Besuch aus Venedig

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Hanns-Josef Ortheils Roman „Der Typ ist da“



Plötzlich ist er da. Leise und doch bestimmend, hilfsbereit, aber nicht unterwürfig. "Ich bin Matteo, sagt der Typ und rührt sich weiter nicht. Als sie seinen Namen hört, fällt er ihr wieder ein. Matteo! Er war der Unscheinbarste von allen, ein stiller, höflicher junger Mann, immer etwas am Rand des Geschehens." Der junge Venezianer ist einer lose ausgesprochenen Einladung der Kölner Studentin Mia gefolgt und stellt fortan das Leben in einer Drei-Frauen-WG auf den Kopf.


Der 66-jährige Hanns-Josef Ortheil zählt zu den versiertesten, vielseitigsten und produktivsten Gegenwartsautoren. Mit seiner sprachgewaltigen, im 18. Jahrhundert angesiedelten opulenten Künstler-Romantrilogie (1998-2000 erschienen) hat der gebürtige Kölner Kritik und Leser gleichermaßen fasziniert. Vieles aus den jüngeren Büchern entstammt Ortheils eigener Vita: das introvertierte Kind, das verstummte und erst im Alter von sieben Jahren richtig zu sprechen begann, das auf Reisen mit dem Vater die Welt auf ganz spezielle Art erkundete, das später ein großes musikalisches Talent offenbarte, aber wegen chronischer Sehnenscheidenbeschwerden die angestrebte Pianistenkarriere aufgeben musste. Und in all seinen Büchern erwies sich Ortheil sowohl stilistisch als auch inhaltlich als leisetretender Traditionalist.

Ohne großes Pathos, aber mit reichlich Liebe zu den Zwischentönen erzählt Ortheil nun die Geschichte des jungen venezianischen Restaurators, der in Köln den Dom studieren will, aber mit seinem Auftreten (offensichtlich ungewollt) das Leben von drei jungen Frauen auf den Kopf stellt.
Matteo ist alles andere als ein Traumboy, er ist ein eher stiller Typ, der aber über eine gewinnende, positive Ausstrahlung verfügt. In der Frauen-WG trifft er auf Mia, die Studentin der Kunstgeschichte, die einst die Einladung ausgesprochen hatte, auf Xenia, die ein kleines Szene-Café betreibt und die vergeistigte Buchhändlerin Lisa, die ihr Leben offensichtlich nur mit wenigen literarischen Figuren teilt.

Protagonist bleibt fremd
Die anfängliche Skepsis gegenüber dem Gast verwandelt sich sukzessive in einen latenten Konkurrenzkampf um Matteos Gunst. In seiner Abwesenheit wird er von allen lange Zeit – etwas abschätzig - „der Typ“ genannt. In Xenias Café schlägt er vor, das Angebot mit italienischen Spezialitäten aufzufrischen, Lisa begegnet er in Gedanken versunken am Kölner Dom, und Mia ist begeistert von Matteos kunstgeschichtlichem Interesse.
Und doch hat man als Leser gewisse Schwierigkeiten mit dem männlichen Protagonisten. Er trägt allzu starke samariterhafte Züge, seine Hilfe wirkt bisweilen aufdringlich und seine Ratschläge besserwisserisch. Die drei Frauen beginnen ihren Alltag neu zu „sortieren“, sich zu hinterfragen und ihre Lebenswege zu bilanzieren. Der Impuls ging von Matteo aus.
Der Roman wirkt mit diesen Figuren seltsam unzeitgemäß, wie aus einer längst vergangenen Epoche. Matteos plötzliches Auftreten in Köln hat für die drei Frauen den Charakter eines geradezu spirituellen Erweckungserlebnisses. Keine Karrieregedanken, kein Zeitgeistwahn um Mode und andere Statussymbole, wenig erotische Träumereien, kein multimediales Dauergefunke – diese vom Traditionalisten Ortheil inszenierten Twens würde man heute am liebsten unter Artenschutz stellen.
Restaurator Matteo tritt so auf, als solle er die Risse in unserem Alltag ein wenig kitten, bei der Entschleunigung helfen und tradierte Werte bewahren. Ziel seiner Reise war, Köln zu studieren, „um in dessen alten Figuren und Zeichen Verwandte zu den Figuren und Zeichen Venedigs zu entdecken". Das ist ziemlich dick aufgetragen, doch Ortheil fährt noch schwereres symbolisches Geschütz auf und lässt Matteo sagen: „Ich gebe den Figuren oder Dingen ihre alte Schönheit zurück.“
Ein Roman darf fraglos (fast) alles, auch mit völlig unzeitgemäß handelnden Figuren und bedeutungsschwangerer Metaphorik spielen. Aber selten hat sich Hanns-Josef Ortheil erzählerisch so weit von der Realität entfernt. Dieses Buch und auch die Figuren sind so abenteuerlich altmodisch, dass man fürchtet, beim Umblättern irgendwann gegen die Patina auf den Buchseiten ankämpfen zu müssen.

Hanns-Josef Ortheil: Der Typ ist da. Roman. Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2017, 305 Seiten, 20 Euro
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