Eine Frau namens Happy

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Zum 70. Geburtstag des amerikanischen Schriftstellers
Paul Auster am 3. Februar* erscheint der gigantische Roman „4321“




“Schreiben ist für mich kein Akt des freien Willens, es ist eine Frage des Überlebens“, hatte Paul Auster kürzlich in einem Interview bekannt. Und dementsprechend liest sich auch sein gigantischer Roman „4321“. Es ist ein opulentes biografisches Verwirrspiel, ein höchst ambitioniertes literarisches Rätsel, ein ausschweifendes Zeitpanorama – vor allem aber auch eine bilanzierende Selbstbefragung eines verdienstvollen Autors.



Im Mittelpunkt dieser viergeteilten opulenten Biografie steht Archibald Ferguson, der in den 1950er Jahren in Newark (wie der Autor selbst) aufwächst. Aus alternierenden Perspektiven begegnet der Leser vier unterschiedlichen Biografien des Protagonisten.
Gleich viermal erleben wir Schulbesuche, Irrungen und Wirrungen der Pubertät, den ersten Sex und die Tragik der ersten Liebesunglücke. „Was, wenn ich in einem anderen Land geboren worden wäre. Was wäre, wenn mein Vater gestorben wäre, als ich sieben war. Was wäre, wenn. Alle möglichen Was-wäre-Wenns. Dieses Buch gab mir die Möglichkeit, das durchzuspielen", erläuterte Auster den Reiz seines großen biografischen Erzählmonstrums. Der Roman trägt den rätselhaften Titel "4321", weil die vier Archie-Varianten nicht gleich lang leben, der erste stirbt mit 13, am Schluss bleibt nur einer übrig.
Mal betreibt Vater Ferguson ein kleines Elektrogeschäft, mal kommt er in jungen Jahren bei einem Brand ums Leben, die Mutter ist Hausfrau oder in einer anderen „Version“ eine berühmte Fotografin. Das erfordert vom Leser nicht nur reichlich Ausdauer, sondern auch die Bereitschaft, sich auf all die spielerischen Wendungen des Autors uneingeschränkt einzulassen.

Nicht alles überzeugend
Angesichts des gigantischen Umfangs ist es kein Wunder, dass längst nicht alle Passagen in diesem, im Vorfeld mit allerlei Superlativen bedachten Romans überzeugen können. „Es war Ende Januar 1944. In Russland hatten die neunhundert Tage der Belagerung Leningrads ein Ende gefunden, bei Monte Cassino wurden die Alliierten von den Deutschen aufgehalten, im Pazifik bereiteten die Amerikaner einen Angriff auf die Marshall-Inseln vor, und an der Heimatfront, am Rand des Central Park in New York City, machte Stanley Rose einen Heiratsantrag.“ So etwas würde man in einem Geschichtsbuch für die Mittelstufe so gerade noch tolerieren, in einem ausgewachsenen Roman eines Autors, der immer wieder in die Nähe des Nobelpreises gerückt wird, wirkt dies eher befremdlich. Etwas weniger hätte bei „4321“ mehr sein können. Auch der zuckersüße Schluss kann nicht wirklich überzeugen: „Er war verheiratet mit einer Frau namens Happy.“
Austers Schriftstellerkarriere begann einst ziemlich holprig. Das Manuskript seines Romans "Die Stadt aus Glas" hatte er an 17 Verleger geschickt und zunächst nur Ablehnungen kassiert. Trotzdem hat der US-Schriftsteller weiter geschrieben und seit Abschluss seiner "New-York-Trilogie", deren Eröffnungsband der einst verschmähte Roman "Die Stadt aus Glas" war, Ende der 1980er Jahre Kultstatus erlangt. Seine Bücher sind inzwischen in mehr als 30 Sprachen übersetzt und international ausgezeichnet worden (zuletzt 2006 mit dem hochdotierten Prinz-von-Asturien-Preis).
Viele seiner Figuren sind selbst Schriftsteller, die oft vom Weg abkommen und ziellos durchs Leben vagabundieren - wie Taumelnde in einem Labyrinth der Zufälle. Keineswegs zufällig ist es hingegen, dass dieser labyrinthische Handlungsschauplatz oftmals New York ist. Anderes Personal ließ Auster nach vielen Jahren wieder auftauchen; so ist aus der attraktiven Anna Blume aus dem "Land der letzten Dinge" (1989) in "Reisen im Skriptorium" (2007) eine in die Jahre gekommene fürsorgliche Krankenschwester geworden.

Bewundernswertes Pensum
Paul Auster, der heute* vor 70 Jahren als Sohn österreichischer Juden in Newark geboren wurde, studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaft, ehe er sich in den frühen 1970er Jahren mehrmals nach Europa begab - in Irland die Fährte von James Joyce aufspüren wollte und in Paris Samuel Beckett begegnete. Später machte er sich auch als Übersetzer französischer Literatur (u.a. Sartre und Mallarmé) einen Namen. Überhaupt ist Austers Vielseitigkeit und sein Arbeitspensum geradezu bewundernswert. Mehr als ein Dutzend Romane, Film-Drehbücher, Erzählungen, Essays, autobiographische Skizzen, Übersetzungen, selbst Gedichte gehören zu seinem opulenten Oeuvre. Beim Film "Lulu on the bridge" stand er sogar als Regisseur hinter der Kamera. "Ich glaube, dass jeder Autor gewissen inneren Zwängen unterliegt. Ich jedenfalls verspüre den ständigen Druck, weiterzuschreiben, weiterzuarbeiten. Jedes Mal, wenn ich etwas abgeschlossen habe, fürchte ich, versagt zu haben", erklärte Paul Auster vor zehn Jahren in einem Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit". Das gigantische Produkt der letzten Dekade hat er sich mit „4321“ selbst zum runden Geburtstag auf den Gabentisch gelegt.

Paul Auster: 4321. Roman. Aus dem Englischen von Thomas Gunkel, Werner Schmitz, Karsten Singelmann und Nikolaus Stingl. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017, 1259 Seiten, 29,95 Euro
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