Per Anhalter zu den Olympischen Spielen - Der Wittener Norbert Buchmann war 1964 in Tokio

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Die gesamtdeutsche Fahne mit den olympischen Ringen. (Foto: Norbert Buchmann)
 
Die Atmosphäre im Stadion vor dem Olympischen Feuer ist eine ganz besondere. (Foto: Norbert Buchmann)

Die Olympischen Spiele von Rio de Janeiro liegen nun ein paar Tage zurück. Die nächsten finden 2020 in Tokio statt, dann bereits zum zweiten Mal in der japanischen Hauptstadt. Dort traf sich die Jugend der Welt schon einmal im Jahr 1964. Unter ihnen: Der Wittener Norbert Buchmann, allerdings als Zuschauer. Hier ist sein Bericht:

Witten/Tokio. "Eine Reise nach Japan zu den Olympischen Spielen war für einen jungen Menschen damals finanziell fast unerschwinglich. Einige Touristen wählten den Weg mit der Trans-Sibirischen-Eisenbahn bis Wladiwostok und weiter mit einem Schiff nach Japan.

Mir gelang es, im Zusammenhang mit meiner Weltreise per Anhalter nach Indien, weiter nach Japan zu kommen. Als „work away passenger“ konnte ich mit einem dänischen Tanker von Bombay über Mocambique (südliches Afrika), Australien nach Yokohama in Japan fahren, Ankunft 30. September 1964. Es war also noch Zeit genug, sich bis zur Eröffnung der Spiele am 10. Oktober 1964 mit Land und Leuten zu beschäftigen.

Tokyo mit damals 10 Millionen Einwohnern größte Metropole der Welt faszinierte als Schmelztiegel fernöstlicher und westlicher Kultur. Andere Reisende bezeichneten die Stadt als hässlichste Stadt der Welt, wegen der unzähligen vielen einstöckigen Holzhäuschen. Japan präsentierte sich 1964 als Land der Superlative: Mit über 200 km/h fuhr der schnellste Zug der Welt von Tokyo nach Osaka, hier stand mit 330 Meter Höhe der „Tokyo Tower“ als höchster Turm der Welt, der Kimono galt als schönstes Frauengewand, es gab größere Kaufhäuser und Einkaufszentren als in New York, Japan baute die größten Tanker der Welt. Nicht zu vergessen mit 94 Nationen die größte Olympiaveranstaltung damals. Rom hatte 1960 nur 85 teilnehmende Nationen. Tausende Menschen aus aller Welt erfreuten sich an der Begegnung in Asien, mit Menschen des geheimnisvollen „Fernen Ostens“. Offenherzige, freundliche Menschen, jedoch manchmal noch fremd und rätselhaft, mit anderer Denkweise.

Mit Weltenbummlerbart und Jeans wurde ich vor dem Stadion oder vor den Wettkampfhallen von Japanern freundlich angesprochen und um Autogramme gebeten. Ein älterer deutscher Japankenner erklärte mir die Situation. Mit diesem Erscheinungsbild würde ich als „henna gaijing“ als als „komischer Ausländer“ angesehen. Er gab mit den Rat: Bart ab, neue Hose und Hemd kaufen, das schafft Respekt vor einem Europäer. So war es damals. Heute sind Japaner welterfahrene Menschen.

Von der Eröffnungsveranstaltung am 10. Oktober 1964 konnte ich im Stadion nur die letzten 15 Minuten sehen, dafür aber mit viel Glück direkt am Stadioneingang den Einmarsch der 94 Nationen mit rund 5000 Sportlern. Die gesamtdeutsche Mannschaft war mit 510 Teilnehmern und Funktionären beim Einmarsch die größte Mannschaft, größer als Gastgeber Japan. Die Mannschaft war gebildet worden aus qualifizierten Teilnehmern der DDR und der Bundesrepublik Deutschland. Die gemeinsame Fahne war schwarz-rot-gold mit den olympischen Ringen in der Mitte. Am 17. Oktober 1964 berichtete die Japan Times über die deutsche Mannschaft. In diesem Team sei die heikelste, verrückteste Situation. Die Teilnehmer wohnen zusammen im Olympischen Dorf, jedoch in getrennten Quartieren. Sie essen gemeinsam, aber an getrennten Tischen. Sie reden nicht miteinander, mit Ausnahme die Boxer, die Sparrings-Partner sind. Über den Fahnenträger im Dorf zum Hissen der deutschen Fahne gab es keine Einigung. Die Fahne wurde ohne Träger und ohne Nationalhymne gehisst. Die Fahne beim Einmarsch ins Olympia-Stadion zur Eröffnung wurde von der westdeutschen Ingrid Kramer getragen. Damals hatte die DDR noch um die internationale Anerkennung als Staat gerungen. Entgegen der Vereinbarung wurden in Tokyo in öffentlichen Verkehrsmitteln Ansichtskarten von Berlin als Hauptstadt der DDR verteilt. Ein Gespräch mit mir darüber lehnte der Verteiler ab. Eine nette Begegnung mit einem teilnehmenden DDR-Boxer hatte ich vor einer Box-Halle. Er schenkte mir eine Eintrittskarte, 1. Reihe direkt am Ring. Sehr mutig war auch eine Turnerin aus Halle/Saale. Sie wagte es, sich mit mir zu unterhalten. Nach dem Mauerbau 1961 war es doch klar, dass ich mit großer Wahrscheinlichkeit ein Westdeutscher sein musste. Es war die letzte gemeinsame Mannschaft.

Ein älterer Japaner verkaufte mir zum Normalpreis vor dem Stadion eine Eintrittskarte für den 14. Oktober 1964. Der 10.000-Meter-Endlauf, immer ein Höhepunkt der Leichtathletik, war für den Nachmittag angesagt. Von 39 gestarteten Läufern wurden viele mehrfach überrundet. Während die Siegerehrung bereits vorbereitet wurde, lief immer noch ein einsamer mehrfach überrundeter Läufer brav seine 10.000 Meter zu Ende. Man kann sich nicht vorstellen, wieviel Mitleid und Sympathie die 70.000 Zuschauer dem einsamen Läufer mit anhaltendem Beifall spendeten. Wahrscheinlich erhielt er mehr Beifall als der ehrenwerte Sieger.

Wie sagte doch Pierre de Coubertin: „Das Wichtigste bei Olympischen Spielen ist nicht zu siegen, sondern teilzunehmen. Denn auch im Leben ist nicht das Wichtigste der Triumph, sondern der Kampf“. So stand es auch auf der Anzeigetafel im Olympiastadion.

Olympische Spiele sind immer ein besonderes Erlebnis. Ob im Stadion oder in der Olympia-Stadt, überall, wo Menschen sind, herrscht olympische Atmosphäre, Begeisterung, Gastfreundschaft, besonders in Japan."

Und sonst noch...


Mit Bronze-Medaillen-Gewinner im Rudern „Vierer ohne Steuermann“ Theodore P. Mittet aus den USA reiste Norbert Buchmann eine Woche ins südliche Japan von Jugendherberge zu Jugendherberge.

Klaus Rost, ein Ringer aus Witten, holte die Silbermedaille im Freistil, Leichtgewicht.
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