moers festival 2013: Abschied und Aufbruch

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Höhepunkt des vierten Festivaltages waren Fred Kellner & die famosen Soulsisters. Eine davon: Anke Engelke. (Foto: Heike Cervellera)
 
(Foto: Heike Cervellera)
Moers: Schlosspark |

Mit Hanna Bächers Ansage um exakt 19.21 Uhr begann am Freitagabend das letzte moers festival auf dem Gelände des Schlossparks - und das mit einer Weltpremiere.

Zorntag

Der erste Tag des moers festival 2013, rasch nur noch „Zorntag“ genannt, wurde von einem Künstler, John Zorn, gestaltet, ein Novum in der Festival-Historie. Alle Formationen des Abends spielten Musik aus Zorns jahrzehntelanger Arbeit. Das „Songprojekt“ zu Beginn bot für die Kenner sehr Überraschendes, zu seinen Instrumentalstücken hatten Künstlerfreunde Texte geschrieben, die dann von Sofia Rei, Jesse Harris und Mike Patton gesungen wurden. Ebenso beeindruckten „Holy Visions“, fünf Sängerinnen, die a capella ein Werk über Hildegard von Bingen in Latein vortrugen. In der Formation „Moonchild/Templars“ sang wieder Mike Patton. Den Zuhörern war schnell klar: Der singt nicht mit halber Kraft! Patton kreischte, grölte, röhrte, schrie wie ein Punk-Sänger und verausgabte sich und seine Stimme ohne Schonung. Viele Zuhörer waren sich sicher, Mike Patton braucht eine Menge Halsbonbons.

"The Dorf"

Am Samstag war das Zelt schon um 15 Uhr rappelvoll. „The Dorf“ gastierten im dritten Jahr hintereinander und die Fangemeinde wartete mit Spannung auf das neue Programm. Diese Großformation braucht sich nicht mehr vor den bekannten Big Bands zu verstecken, die exzellenten Musiker um Jan Klare entfalten mit großem Spaß ausgereifte Kompositionen und Arrangements. Der Auftritt von Sidsel Endresen und Stian Westerhus am Abend zeigte wieder einmal, zu was zwei Weltklasse-Improvisationskünstler im Duett und dabei im ersten Zusammenspiel imstande sind: Die Zuhörer mit 45 Minuten Klangkunst in einen Traum versetzen, der mit vier Minuten Dauerapplaus belohnt wurde.

Improviser in Residence

Der „Improviser in Residence“, Michael Schiefel, zeigte am Sonntagnachmittag Stimmakrobatik vom Feinsten. In der Begleitung eines Cellos und eines Cembalo hörte man den Professor für Jazzgesang in durchdachter Reihenfolge mit hellem, klaren Gesang, teils Scatartig, mit Tierimitationen, mit Sprechkollagen, er ahmte Rhythmus- und Soloinstrumente nach, seine Stimme wurde zum dritten, vierten, fünften Instrument auf der Bühne.
Im Jahr 2004 traten sie zum ersten Mal gemeinsam auf, und nun wiederholten sie ihr spektakuläres Aufeinandertreffen: Evelyn Glennie, geadelte britische Schlagwerkerin und Fred Frith, der Gitarrensoundtüftler. Während Frith seine E-Gitarre mit allerlei Gerätschaften „bespielte“ und den Klang mittels Elektronik veränderte, huschte Glennie zwischen 40 Perkussionsinstrumenten hin und her, spielte Schlagzeug, Riesenpauke, Vibraphon, Geräte, deren Namen man nicht kennt und teils so klein, dass man sie nur hörte, aber nicht sah. Zwei Könner trafen aufeinander und freies Spiel erklang, unmittelbar, unvorhersehbar und auch dieses Improvisations-Duo erntete Ovationen.

Zum letzten Mal: Das größte Zirkuszelt Europas

Mit der 42. Ausgabe endete die Ära im Schlosspark, 35 Jahre lang gastierte das Festival hier und seit 1987 im größten Zirkuszelt Europas. Während der Jahrzehnte hörte man außergewöhnliche Musik, fast jährlich Weltpremieren, das war der Hauptplatz. Es wuchs aber auch ein Nebenplatz, die Zeltstadt und mit ihr die Budenstadt. Die Tausenden von Campern, ohne Festivalkarte, liebten ihr jährliches Treffen ebenso wie die zahlenden Musikfreunde, die im Zelt saßen. Das Festival ist nie stehen geblieben, es bewegte sich permanent seit der Premiere, mal in kleinen, mal in großen Schritten dynamisch voran, stehen bleiben dagegen bedeutet Stillstand und Stillstand bedeutet das Aus, keine Entwicklung mehr. Das Festival lebt weiter, mit einschneidenden Veränderungen, aber Veränderungen beleben, bringen Innovationen. Das Happening auf den Parkwiesen lässt sich im Gegensatz zu der Musikveranstaltung nicht verpflanzen, hier ist der Status: Stillstand. Das einmalige Flair des Schlossparks werden alle vermissen, doch nur 500 Meter entfernt wird das Festival weiter existieren, die Musikgemeinde wird es sich dort heimelig machen. Auf, auf zur neuen Festivalhalle, 2014 wird markant, musikalisch und ausnahmsweise räumlich.

Text: Klaus Denzer
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