Die Flakstellung Rothebusch

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Oberhausen-Osterfeld, Flakstellung Rothebusch, Heinz Harhoff am 6. Geschütz, 1943
 
Oberhausen-Osterfeld, Flakstellung Rothebusch, Flakhelfer und Vorgesetzte mit dem Propeller eines abgeschossenen Feindflugzeugs, 1943
 
Oberhausen-Osterfeld, Flakstellung Rothebusch, Heinz Harhoff vor dem Propeller eines abgeschossenen Feindflugzeugs, 1943
 
Oberhausen-Osterfeld, Flakstellung Rothebusch, Flakhelfer beim Entenrupfen, 1943
Die Flakstellung Rothebusch

Der vorliegende Artikel stützt sich auf Angaben von lebenden Zeitzeugen, die hier namentlich genannt werden. Die gezeigten Fotos stammen aus dem Nachlass von Heinz Harhoff sowie den Sammlungen von Anneliese Bückart und Hans-Gerd Schwerdtfeger.

Aus den Erzählungen von Anneliese Bückart (88), geb. Staudt: Die Flakstellung Rothebusch (auf dem Gelände des heutigen Ostfriedhofes, mit Eingang an der Bergstraße) wurde vom RAD (Reichsarbeitsdienst) aufgebaut und ab dem Jahr 1939 mit regulären Flaksoldaten aus dem Rheinland und aus Westfalen besetzt, die zuvor vorübergehend den Saal des Kinos „Atrium“ in der Hotel-Gaststätte „Husemann“ an der Bottroper Straße belegt hatten.

Auf dem abgezäunten und bewachten Gelände gab es ein altes Wohnhaus, das als Kantine für die Besatzung diente. Sonntags gab es in dieser Kantine Musik und Tanz (einige der Soldaten besaßen und spielten eigene Musikinstrumente). Angehörige der Soldaten durften dann angemeldet zu Besuch kommen, aber auch Frauen aus der Nachbarschaft der Stellung waren zugelassen. Dieses Freizeitangebot wurde von zahlreichen unverheirateten, jungen Frauen auf dem Rothebusch genutzt. Manche der jungen Frauen fanden auf diese Weise unter den ebenfalls jungen Soldaten ihren späteren Ehemann – so auch Anneliese Staudt.

Die Familie Staudt wohnte damals im Haus Rothebuschstraße 116 und betrieb Viehhaltung (Schweine, Hühner, Karnickel) und Ackerbau auf einem Pachtland, welches an das Gelände der Flakstellung grenzte. Der Befehlshaber der Flakstellung besuchte die Familie Staudt regelmäßig und verabredete mit dem Vater, Arthur Staudt, Gesteinshauer auf der Zeche Jacobi, die Essensreste aus der Soldaten-Kantine zur Fütterung der Schweine der Familie herauszugeben.

Arthur Staudt, gebürtig im Westerwald, von der NS-Justiz wegen des Verdachts auf illegale Aktivitäten für die SPD verurteilt, saß in den Jahren 1934 bis 1938 im Zuchthaus in Wuppertal-Barmen.

Zuvor wurde er mehrmals verhaftet und geschlagen. Wiederholt kam es zu Hausdurchsuchungen, wobei auch die Dielen des Fußbodens herausgerissen wurden, um nach möglicherweise versteckten Flugblättern zu suchen. Nach dem 2. Weltkrieg wurde er als „Verfolgter des Nazi-Regimes“ anerkannt.

Anneliese Staudt heiratete Bernhard Walter Bückart aus Wuppertal, von Beruf Schneider, der von 1939 bis 1941 als Kanonier auf dem Rothebusch eingesetzt war. Die Hochzeit konnte erst nach Kriegsende stattfinden, da Bernhardt Bückart im Jahr 1941 mit der Einheit an die Ostfront (Russland) verlegt wurde und ihm erst im Jahr 1945, nach abenteuerlicher Flucht aus dem Kurland über die Ostsee, die Rückkehr nach Oberhausen glückte. In Oberhausen arbeitete er ab dem Jahr 1945 als Stahlarbeiter am Drehofen der HOAG (Hüttenwerke Oberhausen AG).

Anneliese Staudt war während des Krieges vier Jahre lang Polizeifunkerin (unter der Leitung von Hauptmann Horn und Oberfeldwebel Schewedal). Ausgebildet und kaserniert wurde sie in der damaligen Rolandkaserne (auf dem Gelände der stillgelegten Zeche Roland) in Oberhausen. Ein Angebot zu einer weiterführenden Ausbildung in Düsseldorf lehnte sie ab, weil die Eltern sich ob der „weiten Entfernung“ Sorgen machten.

Aus den Erzählungen von Martha Kappenberg (94), geb. Hesse: Die Familie Hesse betrieb damals an der Rothebuschstraße 49–51 (heute: 115) ein Fuhrunternehmen. Die Trosse (Versorgungs- und Transporteinheiten) der Flakbatterie hatten Unterstände auf dem Betriebshof der Familie. Ihren späteren Ehemann, Heinrich Kappenberg, lernte sie dort als Wachmann kennen. Er kam aus Essen und wurde im Mai 1940 nach Osterfeld verlegt. Ihre Verlobung fand am 17.08.1941 statt. Sonntags gab es Tanz und Musik in der Kantine der Flakstellung, doch sie nahm ihren Heinrich lieber mit in das Haus der Eltern.

Auch Marthas Schwester, Frieda Würtz, geb. Hesse, fand ihren Ehemann unter den Soldaten. Und zwar so: Die Pakete an die Soldaten wurden an die Familie Hesse adressiert, weil das schneller ging als mit der Feldpost. Die Familie Hesse nahm die Pakete an, Frieda Hesse brachte die Pakete regelmäßig hoch zur Stellung und lernte dabei im Sommer 1943 den Soldaten Karl Würtz kennen.

Später wurde Friedrich Würtz nach Kirchhellen verlegt. Noch später geriet er in französische Kriegsgefangenschaft, in der er von 1944 bis 1946 verblieb. Erst im Jahr 1949 konnten Frieda Hesse und Friedrich Würtz heiraten und verzogen nach Freiburg, wo sie noch heute leben.

Aus den Erzählungen von Wilhelm Schulte-Hubbert (84): Die Feuerleitstelle (Gefechtsstand) und der Stab der Flakbatterien lagen in der Harkortschule an der Teutoburger Straße. Dort, an der höchsten Stelle im Stadtgebiet, gab es eine Plattform auf dem Dach der Schule, von wo aus bei Luftangriffen das Feuer der Abwehr koordiniert wurde. Zu der Kompanie auf dem Rothebusch gab es Nachbarstellungen im Osterfelder Stadtwald, links und rechts der Bottroper Straße, und zwischen der Höchte und dem Stellwerk an der Kampstraße. Eine Flak (8,8 cm) konnte bis in 10.000 Meter Höhe schießen.

Aus den Erzählungen von Hans-Gerd Schwerdtfeger (87): „Am 15.02.1943 wurden wir eingezogen und kamen als Flakhelfer nach Osterfeld.“ „Wir“, das waren die Schüler des Jahrgangs 1926/27 der Abiturklasse der Langemarckschule (staatliches Realgymnasium) in Oberhausen.

Auf dem Gelände der Stellung gab es mehrere einfache Steinbauten und Holzbaracken. Die Flakhelferbaracken hatten einen Aufenthaltsraum (mit Tisch, Eckbank und Kohleofen) und einen Schlafbereich, dort standen hölzerne Etagenbetten, auf denen strohgefüllte Säcke lagen. Die Latrinen befand sich außerhalb der Baracken.

Im Jahr 1943 gehörte die Stellung zu einer sächsischen Batterie (Stabs-Nr. 134). Eugen Kayser (nach dem Krieg in Osterfeld Musikalienhändler und Karnevalsprinz) diente dort als „Spieß“ (Kompaniefeldwebel). Der Osterfelder Wachtmeister Bunse hatte dort den Rang eines Fahnenjunkerwachtmeisters (Artillerie- und Flak-Feldwebel).

Auch russische Freiwillige, die als „K 3“ (Kanoniere) dienten, waren im Einsatz. Diese Russen standen nicht unter Bewachung und hatten eigene Baracken. Bei nachgewiesener Sabotage drohte ihnen die Erschießung.

Eine kleine Meuterei der Russen (wegen der mangelhaften Ernährung) blieb im Gedächtnis. Um diese Arbeitsverweigerung zu beenden, drohte der Stabswachtmeister: „Ich zähle bis drei – sonst Erschießung !“.

Der Führungsstab des Bataillons saß in der Harkortschule. Dort waren auch Nachrichtenhelferinnen untergebracht. Stabsleiter war damals Major Schmidt. Ein Leutnant hieß Canis (lat. Hund).

Im Jahr 1944, nach der Verlegung der Gruppe in die Flakstellung am Deich des Emscherkanals in Essen-Karnap, trafen sie den Leutnant Canis wieder. Jemand hatte dort „Cave Canem“ (lat. = hüte Dich vor dem Hund) an eine Wand geschrieben. Leutnant Canis war des Lateinischen mächtig und stellte Nachforschungen nach dem Übeltäter an. Doch niemand wollte etwas wissen und es kam seinerzeit nicht heraus.

Bei einem Klassentreffen, 60 Jahre später, kam das Ereignis wieder zur Sprache und einer der ehemaligen Schüler gestand: „Ich war es.“ Es war Dr. Theodor Thelen (* 21.12.1926 in Velbert) – „Cave Canem !“

Die Küche der Flakbatterie befand sich im Anbau hinter dem Saal der Gaststätte Großeschmidt an der Rothebuschstraße. Das Essen wurde in Kübeln mit einer Karre dort abgeholt.

In der Rothebuschschule – sie wurde ansonsten nicht mehr beschult – unterrichteten Lehrer der Langemarkschule die Flakhelfer der Stellung Rothebusch. Selbst in Essen-Karnap kamen Lehrer in die Stellung. Bei „A 1“ (Alarmstufe 1) wurde der Unterricht sofort beendet. Der Voralarm wurde „A 2“ genannt. Hausaufgaben gab es nur wenige.

Die Flakhelfer verrichteten in der Stellung auch Telefondienste (Steckverbindung). Dienstende war 22 Uhr. Auch in der Freizeit durften die Flakhelfer das Gelände nur mit Erlaubnis verlassen. Keiner ist aus der Stellung geflüchtet; das wäre bestraft worden.

Zwecks Erfassung der Feindflugzeuge wurden Flakfernrohre, Funkmessgeräte und Scheinwerferbatterien eingesetzt. Eine der Scheinwerferbatterien stand, zum Beispiel, an der Hertastraße/Ecke Ziegelstraße. Zur Ermittlung und Berechnung von Geschwindigkeit, Entfernung und Flugwinkel der Gegner war die Funkmessung am effektivsten. Die Funkwellen wurden von den Flugzeugen reflektiert. Die angreifenden Amerikaner und Briten ließen daher Aluminiumstreifen fallen, um die Erfassung zu verhindern.

Heinz Harhoff war „Malsi-Spezialist“. Die Bottroper Erfassungswerte wurden umgelegt auf die Stellung Rothebusch. Das Malsigerät signalisierte: „Maschine erfasst !“.

Die Flugbahnen der abgeschossenen Feindflugzeuge und die Flugbahnen der Flak-Geschosse wurden erfasst und aufgezeichnet. Die Aufzeichnungen gingen an den Stab. Dort wurden die Abschüsse zugeordnet und bestätigt.

Auf dem Rothebusch war die Flakhelfergruppe um Schwerdtfeger an 10 bestätigten Abschüssen feindlicher Maschinen beteiligt, woraufhin ihnen das Flakkampfabzeichen verliehen wurde.

Die Batterie auf dem Rothebusch verfügte über sechs Geschütze. Das schwerste davon war eine Flugabwehrkanone 8,8 cm (Geschosskaliber). Es trug den Buchstaben „F“ und wurde „Franz“ genannt. Das Rohr zeigte 13 weiße Ringe (13 Abschusserfolge). Drei Ringe waren bereits an der Kanone als Schwerdtfeger und seine Kameraden in die Stellung kamen.

Der Kampfauftrag für die Flaksoldaten lautete, die Bevölkerung, Gebäude und Anlagen vor der Bombardierung zu schützen. Gegen die Überlegenheit der alliierten Luftwaffe konnten sie allerdings zunehmend weniger ausrichten. In Oberhausen wurden damals 10120 Häuser zerstört oder beschädigt. Als Opfer der Luftangriffe waren 1991 Tote und 5439 Verletzte zu beklagen.

Nachts griffen die Engländer mit ihren Flugzeugen an, tagsüber kamen die Amerikaner. Eine Flak (8,8 cm) schoß bis in 8000 m Höhe. Die den alliierten Angreifern vorausfliegenden „Moskitos“ (englische Flugzeuge aus Holz) flogen besonders hoch und waren von der Flak nicht zu erreichen. Sie warfen „Christbäume“ (leuchtende Zielmarkierungen) ab, um den nachfolgenden Bomberstaffeln ein Gebiet zum Bombardieren zu markieren.

"Christbäume“ fielen in Osterfeld öfters, neben den allgemeinen Flächenbombardements kam es in Osterfeld auch zu gezielten alliierten Angriffen auf das Bergwerk und den Güterbahnhof.

Die Flakstellung Rothebusch blieb von Bombentreffern verschont. Einen einzigen direkten Absturz erlebten die Flakhelfer. Eine halbe, abgeschossene Maschine kam auf dem Rothebusch runter. Der Propeller wurde geborgen – und ein abgeschlagener Unterschenkel sowie eine Hand des Piloten. Die Hand trug noch einen silbernen Ring mit dem Signum der RAF (Royal Air Force).

Das Frühstück der Flakhelfer bestand damals oft aus Kommissbrot (mit Rübenschnitzeln) und Marmelade. Dazu gab es Ersatzkaffee. Sonntags durften die Eltern der Flakhelfer in die Stellung kommen und ihre Kinder besuchen.

Im September 1944 wurde die Gruppe aus der Stellung Essen-Karnap in den RAD (Reichsarbeitsdienst) entlassen. Anschließend, bis Kriegsende, folgte noch eine kurze Zeit in der Wehrmacht.

In der Osterfelder Flakstellung auf dem Rothebusch dienten bereits jüngere Jahrgänge von Schülern sowie Freiwillige.

Reinhard Gebauer
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Renate Smirnow-Klaskala aus Essen-Nord | 06.09.2015 | 16:14  
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