Durch Schreiben retten

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Hanns-Josef Ortheils Roman „Der Stift und das Papier“

Ein Mann sitzt in einer Jagdhütte im Westerwald, blickt bei Eintritt der Dämmerung aus dem Fenster Richtung Norden. Auf dem Tisch liegen vor ihm Stifte und weißes Pa­pier. „Plötzlich von ei­nem Moment auf den andern..... bin ich wieder: Das Kind, das schreibt.“

So bedächtig und un­spektakulär beginnt Hanns-Josef Ortheil seinen neuen, wieder stark autobiografi­schen Roman. Der 64-jährige Autor, der Ende Oktober eine Poetik-Dozentur an der Uni Köln über­nommen hat, gehört zu den vielseitigsten, produktivsten und sprachlich elegantes­ten Autoren der Nachkriegsgenerati­on. Seit 2003 ist Ort­heil überdies als Pro­fessor für kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Uni Hil­desheim tätig. Mit seiner sprachgewaltigen, im 18. Jahrhundert an­gesiedelten Künstler-Romantrilogie (1998-2000 erschienen) hat der gebürtige Kölner Kritik und Leser gleichermaßen fasziniert und seinen literarischen Durchbruch gefeiert.
Seit einigen Jahren (beginnend mit „Die Erfindung des Lebens“, 2009) hat Ortheil Phasen aus seiner eigenen Vita zum literarischen Sujet ge­macht. Wir lernten das introvertierte Kind kennen, das verstummte und erst im Alter von sieben Jahren richtig zu sprechen begann, das dann ein großes musikalisches Talent offenbarte, aber wegen chroni­scher Sehnenscheidenbeschwerden die angestrebte Pianistenkarriere aufgeben musste.
"Das Kind weiß, dass es sich durch das Schreiben retten und am Le­ben erhalten kann", hieß es im 2010 erschienenen Vorgängerwerk "Die Moselreise". Genau diese Phase des Spracherwerbs, die Rettung aus der Welt des Verstummten steht im Mittelpunkt des neuen Buchs.
In der zum Romaneinstieg beschriebenen Waldhütte hat ihn sein Va­ter einst behutsam zum Malen und Schreiben animiert. Mit aufgemal­ten Wolkenformationen hat alles begonnen, später schreibt der Junge alles auf: Beobachtungen, Gesprächsfetzen, die er aufgefangen hat – oft begleitet von Bach-Klängen. Er sammelt und archiviert mit großer Leidenschaft und Sorgfalt seine Aufzeichnungen. Die Sprache fesselt ihn und wächst schon früh über den Status des reinen Kommunikati­onsmediums hinaus.
Der Vater hat ihn aus der „stummen Welt zurück geholt“, in die er sich im Alter von drei Jahren (offensichtlich aus „innerer“ Solidarität mit seiner traumatisierten Mutter) zurück gezogen hatte. Vier ältere Kinder hatte die Mutter verloren. „Ich weiß nicht genau, warum jetzt keiner von ihnen mehr lebt“, schrieb Ortheil über diese Schicksals­schläge in „Die Berlinreise“ (2014).
Erinnerungen, Reflexionen und fiktive Einschübe werden sorgfältig verknüpft und eine behutsame Annäherung an die eigene Kindheit be­trieben, an die Aneignung von Sprache und den allmählichen Erwerb der Fähigkeit des schriftlichen Ausdrucks. Hier gelingen Ortheil Passa­gen von großer sprachlicher Dichte. Er beschreibt, wie er sich als Kind über das Erlernen neuer Vokabeln freut und wie er danach mit spiele­rischer Leichtigkeit mit ihnen umgeht. Das Schreiben vollzieht sich schon in jungen Jahren als stiller, besinnlicher Akt – als eine beinahe meditative Tätigkeit des Insichgehens in selbst gewählter Einsamkeit.
Es lässt sich einwenden, dass einige Motive aus den Vorgängerwerken bereits bekannt sind und Ortheil momentan seine eigene Vita all zu sehr künstlerisch „ausbeutet“. Und doch nimmt auch dieser Roman, diese poetische Reise in die Kindheit des Autors auf seltsame Weise gefangen. Vielleicht durch den melancholischen Zauber, den Stifte, Papier und Klaviermusik entfachen. Ortheil bewahrt uns hier auch die Erinnerung an eine Kindheit, die nicht von Apps und Game-Stores, sondern von „Lieblingsbleistiften“ geprägt ist. Unzeitgemäß vielleicht, aber dennoch zeitlos schön, was uns „das Kind, das schreibt“, zu vermitteln weiß.

Hanns-Josef Ortheil: Der Stift und das Papier. Roman. Luchterhand Verlag, München 2015, 384 Seiten, 21,99 Euro
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