Ein Bild - Eine Geschichte

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Engelszauber

Hochkonzentriert hängte Lukas den kleinen Engel an den Tannenbaumzweig. Die Zunge lugte aus dem linken Mundwinkel und seine kleine Stirn war in Falten gelegt. Dieses Weihnachten war das erste Mal, dass er beim Baumschmücken nicht nur zusehen, sondern helfen durfte. Papa würde stolz auf ihn sein, wenn er heute Abend nach Hause kommen würde. Er drehte den Engel so, dass man ihn gut sehen konnte und schaute dann zufrieden zu Mama, die ihn bestätigend anlächelte. In dem Moment klingelte das Telefon. Mama nahm ab:
„Hallo? … Wie, du kommst heute nicht. … Du hattest doch gesagt … Morgen Abend?! Da ist doch schon alles vorbei! … Es nützt nichts, dass Oma und Opa da sind. Du hattest ihm versprochen, dass du dieses Jahr Heiligabend mit uns feierst! … Kannst du nicht … ? Wie soll ich ihm das beibringen?“
Obwohl Mama leise gesprochen hatte, hatte Lukas genug gehört. Papa würde wieder nicht zu Weihnachten zu Hause sein. Tränen schossen ihm in die Augen. Er rannte in sein Zimmer, warf sich aufs Bett und weinte lauthals. Er hatte es sich doch vom Weihnachtsmann gewünscht! Und der Weihnachtsmann erfüllt doch Wünsche, wenn man brav war und er hatte sich das ganze Jahr solche Mühe gegeben. Es klopfte an der Tür, Mama kam herein, setzte sich zu ihm und strich ihm über den Kopf.
„Der Weihnachtsmann ist ein Arschloch!“, schniefte Lukas.
„Lukas, ich will dieses Wort nicht hören!“ Mama versuchte streng zu klingen.
„Ist doch wahr. Ich war so brav und trotzdem hat er meinen Wunsch nicht erfüllt. Er ist voll doof!“
Mama, hin- und hergerissen, ob sie nun schimpfen oder ihn trösten sollte, nahm ihn in den Arm und sagte:
„Weißt du, gegen die Gemeinheit mancher Leute, ist auch der Weihnachtsmann machtlos.“ Sie drückte Lukas noch einmal fest. „Was hältst du von einem heißen Kakao?“ Sie lächelte ihn an. Lukas nickte immer noch missmutig.
Später, in der Nacht als Mama schon schlief, schlich sich Lukas aus seinem Zimmer. Er hatte in seinem Bett gelegen und gelauscht, bis alles still gewesen war. In der Hand hielt er ein Bild, das er am Nachmittag noch gemalt hatte. Er tastete sich im Schein der Straßenlampe, die durch das Wohnzimmerfenster schien, zum Weihnachtsbaum vor und steckte das Bild zu dem Engel zwischen die Zweige.
„Ich wünsche mir so sehr, dass Papa morgen Nachmittag da ist!“
Dann schlich er zurück ins Bett. Er bemerkte nicht, dass der Engel zu leuchten begann und das Blatt Papier verschwand.
Lukasֹ’ Papa kam am Weihnachtsmorgen in das Büro seines Chefs. Der meinte stirnrunzelnd:
„Herr Müller, was tun Sie noch hier?“
Lukas’ Papa stutzte.
„Die Präsentation! Sie wollten doch, dass ich noch bleibe und …“
Der Chef winkte ab.
„Das schaffe ich auch ohne Sie. Fahren Sie nach Hause zu Ihrer Familie!“
Das ließ sich Lukas’ Papa nicht zweimal sagen. Er würde es bis Mittag nach Hause schaffen. Lukas würde Augen machen! Mit einem ‚Frohe Weihnachten!‘ verließ er das Büro.
Sein Chef nahm wieder das Blatt Papier in die Hand, das er eben zur Seite gelegt hatte. Es war eine Kinderzeichnung. Darauf zu sehen: Eine Familie, die sich an den Händen hielt, unter einem Weihnachtsbaum.
Er lächelte.
„Frohe Weihnachten!“
www.sabine-kalkowski-schriftsteller.de
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