Ruhrfestspiele: "Der Sandmann" von Robert Wilson - einfach grandios

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"Der Sandmann": Unter der Regie von Robert Wilson spielen Lou Strenger und Christian Friedel Mutter und Sohn. Welturaufführung bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2017. (Foto: Lucie Jansch)

Perfektion muss nicht langweilig sein. Robert Wilson, Regisseur von Weltruf, hat das eindrucksvoll bei den Ruhrfestspielen Recklinghausen 2017 bewiesen. Seine Interpretation von E.T.A. Hoffmanns "Der Sandmann" ist vollendet, fesselt visuell und akustisch, berührt die Seele. Ein Rausch, ein Traum - tatsächlich ein Albtraum aus Musik, Licht und Tanz. Den zehn Darstellern des Düsseldorfer Schauspielhauses verlangt der Texaner alles ab - und sie geben alles.

Fest steht: Selbst noch so satte und anspruchsvolle Theaterbesucher und Kritiker können an diesem Spektakel nicht herummäkeln. Die Inszenierung ist aus einem Guss, macht Gänsehaut und bringt einen auch zum Kichern. Ein Stück, über das man in zehn oder zwanzig Jahren stolz sagen kann: Ich hab's gesehen, ich war dabei. Auch Zuschauer, die es seltener oder gar nicht ins Theater lockt, wird dieser "Sandmann" packen. Das Publikum applaudierte lange und stehend, ohne Ausnahme.
Es geht um Nathanael, als kleinen Jungen und als jungen Mann. Ihm wurde als Kind, wenn er nicht schlafen wollte, damit gedroht, dass der Sandmann kommt. Der unartigen Kindern die Augen ausreißt und diese an seine Brut verfüttert. Diese Angst des Jungen wird noch geschürt, als er einem Geheimnis auf die Spur kommt. Der Traumatisierte verliert als Erwachsener seinen Verstand, kann zwischen Realität und Traum nicht mehr unterscheiden.
Das ist düster, morbide und - vor allem durch die scheinbar kühle Oberfläche - sehr, sehr menschlich und bewegend erzählt und gespielt.
Wer Filme von Tim Burton mag und sich in den Psychothrillern des Sebastian Fitzek vertiefen kann, wird "Der Sandmann" lieben. Für mich ist Wilsons "Der Sandmann" eines der besten Stücke, die ich in den letzten 30 Jahren bei den Ruhrfestspielen gesehen habe.
An den Eingangstüren hängt ein Warnschild, dass es laut werden kann. Wird es. Auch das passt. Die Musik und die Texte stammen von Anna Calvi. Robert Wilson und die Britin schaffen Großartiges. Reingehen!

Regie, Bühne und Lichtkonzept: Robert Wilson
Musik und Songtexte: Anna Calvi

Koproduktion Ruhrfestspiele Recklinghausen, Düsseldorfer Schauspielhaus, Unlimited Performing Arts

Kostüme: Jacques Reynaud
Orchester Arrangement: Jherek Bischoff
Mitarbeit Regie: Ann-Christin Rommen
Mitarbeit Bühne: Annick Lavallée-Benny
Mitarbeit Kostüm: Alexander Djurkov-Hotter
Mitarbeit Licht: Scott Bolman
Dramaturgie: Janine Ortiz


Darsteller:
Nathanael, ein Student - Christian Friedel
Clara, seine Verlobte - Lou Strenger
Lothar, ihr Bruder - Jonas Friedrich Leonhardi
Vater - Rainer Philippi
Mutter - Rosa Enskat
Coppola, Wetterglashändler / Coppelius, Advokat - Andreas Grothgar
Spalanzani, Professor der Physik - Konstantin Lindhorst
Olimpia, seine Tochter - Yi-An Chen
Siegmund, Nathanaels Kommilitone - Alexej Lochmann
Sandmann - André Kaczmarczyk

Musiker:
Violine, Keyboard - Zuzana Leharová
Viola - Radek Stawarz
Cello - Nathan Bontrager
Kontrabass, E-Bass - Bernd Keul
Klarinette, Bassklarinette - Annette Maye
Tuba, Posaune - Achim Fink
Gitarre, Mandoline - Roger Schaffrath
Schlagzeug, Electronics - Tim Dudek
Sounddesign - Frank Schulte

Das Stück dauert 2 Stunden 15 Minuten, eine Pause.

Vorstellungen:
5. Mai 2017 um 20.00 Uhr
6. Mai 2017 um 19.00 Uhr
8. Mai 2017 um 20.00 Uhr
9. Mai 2017 um 20.00 Uhr
Im Großen Haus im Ruhrfestspielhaus, Otto-Burrmeister-Allee 1, 45657 Recklinghausen

Einführungen:
5./6./8./9. Mai, jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn. Mit Dramaturgin Dr. Janine Ortiz (Düsseldorfer Schauspielhaus) und Theaterpädagoge Alois Banneyer (Ruhrfestspiele Recklinghausen)

Karten für die Ruhrfestspiele: 02361/ 92180

Premiere in Düsseldorf: 20. Mai 2017

Kartentelefon: 0211/ 36 99 11, montags bis samstags 11.00 bis 18.30 Uhr
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