmung entsteht und diese machte auch Alinas Kopf frei für neue Denkmuster. Statt sich vornehmlich für ihre Erkrankung zu schämen und sich schlecht zu fühlen, begann Alina gemeinsam mit mir nach lösungsorientierten Ansätzen zu suchen, wie sie mit ihrem Waschzwang umgehen und ihn nach und nach eindämmen könnte. So entdeckte Alina ihr bis dahin noch unbekannte Kompetenzen im Umgang mit ihrer Erkrankung und wurde selbst aktiv. Und auch das erleben viele Betroffene ähnlich.

Funktioniert das auch schon bei Kindern?
Schulte Wermlinghoff: Selbstverständlich. Das fängt bei den Märchen an, die ich meinem Kind vorlese. Durch die Identifikation mit den Protagonisten "tanken" bereits kleine Kinder unbewusst jede Menge Mut und Selbstvertrauen. Sie hören zum Beispiel, dass am Ende alles gut wird und das Gute über das Böse siegt. Außerdem werden in Geschichten häufig Lösungsstrategien für Konflikte aufgezeigt.
Durch die Auswahl der Geschichte kann ich auf spezielle Probleme der Kinder eingehen, um hier, wie bei den Erwachsenen auch, mithilfe der Kraft der Gedanken Prozesse in Gang zu bringen. Wie im Fall des achtjährigen Nick (Name geändert), der unter anderem in die LWL-Tagesklinik Borken kam, weil er häufig einnässte. Eine körperliche Ursache dafür gab es nicht. Ihm, wie auch vielen anderen kleinen Patienten, hat die Geschichte der Elefantenfamilie um "Little-Dick" geholfen. Little-Dick reist mit seiner Familie durch die Wüste und erlebt einige Abenteuer. Da es in der Wüste ja bekanntlich kein Wasser gibt, muss die gesamte Familie unbedingt ihre kostbaren Wasserreserven bewahren. Hier nimmt das Kind beim Zuhören die Botschaft auf, dass Wasser kostbar ist und beschützt werden muss und verankert sie unbewusst mit dem eigenen Wasser, dem Urin, den es zu halten gilt. Mit dem verblüffenden Effekt, dass das Bett immer häufiger trocken bleibt - wie schließlich dann auch bei Nick. Die Arbeit mit diesen Geschichten ist natürlich eingebettet in ein multidimensionales Behandlungskonzept - wobei die Projektionsfläche, die Geschichten uns bieten, eben sehr hilfreich ist.

Welchen therapeutischen Effekt hat es, das eigene Leben als Geschichte zu erzählen?
Schulte Wermlinghoff: Beim therapeutischen Erzählen/Schreiben/Malen der Geschichten geht es darum, das eigene Leben in der Erinnerung anders bewerten zu können, das Erlebte in einen Sinn bringenden Kontext zu fassen. Das funktioniert zum Beispiel dann sehr gut, wenn jemand ein Trauma erlitten hat. Das könnte ein Autounfall sein oder eine als gewaltvoll erlebte Kindheit.
Für Sonja (Name geändert) reichte es schon aus, einen Mann mit Bart zu sehen, um eine unkontrollierbare Angstattacke mit Herzrasen und Schweißausbrüchen zu erleben. Denn der Bekannte ihrer Mutter, der die Zwölfjährige monatelang missbraucht hatte, war Bartträger. Sonja gelang es nicht mehr zu differenzieren zwischen großen und kleinen Männern, blonden oder dunkelhaarigen - alleine der Bart zählte. Bei anderen Traumapatienten reicht schon ein Geräusch oder ein Geruch, um eine Angstattacke auszulösen. Sonja hat im Rahmen der Therapie ihre Geschichte aufgeschrieben. Das hat ihr geholfen, etwas Distanz zu dem Geschehen zu bringen. So konnte sie das Umfeld des Geschehens immer genauer beschreiben, sich an Begleitumstände, Gefühle oder Sinneseindrücke erinnern.
Dieser Aspekt des "Sich Distanzierens" aber auch gleichzeitig "Genau Hinschauens" und "Details erkennen" hilft Traumapatienten häufig. Denn so müssen immer mehr Aspekte des erlebten Geschehens zusammenkommen, um eine erneute Attacke auszulösen. In ihrer Geschichte hat Sonja auch einen Erzählfaden gesponnen, der mit dem Ereignis verwoben ist, indem es aber auch ein Vor und ein Nach dem Geschehen gibt. Dabei wurde das traumatische Erleben nicht kleingeredet, sondern gewürdigt. Durch den Erzählfaden wurde deutlich, dass es sich hierbei nur um einen Teil ihres Lebens handelt. Indem Sonja sich damit auseinandersetzte, wie der Faden weitergesponnen werden sollte, wurde ihr klar, dass sie selbst bestimmen kann, welchen Verlauf ihr Leben von jetzt an nehmen soll.
Diese erweiterte Sichtweise bringt Betroffene wie Sonja oft aus der Starre, in die sie häufig durch das Erlebte und die Auswirkungen auf ihren Körper und ihre Seele gefallen sind, bringt sie langsam wieder zurück in eine aktive selbstbestimmte Rolle.

Hintergrund:

Das Team der LWL-Tagesklinik Borken für Kinder und Jugendliche um Dr. Johanna Schulte Wermlinghoff, Anne-Catherine Hachtkemper und Angelika Naßmacher setzt bereits seit einigen Jahren mit Erfolg auch auf narrative therapeutische Ansätze in der Behandlung junger Patienten. Hierbei wählen sie aus den unterschiedlichen Konzepten ein passendes für das jeweilige Kind aus.

Die LWL-Tagesklinik Borken ist eine teilstationäre Einrichtung - eine Klinik ohne Bett - der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie Marl-Sinsen des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe (LWL).
Sie bietet mit zwölf Behandlungsplätzen für Kinder und Jugendliche im Alter von 6-18 Jahren therapeutische und pädagogische Hilfe an. Diese geht über eine ambulante Behandlung hinaus, ermöglicht aber den Verbleib der Patienten in ihrem familiären und sozialen Umfeld.

LWL-Tagesklinik Borken
Kinder- und jugendpsychiatrische Tagesklinik
Bochholter Straße 5
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