Zuschauerin des eigenen Lebens

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Bernhard Schlinks Roman „Olga“ (erscheint am 12. Januar)



„Sie macht keine Mühe, am liebsten steht sie und schaut.“ Mit diesem für seine Protagonistin Olga charakteristischen Satz eröffnet Bernhard Schlink seinen neuen, weit ausholenden Roman. Auf etwas mehr als 300 Seiten versucht der Bestsellerautor ein historisches Panorama von über hundert Jahren auszubreiten.


"Ich war zu alt, als dass die neue Rolle mein Leben entscheidend hätte verändern können. Ich hatte meinen Ort in der Welt bereits gefunden", bekannte Bernhard Schlink 2009 in einem FAZ-Interview über sein "zweites Leben" als Schriftsteller. Er war immerhin schon Mitte vierzig, als er seinen ersten Roman vorlegte, war bis zu seinem 65. Lebensjahr nicht einmal Berufsschriftsteller, und doch hat er mit „Der Vorleser“ einen der (vor allem auch international) erfolgreichsten deutschen Romane der letzten 30 Jahre vorgelegt. Der Roman wurde in über 50 Sprachen übersetzt und war das erste deutsche Buch, das auf Platz eins der Bestsellerliste der „New York Times“ stand. Auch die Kinoversion mit Oscar-Preisträgerin Kate Winslet und David Kross in den Hauptrollen war ein respektabler Erfolg.
Schlink war fast 20 Jahre Richter am Verfassungsgerichtshof für das Land Nordrhein-Westfalen in Münster und wurde vor 2009 Jahren als Professor für öffentliches Recht und Rechtsphilosophie an der TU Berlin emeritiert.
Nun hat er ein sehr ambitioniertes Projekt abgeschlossen, den literarischen Versuch, ein politisch äußerst ereignisreiches Jahrhundert erzählerisch in einen knappen Roman zu pressen. Im Mittelpunkt der dreigeteilten Handlung steht Olga, die am Ende des 19. Jahrhunderts in Schlesien geboren wird, früh ihre Eltern verliert und bei ihrer Großmutter in Pommern aufwächst.
Sie ist ein zurückhaltendes, fast schüchternes Kind und lernt in der Schule den aus wohlhabender Familie stammenden Herbert kennen, der aus ganz anderem Holz geschnitzt ist: ein Draufgänger mit großer Abenteuerlust. Gegen den Widerstand von Herberts Familie kommen sich die beiden so unterschiedlichen Figuren peu à peu näher. Während Olga sich stundenlang in Büchern vertieft und ihren Geist schult, treibt es den ruhelosen Herbert nach draußen, von der Sehnsucht nach großen Abenteuern und körperlichen Herausforderungen inspiriert. Er kämpft später gegen die Hereros in Deutsch-Südwestafrika („Er wollte in der Wüste nichts machen, er wollte sich in ihr verlieren. Aber die Weite ist nichts. Er wollte sich im Nichts verlieren."), liegt in Schützengräben und ist unterwegs in der ganzen Welt: zur Mehrung seines eigenen Ruhms und im Dienste des Vaterlandes, bis hin zu einer dilettantisch organisierten Arktis-Expedition. Olga schafft es auf das Lehrerinnenseminar in Posen und unterrichtet später mit spürbar großer Freude.

Das Gehör verloren

Der mittlere Teil des Buches wird von Ferdinand erzählt, der die Protagonistin schon als Kind kennen gelernt hat und ihren leidvollen Weg von der Lehrerin zur Näherin begleitet hat. Olga Rinke hat ihr Gehör verloren und muss ihren geliebten Beruf aufgeben, während ihr Geliebter den zweifelhaften Zielen wechselnder politischer Machthaber hinterher hechelt.
Anders Olga. Sie lebt passiv, erleidet und erduldet (im wahrsten Sinne des Wortes) die Geschichte und wirkt wie eine Zuschauerin ihres eigenen Lebens. Und doch hat man das Gefühl, dass sie im hohen Alter (obwohl gehörlos, aber wachen Geistes) ihren inneren Frieden gefunden hat.
Bernhard Schlink erzählt Olgas Leben wieder einmal mit großem Tempo und ohne verbalen Schnickschnack. Als Leser fühlt man sich geradezu durch die Seiten getrieben. Die holzschnittartige politische Schwarz-Weiß-Malerei (die gute unbedarfte Olga, der böse Herbert) mag zwar vom Autor intendiert sein, überzeugen kann sie dennoch nicht.
Lediglich der Schlussteil mit Olgas persönlichen Briefen an Herbert geht emotional in die Tiefe und weckt Empathie beim Leser. „Man kann auch im Brief ein Geschenk sein“, schreibt Olga dem fernen Geliebten. Das klingt herzzerreißend gut gemeint. Aber nicht immer bedeutet (wie dieser Roman zeigt) gut gemeint auch gut gemacht.

Bernhard Schlink. Olga. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2018, 311 Seiten, 24 Euro
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